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Das Dachwerk von St. Stephan

Holzbaukunst aus dem Mittelalter

Clemens Knobling
Erschienen in
Zuschnitt 52: Holz im Sakralbau
Dezember 2013, Seite 24f.

Von jeher bewundern wir die großen Leistungen der Baumeister unserer Kirchen und Dome, seien es die weiten Hallen der Spätgotik oder die genialen Raumschöpfungen des Barock. Neben allem künstlerischen Anspruch gilt dabei allerdings immer:

Es kann nur gebaut werden, was auch überdacht werden kann. Und an dieser Stelle kommen der Baustoff Holz und die Zimmereikunst ins Spiel. Der Stand der Technik im Holzbau war stets ein determinierender Faktor für die künstlerische Freiheit des Architekten. Dessen Streben nach immer weiteren, lichteren Räumen regte dann auch den Erfindungsreichtum der Zimmerleute an, die immer ­größeren Spannweiten bewältigen zu können. Die Entwicklung reicht bis hin zu manch großen Dachwerken der Barockzeit, die man – obwohl schon vor Einführung der Hochbaustatik errichtet – als ingenieursmäßige Konstruktionen bezeichnen kann und ohne die manche Raumschöpfung des Barock nicht konstruierbar gewesen wäre. Die Dachwerke der großen Kirchen wurden in den letzten Jahren zunehmend erforscht. Das Interesse an diesen – auch für sich genommen – ästhetischen Konstruktionen ist groß. Ein ganz besonderes Beispiel soll im Folgenden kurz vorgestellt werden.

Mit dem Neubau des Hallenlanghauses des Wiener Stephansdomes wurde das größte Dachwerk des Mittelalters erbaut. Das um das Jahr 1450 aufgerichtete Zimmerwerk bestand aus Lärchenholz, einem sehr harten Nadelholz, welches sich für den Bau von Dachwerken gut eignet. Mit den seit dem Spätmittelalter immer größer werdenden Spann­weiten mussten die Trame bzw. Balken auch eine gewisse Länge erreichen, die man vor allem aus den Stämmen der hochgewachsenen Nadelbäume, neben der Lärche vor allem Tanne und Fichte, ­gewinnt – ein Vorteil gegenüber dem in früheren Zeiten oft verwendeten Eichenholz. Auch das Verhältnis von Dichte zu Festigkeit und die Möglichkeit der Aufforstung führten zur überwiegenden Nutzung der Nadelhölzer beim Dachwerksbau. Reichte auch die Länge der größten Stämme nicht mehr aus, verbanden die Zimmerer mehrere Trame mit reinen Holzverbindungen. Überhaupt kommen die größten historischen Dachwerke des Mittelalters, wie etwa in Wien, allein mit dem Baustoff Holz aus. Sämtliche Knotenpunkte waren rein zimmermannsmäßig ausgeführt und mit Dübeln aus Hartholz gesichert. Erst ab dem Spätmittelalter, besonders in der Barockzeit, werden Eisenbauteile für wenige, vor allem auf Zug beanspruchte Knotenpunkte eingesetzt.

Die Zimmerer am Stephansdom machten sich eine Innovation im Holzbau des Mittelalters zunutze – den so genannten stehenden Stuhl. Diese parallel zum First verlaufenden, wandartigen Konstruktionen ermöglichten eine gute Längsaussteifung und sollten die Lastabtragung optimieren. Wie auf einem Stuhl konnte sich das eigentliche Dach, Sparren und Kehlbalken, absetzen. Die Kehlbalken verbanden die Sparrenpaare miteinander. Dadurch entstanden horizontale Ebenen. Das Wiener Dachwerk war auf diese Weise bei einer Gesamthöhe von 36 Metern in sechs Stockwerken aufgebaut. Diese Konstruk­tionsweise erleichterte auch das Aufrichten des Daches erheblich: Man konnte sich von einer Kehlbalkenebene zur nächsten nach oben arbeiten.

Die Hölzer wurden vor dem Aufbau schon auf dem Zimmerplatz vorgefertigt und mussten über dem Kirchenschiff nur noch zusammengesetzt werden. Das Vorfertigen aller Elemente wird rund drei bis sechs Monate, das Aufstellen dann noch drei bis vier Wochen gedauert haben. In der Regel wurde das Holz im Winter eingeschlagen und schon im folgenden Sommer verbaut. Ein derartiges Bauwerk diente nicht nur dem Schutz vor der Witterung. Vielmehr sollte es – wie der Turm auch – weithin sichtbares Zeugnis vom Anspruch seiner Erbauer geben: ein riesiges, farbig eingedecktes Dach, das über der Stadt thront – die Silhouette des Stephansdomes wirkt nach wie vor als identitätsstiftendes Wahrzeichen der Stadt Wien.

Das Dachwerk des Stephansdomes stand fast 400 Jahre, bis es Ende des Zweiten Weltkrieges den Flammen zum Opfer fiel. Wohl dem Holzmangel der Nachkriegszeit geschuldet, wurde es als Stahlkonstruktion in der alten Kubatur wiedererrichtet. Im Rahmen eines Forschungsprojekts der Universität Bamberg konnte ein Rekonstruktionsmodell dieses Meisterwerks mittelalterlicher Holzbaukunst erstellt werden, das im jetzigen Dach zu besichtigen ist.

Aber auch heute noch sind zahlreiche historische Dachwerke erhalten. Ohne Berechnungsmöglichkeiten konstruiert, stellen sie sich seit Jahrhunderten Wind und Wetter entgegen. Österreich weist einen reichen Bestand solcher Dachwerke auf. Besonders beeindruckende Beispiele findet man über den großen Stadtpfarrkirchen, wie etwa in Steyr oder Schwaz, oder den Stiftskirchen, wie zum Beispiel in Neuberg an der Mürz.

Die Zeichnungen von C. A. Hinterleitner-Graf stammen aus der Österreichischen Zeitschrift für Kunst und Denkmalpflege 1960/Heft 4.

Fotos:

© Bundesdenkmalamt, Dombauhütte zu St. Stephan Wien, C. A. Hinterleitner-Graf

Text

Clemens Knobling
geboren 1981 in München, Studium der Architektur an der tu München, seit 2009 wissenschaftlicher Assistent am Lehrstuhl für Baugeschichte, Historische Bauforschung und Denkmalpflege der tu München. Er arbeitet derzeit an seiner Dissertation über Münchner Dachwerke vom Mittelalter bis ins 19. Jahrhundert.