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Über Baumzähler, Laser und Radare

Was sich im Wald wie messen lässt und wer davon profitiert

David Krutzler
Erschienen in
Zuschnitt 51: Der Wald
September 2013, Seite 18f.
Österreich aus 600 km Höhe aufgenommen vom Erdbeobachtungssatelliten Landset 7

So ein Wald, der hat schon was. Für Schwammerlsucher und Wanderer bietet er Erholung, für Läufer oder Mountainbiker Herausforderungen. Er ist wichtiger Kohlenstoffspeicher, schützt Mensch und Natur vor Muren und Lawinen – und er gibt der Forst-, Säge- und Holzindustrie ihre wichtigste wirtschaftliche Grundlage. »Das ist längst nicht alles«, sagt Klemens Schadauer, der Leiter des Instituts für Waldinventur des Waldforschungszentrums (BFW). Mit seinem Team erhebt Schadauer Daten über den Zustand des österreichischen Waldes. An denen sind neben der Industrie Landwirte genauso interessiert wie Umweltorganisationen, die Almwirtschaft oder der Tourismus. »In manchen Regionen gibt es etwa die Angst, dass der Wald überhandnimmt«, sagt Schadauer. So würden sich einige Alm- oder Landwirte sowie Tourismusbetriebe für ihre wirtschaftlichen Interessen in ihren Regionen deutlich weniger Wald wünschen. Auch sie verfolgen die Waldflächenveränderung ganz genau.

Bäume zählen fürs Kyoto-Protokoll

10 Millionen Euro hat Schadauer in einem Untersuchungszeitraum von vier Jahren zur Verfügung, 200 Parameter werden erhoben. Art, Höhe und Dicke eines Baumes sind gerade einmal drei Punkte. Dazu kommen zahlreiche Informationen zu seiner ökonomischen und ökologischen Leistungsfähigkeit. »Ich kenne kein zweites Umweltmonitoring, das so große Finanzmittel benötigt«, sagt Schadauer.
Derzeit lässt der Institutsleiter durch Mitarbeiter der Waldinventur aktuelle Daten für das Kyoto-Protokoll erheben. Denn das Klimaschutzabkommen verpflichtet die teilnehmenden Länder, jährlich zu berichten, wo sich die Waldfläche und wie sich die Biomasse im Wald verändert. Liefert Österreich keine Berichte, setzt es Strafen. In Zukunft soll der Auftrag noch größer werden: Bis 2020 wird durch das Kyoto-Protokoll eine komplette Waldinventur verpflichtend gefordert.
Das trifft sich insofern gut, als sehr viele der zusätzlich geforderten Daten schon in der österreichischen Waldinventur erhoben werden. In einem Zeitraum von drei Jahren wird der Wald von 55 Mitarbeitern statistisch signifikant erforscht. Von den rund 3,4 Milliarden Bäumen im Wald werden etwa 90.000 persönlich besucht, die erhobenen Daten lassen sich auf plus/minus 1 Prozent genau hochrechnen. Zwischen 2007 und 2009 wurde die letzte Waldinventur durchgeführt, ab 2015 ist die nächste geplant.

Biomasse errechnen mit Laserscannern und Luftbildern

Eine Erkenntnis aus der letzten Untersuchung war: Der Waldanteil in Österreich nimmt nach wie vor leicht zu. Die Gründe dafür sind der Rückgang von landwirtschaftlich genutzten Flächen, die wieder Wald wurden, sowie Aufforstungsinitiativen und der Klimawandel, der in alpinen Gebieten die Waldgrenze nach oben wandern lässt. Es wird aber auch immer mehr Holzzuwachs genutzt, »von der Biomasse- bis zur Säge- und Papierindustrie«, sagt Schadauer. Das Kapital wird (noch) nicht angerührt, die Zinsen schon. Um den verschiedenen Interessengruppen noch aufschlussreichere Daten anzubieten, wird auch mit terrestrischen Laserscannern gearbeitet. Billig ist die Methode nicht, flächendeckend kann sie derzeit noch nicht zum Einsatz kommen. Zudem sind die zu verarbeitenden Datenmengen riesig. »Wenn ich einen Datensatz für ganz Österreich brauche, ist der Rechner mindestens zwei Jahre damit beschäftigt«, sagt Schadauer, »abstürzen sollte er auch nicht.« Derzeit sind für Schadauer Luftbildaufnahmen ausreichend, Österreich wird diesbezüglich im Dreijahreszyklus überflogen. »Wir können diese Bilder mitnützen«, sagt er. Bis 2020, schätzt er, wird es eine Kombination aus Laserscanning und Luftbildern geben.2020 soll nach Plänen der Europäischen Weltraumorganisation (ESA) der 420 Millionen Euro teure Radarsatellit »Biomass« starten und vom All aus das globale Waldpotenzial feststellen. Durch Radarstrahlen, die bei den Überflügen mehrmals von der Erde reflektiert werden, lässt sich die Höhe der Bäume berechnen – und daraus die Biomasse und der CO2-Speicher.

Satellitenbilder werden mit den Daten der Waldinventur überlagert. Dann wird nach spektral, also farblich ähnlichen Probeflächen auf dem Satellitenbild gesucht und die vorhandenen Waldinformationen wie Baumartenanteil und Holzvorrat werden diesen Flächen zugeordnet – wie hier für das Rosaliengebirge. Dies nennt man k-nächste-Nachbarn-Methode. Bevor diese angewendet werden kann, müssen die unterschiedlichen Beleuchtungsverhältnisse (Licht und Schatten auf Süd- und Nordhängen) auf der Infrarot-Darstellung ausgeglichen werden.

Farb-Infrarot-Bild des Wöllaner Nock in Kärnten: Original und radiometrisch korrigiert.

Foto:

© BFW, Umweltbundesamt

Text

David Krutzler

seit 2002 Mitarbeiter der Tageszeitung Der Standard

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