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Geheimnis und Alltag Frauenkloster im Pongau

Florian Aicher
Erschienen in
Zuschnitt 52: Holz im Sakralbau
Dezember 2013, Seite 16f.

Das »Obere Haus«: Kirche, Cönobium und drei Reihen von Wohnzellen

Ehrfürchtig spricht die faz von »innersten Geheimnissen des Werk­stoffes Holz«, wenn vom Hauptwerk des Architekten Matthias Mulitzer die Rede ist: Wertschätzung, die es – ums Haar – verfehlt. Denn diesem Bau ist Verrätseltes fremd, er ist ganz gegründet in Erfahrung über Generationen und geübtem Können. Dem urba­nen Architekturgeschmack mögen diese Eigenschaften freilich Rätsel aufgeben.

Oder liegt’s an der Aufgabe? Da baut einer, aufgewachsen im salzburgischen Goldegg, nahe seinem alpinen Geburtsort in unserer aufgeklärten Zeit ein Kloster! Mitte der 1980er Jahre erfährt er vom ­Vorhaben einer katholischen Klosterneugründung auf der nahegelegenen »Kinderalm« in St. Veit. ­Nonnen des französi­schen Ordens der Schwestern von ­Bethlehem hatten sich vorgenommen, dort in Einsamkeit eine kontemplative Gemeinschaft in kartäusischer Klosterbau­tra­dition anzusiedeln. Das sprach den Studenten an und wurde Thema ­seiner Diplomarbeit, obwohl ein genehmigter Plan für die Anlage bereits vorlag. Der allerdings geriet mit Vorstellungen und Budget der jungen Initiative in Konflikt und wurde fallen gelassen. In dieser Situation ergaben sich erste Kontakte und es wurde ­eine Zusammenarbeit, die nun fast drei Jahrzehnte währt.
Die erste Kapelle, von den Nonnen selbst eingerichtet, beeindruckte den Architekten, der wiederum mit seiner Reaktion auf Altbauten, Verwendung von ortsüblichem ­Material und Techni­ken und daher sparsamster Bauweise überzeugte. Die drei Alm­hütten wurden adaptiert, um sieben Eremitagen erweitert – kleine, selbstständige Wohnbauten mit Vorraum, Betraum, Wohnraum mit Nasszelle, ab­ge­schlossenem Ein­zelgarten – und mit einem gedeck­ten Umgang ­verbunden. Die gewöhnliche Holz­bauweise durch ­örtliche Handwerker wurde um viel Eigenarbeit ­ergänzt. 1995 konnte dann mit dem Bau des »Oberen Hauses«, dem eigentlichen, verschlossenen Klosterbereich, begonnen werden.

Das war seit der Gründung des Klosters geplant. Nach jahrelangen Genehmigungsverhandlungen machte der Bau einer Kapelle am Rand einer Geländemulde, vom »Unteren Haus« 400 Meter entfernt den Berg hinauf, den Anfang – ein bescheidener Holzblockbau mit steil abgewalmtem Satteldach und kleinem Dachreiter für die Glocke. Darauf folgte die Rodung des Waldgrundstücks für die ­eigentliche Klosteranlage.

An steilem Hang, den Höhenlinien folgend, liegen drei Reihen von Wohnzellen übereinander, abgesetzt durch zwei Klosterhöfe mit umlaufendem Kreuzgang. Den Regeln folgend: autonome Wohneinheiten mit Garten und Haus, nun als Raumplan ent­wickelt mit freiem Blick nach Süden ins Tal, nicht einsehbar, mit Ostlicht im doppelgeschossigen Betraum. Der mittleren Reihe sind, tiefer ­liegend und an einem eigenen Gang aufgereiht, Werkstätten zugeordnet. Fundamente und Stützmauern sind aus Ortbeton, Gartenwände und Kreuzgänge in Ziegelsplitt-Betonsteinen gemauert, die Wohn­räume selbst in Holz-Tafelbauweise vom örtlichen Zimmerer ­gefertigt. Es war der Architekt, der auf Holz drängte – der Wohnlichkeit zuliebe bei einem Winter von Oktober bis Mai. Einfache, am Konstruktiven orientierte Ausführung, Fichte an Wand und Lärchenschindel auf steilem Dach spiegeln das Armutsgelübde wider, sichern Einheitlichkeit des Ganzen und Eigenständigkeit der Teile.

Das Hauptgebäude – Kirche mit ­Refektorium, ­Kapitelsaal und Bibliothek – ist gleich und doch ­anders. Ebenso schlicht und direkt ins Werk gesetzt, prägt eine eigene Feierlichkeit den großen Raum für Andacht und Ritus.

Da kann Holz seine Qualitäten ausspielen: Die Raumschale aus Zirbe wird olfaktorisches Ereignis. Die Raummaße folgen Ordens­vorgaben ebenso wie klaren, einfachen geometrischen Propor­tionen. Sie ­wirken so elementar wie das Zusammen­spiel von Kubus und Tonne. Schließlich die schiere Dimen­sion, die freilich das Vermögen der örtlichen Zimmerer über die Maßen beanspruchte. Doch im Zusammenwirken mit einem industriellen Hersteller wurden statische und konstruktive Probleme ­gelöst – Tafeln aus Kreuzlagenholz überspannen den Raum, abgehängt als Resonanzkörper die lebhaft strukturierte Holzschalung – kontrastierend zur ruhigen Putz­fläche der Apsis. Das Chorgestühl ist wiederum in Zirbe ausgeführt, im Gespräch mit den Nonnen – so wie die Ausstattung in den unmittelbar anschließenden ­Räumen – entworfen.

So entstand ein Ganzes, das über Jahrzehnte trägt, mit einer Ausstrahlung, die Kontinente überwindet. Seit 1998 plant und betreut Matthias Mulitzer einen Klosterneubau für Kamaldulensereremiten in Venezuela – anderer Orden, anderer Ort, andere Konstruktion.

Fotos:

© Petra Steiner; Matthias Mulitzer

Text

Florian Aicher
geboren 1954, arbeitet als Architekt und Publizist und lebt im Allgäu

Frauenkloster im Pongau

Standort

»Kinderalm«, St. Veit im Pongau/A

Bauherr

Kongregation der Schwestern von Bethlehem, St. Veit im Pongau/A, www.bethleem.org

Planung

Matthias Mulitzer, Wien/A, matthias.mulitzer@gmx.at

Holzbau

Ingenieurholzbau Pirnbacher, St. Veit im Pongau/A, www.ingholzbau.at;
Zimmerei-Holzbau Burgschwaiger, Schwarzach/A, www.holzbau-burgschwaiger.at;
Zimmerei Georg Höllwart, St. Johann im Pongau/A

Fertigstellung

»Unteres Haus« 1995, »Oberes Haus« 2013