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Wie vor tausend Jahren

Tempel und Schreine in Japan

Roland Hagenberg
Erschienen in
Zuschnitt 52: Holz im Sakralbau
Dezember 2013, Seite 22f.

Ich gehe vorbei an blattgold-belegten Holzwänden, durch weite Räume hinein in das blendende Grün des Gartens. Dort sitzt getarnt im Ahornbaum der Mori-ao-gaeru-Frosch. »Er fühlt sich hier sicher«, sagt der Priester des Rurik¯o-in-Tempels in Kyoto. »Er kann in Ruhe seine Frau verführen, er kann in den Zweigen ungestört Eier hüten, ohne dass Fische sie gleich auffressen. Und schlüpfen die Kaulquappen, springen sie direkt in den darunter liegenden Teich.« Ich trete näher und betrachte den Frosch, der sich nicht rührt, und der Frosch betrachtet mich. »Ist Ihr Leben auch so?«, will der Priester wissen. »Einfach – mit ungewissen Sprüngen ins Wasser?« Der Baumfrosch nimmt in Japan nicht nur die Stellung eines »lebenden Naturdenkmals« ein, er symbolisiert auch die Naturverbundenheit der Sakralbau­ten im Kaiserreich. Wo Martin Luther den Glauben als »Eine feste Burg ist unser Gott« beschreibt, stellen sich Tempel und Schreine im Fernen Osten nicht gegen die Welt, sondern lassen sie durch- oder vorbeifließen. Offene Hallen, Schiebetüren und Terrassen bitten die Natur herein – samt Jahreszeiten, Wind und Fröschen. Das bevorzugte Baumaterial ist – im Gegensatz zu Europas Kirchensteinen, aber mit der gleichen Langlebigkeit – Tempelholz.

Letzten September wurde der Iseschrein südlich von Nagoya zum 62. Mal haargenau nachgebaut. Das passiert alle zwanzig Jahre. Jede Kerbe, jede Querverstrebung, jede Zierleiste sieht heute genauso aus wie vor mehr als tausend Jahren, ist Teil eines Holzkunstwerks, das durch Reinkarnationen ewig weiter­­lebt. Generationen von Zimmermeistern haben das handwerkliche Know-how bewahrt, auch als Rückversicherung. Denn sollte ein Taifun, ein Erdbeben oder ein Krieg den geweihten Bau zerstören, kann er jederzeit als exakte Kopie wieder errichtet werden. Holz ist Trost und Fatalismus zugleich, Zerstörung und Tod, aber nicht das Ende. Vielleicht ­errichtet man heute auch deshalb die meisten japanischen Familienhäuser immer noch aus Holz. Sie haben ­eine Lebenserwartung von dreißig Jahren. Danach werden sie abgerissen. Die Kinder bauen neu.

Für das burgenländische Raiding, Geburtsort von Franz Liszt, hat der japanische Architekt Hiroshi Hara ein Gästehaus aus Holz entworfen. Es soll nächstes Jahr errichtet werden. Bei seinem letzten Besuch zeigte er Workshop-Teilnehmern einen alten 2.000-Yen-Geldschein, der schon lange nicht mehr gedruckt wird. Hara trägt ihn ständig in seiner Geldbörse, ein Symbol für Ausdauer und Anpassung im Fluss der Zeit. Auf der Banknote ist das Shureimon-Tor abgebildet. Der kunstvolle Holz­bau steht in Okinawa und wurde in seiner 700-jährigen Geschichte mehrmals zerstört – zuletzt von amerikanischen Bomben. Seine Struktur gleicht den Eingängen zu Japans Tempeln und Schreinen. »Das Shureimon-Tor steht immer noch, es ist aus Holz und es wird ewig dort stehen«, sagte Hara. Noch hat er einen Vorrat an 2.000-Yen-Scheinen. Doch der wird schnell kleiner. Denn Hara verschenkt das Geld gern an Gleichgesinnte – zur Aufmunterung.

Fotos:

© Can Stock Photo Inc./leungchopan; Roland Hagenberg

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Roland Hagenberg

Fotograf, Filmemacher und Autor mit Wohnsitz in Tokio und Raiding www.hagenberg.com