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Jorge Pardo

Stefan Tasch
Erschienen in
Zuschnitt 53: Digitaler Holzbau
März 2014, Seite 28

In seiner ersten Einzelausstellung, 1990, in der Thomas Solomon Gallery in Los Angeles, zeigte Jorge Pardo noch vorwiegend Alltagsgegenstände wie eine Holzleiter, eine Transportpalette und zwei Baseballschläger. Pardo präsentierte sie allerdings als »rectified readymades« (verbesserte Readymades), indem er die Oberfläche der Holzpaletten mit »Danish oil« behandelte und sie somit veredelte, oder die Leiter auseinanderbaute und einzelne Teile durch andere Materialien ersetzte. Die Holzleiter aus dem Baumarkt setzte sich also bei näherer Betrachtung aus teurem afrikanischen Bubingaholz, lokalem Rotholz und billigem Pressspan zusammen. Aus Pardos Interesse an den Gestaltungsmöglichkeiten im Grenzbereich von Alltagstauglichkeit und ästhetischer Autonomie, Architektur und Kunst entwickelte sich ab 1994 eines seiner bekanntesten und aufwendigsten Projekte. Pardo wurde damals vom Museum of Contemporary Art (moca), Los Angeles, zu einer Einzelausstellung eingeladen – sein Vorschlag, nicht die Ausstellungsräume zu bespielen, sondern im Nordosten der Stadt ein von ihm entworfenes Haus zu bauen, stieß zunächst auf Ablehnung. Vier Jahre später konnte Pardo das Projekt, an dessen Kosten sich das Museum zu 20 Prozent beteiligte, schließlich realisieren. Während der Ausstellungsdauer war das Haus für die Öffentlichkeit zugänglich, danach zog Pardo in das hufeisenförmige, 170 m2 große Gebäude ein. Mit diesem Projekt unterlief Pardo die Einordnung in klare Kategorien, was die Frage aufwirft, ob es sich bei »4166 Sea View Lane« um Architektur oder Skulptur handelt.

Pardos Arbeiten erlauben eine Mehrfachbenennung, sind sowohl Architektur als auch Skulptur und Ausstellung. Je nach Perspektive ergeben sich verschiedene Lesarten: So sind beispielsweise seine Lampen, Tische, Sitzmöbel und die von ihm entworfenen Bars und Restaurants nicht einfach nur utilitaristische Gebrauchsgegenstände oder Wohlfühlzonen, sondern eröffnen ein Beziehungsgeflecht, in dem die kategorialen Definitionen verschwimmen und ineinander übergehen. Das oft biomorph anmutende Formenvokabular Pardos reicht vom Jugendstil über die klassische Moderne bis hin zur Designgeschichte der 1950er bis 1970er Jahre. Diese formalen Anspielungen, die den Betrachter ästhetisch verführen sollen, werden meist digital am Computer entworfen. Bei der hier abgebildeten Arbeit »Untitled (Sunroom)«, die Pardo 2004 in seiner New Yorker Galerie Friedrich Petzel zeigte, entwarf er einen Pavillon, der als Ausstellungsraum und Architekturinstallation zugleich fungierte. Darin zu sehen waren eine Papierarbeit und eine futuristische Deckenlampe. In die Wände aus Birkensperrholz wurden mittels einer cnc Maschine ornamentale Muster geschnitten, in die Pardo rotes, gelbes und durchsichtiges Acrylglas einsetzte. Die dadurch erzeugte feierliche, fast sakrale Stimmung gab dem Besucher die Möglichkeit, aus den sterilen Räumen des White Cube in eine Welt einzutauchen, in der es keinen Unterschied zwischen kontemplativer Architektur und Kunst gibt.

Jorge Pardo

geboren 1963 in Havanna
lebt und arbeitet in
Los Angeles
bfa Art Center College of Design, Pasadena/CA
University of Illinois, Chicago

Einzelausstellungen (Auswahl)

  • 2014
    Petzel Gallery, New York
  • 2012
    Gisela Capitain, Köln
  • 2011
    Untitled (One Colorado), One Colorado, Armory Center for the Arts, Pasadena/CA
    neugerriemschneider, Berlin
  • 2010
    Petzel Gallery, New York
    Irish Museum of Modern Art, Dublin
  • 2009
    K21, Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen, Düsseldorf

Gruppenausstellungen (Auswahl)

  • 2013
    Made in Space, Gavin Brown’s Enterprise und Venus Over Manhattan, New York
  • 2012
    The Feverish Library, Petzel Gallery, New York
    11a Bienal de la Habana, Havanna
  • 2010
    A Basic Human Impulse, Galleria Comunale d’Arte Contemporanea di Monfalcone, Monfalcone/IT
    The Jewel Thief, The Frances Young Tang Teaching Museum and Art Gallery, Skidmore College, Saratoga/NY
  • 2009
    The House the Cat Built, Galería Salvador Díaz, Madrid

Fotos:

© Courtesy of Jorge Pardo and Petzel Gallery, New York

Text

Stefan Tasch

Studium der Kunstgeschichte in Wien und Edinburgh, Arbeit in verschiedenen Museen und Galerien

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