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Bauhütte des Iseschreins

Tempel und Schreine in Japan

Christoph Henrichsen
Erschienen in
Zuschnitt 52: Holz im Sakralbau
Dezember 2013, Seite 22f.

Das Hauptheiligtum des Shintoismus, der Schrein von Ise, wird seit dem späten 7. Jahrhundert alle zwanzig Jahre komplett erneuert. Das Budget von etwa 500 Millionen Euro wird ausschließlich durch Spenden finanziert. Der Hauptschrein von Ise ist wohl der einzige Ort in Japan, bei dem von der Baumschule über eigene Forstwirtschaft, Einschlag, Einschnitt, Trocknung bis hin zu Abbund der Gebäude alle Arbeiten von eigenen Handwerkern ­geleistet werden. Besondere Aufmerksamkeit verdienen Anriss und Einschnitt der mehrhundertjährigen Zypressenstämme, aus denen das Tragwerk hergestellt wird. Die Stämme lagern nach dem ­Einschlag zunächst mehrere Jahre im Holzteich. Der Zimmermeister reißt jeden Stamm mit Hilfe von Schnüren, Schlagschnur, Winkel und Lot an.

Er notiert dabei mit Tusche auf dem Kopfholz des Stammes den Namen des Gebäudes, die Bezeichnung des Bauteils, gegebenenfalls auch seine Orientierung sowie eine mehrstellige Ordnungsnummer. Die Stämme werden danach an der Blockbandsäge eingeschnitten. Nachdem das Kopfholz zum Schutz vor Trockenrissen mit einer Wachsemulsion ein­gestrichen ist und Klammern eingeschlagen sind, trocknet es mindestens drei Jahre lang, bevor es in den Werkstätten des Schreins verarbeitet wird. ­Deren Personal wird während der Hochphase von zehn auf bis zu hundert Zimmerleute aufgestockt.

Zypressenstamm, für den Einschnitt vorbereitet; Ritus am inneren Iseschrein und eine von sechs Werkstätten der Bauhütte

Fotos:

© Christoph Henrichsen

Text

Christoph Henrichsen
Schreinermeister, studierte Baugeschichte und Japanologie in Wien, Köln und Tokio und promovierte über die Restaurierung historischer Holzarchitektur in Japan, zahlreiche Veröffentlich­ungen über Holzbau und Denkmalpflege