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Der Baum der Erleuchtung

Natur als ­Brücke zur Religion

Alexander Demandt
Erschienen in
Zuschnitt 52: Holz im Sakralbau
Dezember 2013, Seite 19

Die Natur war stets eine Brücke zur Religion. Zu ­allen Zeiten verehrten Menschen die Götter auf Bergen, in Höhlen und an Quellen. Insbesondere waren es Bäume, den Menschen wesensverwandt, die religiöse Gefühle entfachten. Vor allem große und alte Bäume galten als Sitz, als Symbol oder gar selbst als Götter. Man schonte sie, schmückte sie und opferte ihnen. Die frühesten Zeugnisse weisen in das baumarme Ägypten der Pharaonen. Grabwände zeigen, wie die Himmelsgöttin Nut aus der Krone des Isched-Baums Betenden Gaben reicht; in der altägyptischen Stadt Heliopolis wurde ein solcher Baum verehrt. Eine Kette aus Früchten des segenbringenden Persea-Baums trägt die Berliner Nofretete um den Hals.

Wie bei allen indogermanischen Völkern hatten bei den Griechen Bäume kultische Qualität. Ihre ältes­ten Götterbilder bestanden aus Holz, ihre frühesten Heiligtümer waren heilige Haine, ihre ersten Tempel Holzbauten. Ihre Säulen sind rund, weil es ursprüng­lich Baumstämme waren. Aus der Eiche von Dodona, dem ältesten griechischen Orakelheiligtum, spen­dete schon zu Homers Zeiten Zeus seine Orakel. Die Apollonpriesterin Pythia zu Delphi kaute dem Gott heilige Lorbeerblätter, wenn sie weissagte. Der Ölbaum Athenas auf der Akropolis schlug nach dem Perserbrand 479 v. Chr. wieder aus und kündete mit frischem Grün den Wiederaufstieg der Stadt. Allen griechischen Göttern war eine Baumart geweiht: dem Herakles die Pappel, der Aphrodite die Myrte, dem Dionysos der Weinstock.

Die Römer übernahmen die Zuordnung der Bäume. Das älteste Heiligtum des Jupiter war eine Eiche auf dem Kapitol, wo der Sieger die Beutewaffen aufhängte. Zahlreiche heilige Haine sind überliefert. Wenn der Senator Cato der Ältere einen Baum fällen wollte, sprach er ein Sühnegebet an den Gott oder die Göttin im Baum und opferte ein Schwein, bevor er die Axt schwang. Bäume waren weiblich, bewohnt von Natur- und Baumgeistern, den Nymphen und Dryaden, einzelne bemerkenswerte Exemplare spiegelten das Geschick von Kaisern und ihren Familien.

Wie bei Griechen und Römern genossen auch bei Kelten und Germanen Bäume besondere Wertschätzung. Das Zentralheiligtum der Kelten in Gallien war der heilige Hain der Carnuten um die spätere Stadt Chartres. Der Kampf der Kirche gegen die volkstüm­liche Baumverehrung zog sich durch das Mittelalter hin und bis in die Reformzeit. So wie die Juden die Aschera-Bäume der Kanaanäer beseitigt haben, wurden die Eichen der keltischen Druiden und die Götterbäume der Germanen von den Missionaren gefällt – dort von Sankt Martin, hier von Bonifatius. In der Bibel erscheinen Bäume in verschiedensten Zusammenhängen, denken wir an den Baum der Erkenntnis im Paradies – ein Feigen-, kein Apfelbaum! –, der später mit dem Holz vom Kreuz Christi in Verbindung gebracht wurde, weiter an die zahlreichen Baumgleichnisse der Propheten und der Psalmen – immer wieder die Zedern des Libanon –, an die Baumbeispiele der Evangelien und bei Paulus. Er verglich die griechischen Heidenchristen mit Zweigen, die von einem wilden Ölbaum auf einen edlen gepfropft, das heißt: im Gottesvolk aufgenommen wurden.

Heiligkeit gewannen Bäume, wenn sie als Wohnsitz christlicher Asketen dienten. Entsprechend den spät­antiken Säulenheiligen gab es während des Frühmittelalters in Syrien die Baumheiligen (Dendriten), die ihr Leben im Geäst von Bäumen fristeten. Zahlreiche Kirchen und Klöster, die an und bei eindrucksvollen Bäumen liegen und die dem zuständigen Heiligen geweiht waren, kennen wir aus den altkeltischen Gebieten Irlands und Frankreichs. Dutzende von Marien-Eichen gibt es allein im Elsass. Als 1431 der heiligen Johanna der Prozess gemacht wurde, war der Hauptvorwurf, sie habe mit dem »Baum der Feen« bei Domrémy Zauberei getrieben. Doch hatte sie nur an dem Gottesdienst beim Marienbaum teilgenommen. Der nie verblassende heidnische Schimmer in der Liebe zu den Bäumen stellte die Geistlichkeit vor die Wahl »Umhauen oder Umwidmen«. Letzteres geschah häufiger.

Bis in die Neuzeit gibt es Berichte von katholischen Gläubigen, ihnen sei Maria oder ein Heiliger in einem Baum erschienen. Das wird dann von der ­Kirche »geprüft«, verworfen oder sanktioniert. 1917 erblickte ein Mädchen bei Fatima in Portugal die Mutter Gottes in einer Eiche. Daraus wurde ein Wallfahrtsort. Die neue, 2007 erbaute Pilgerkirche hat 9.000 Sitzplätze, doch ist von der Eiche nur noch ein Wurzelspross übrig. Als fromme Schwaben 1985 an der wundervollen Bavaria-Buche bei Pondorf, dem Baum der vier Jahreszeiten, ein Marienbild auf­hängten, war der Baum selbst die Erscheinung, die sie inspiriert hatte.

Der Baum in der Religion ist ein anthropologisches Phänomen. Das lehrt nicht zuletzt der Weihnachtsbaum. Er kam im 16. Jahrhundert im Elsass auf und hat weder eine heidnische noch eine christliche Vorgeschichte, sondern spricht für sich selbst. Dennoch wurde er zum zentralen Symbol des Christ­festes und erscheint heute in sakralem wie in profanem Kontext rund um die Welt.

Text

Alexander Demandt

geboren 1937, ist Professor Emeritus für Alte Geschichte an der Freien Universität Berlin, Arbeitsschwerpunkte: Spätantike, allgemeine Kulturgeschichte, Wissenschaftsgeschichte, Autor des Buches »Über allen Wipfeln. Der Baum in der Kulturgeschichte«, Böhlau Verlag, 2002