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Holzdecken

Worauf kommt es an?

Im Gespräch mit Architekten, Statiker und Holzbauunternehmern
Erschienen in
Zuschnitt 54: Holzdecken
Juni 2014, Seite 16ff.

Es stehen uns heute zahlreiche leistungsfähige Deckensysteme aus Holz zur Verfügung. Doch nach welchen Kriterien wählt man welches System aus? Wir fragten bei Architekten, Statiker und Holzbauunternehmern nach.

Vor- und Nachteile

Gibt es ein von Ihnen bevorzugtes Deckensystem aus Holz?

Was sind generell die Vor- und Nachteile von Decken aus Holz?

Josef Huber Es gibt kein von uns bevorzugtes Deckensystem aus Holz. Die Vorteile von Deckensystemen aus Holz liegen generell in der schnellen Montage sowie natürlich in der angenehmen Wohnatmosphäre, die durch den Baustoff Holz entsteht. Ein Nachteil sind die höheren Kosten gegenüber betonierten Decken.

Hermann Kaufmann Für mich gibt es kein bevorzugtes Deckensystem. Wir entscheiden je nach Anforderungen, je nachdem, ob die Holzkonstruktion sichtbar bleibt oder nicht, ob die Decke hohe Schallschutzanforderungen erfüllen muss, ob ich unsichtbare Leitungsführungen an der Untersicht ermöglichen muss, welcher Fußboden vorgesehen wird. Vorteile von Decken aus Holz sind sicherlich die hohen Vorfertigungsmöglichkeiten, die trockene Bauweise, die Einsparung von Gewicht und nicht zuletzt die Vorteile in der Ökobilanzierung. Nachteile sind die Empfindlichkeit gegenüber Feuchte und Nässe, das geringe Gewicht im Zusammenhang mit dem Schallschutz, die geringe Masse im Zusammenhang mit der Frage der notwendigen Speichermassen sowie die fehlende Möglichkeit einer Bauteilaktivierung.

Werner Nussmüller Wir haben kein bevorzugtes Deckensystem, verwenden aber meistens Brettsperrholzplatten, ab Spannweiten von 5,5 Metern meistens mit aufgeleimten Rippen. Der Vorteil ist, dass man eine »Holzatmosphäre« in den Raum bringt, der Nachteil liegt in einem relativ aufwendigen Fußbodenaufbau, um den Schallschutz in den Griff zu bekommen.

Manfred Saurer Wir bevorzugen vor allem Hohlkastendecken, der Vor-teil besteht darin, dass der statisch nicht wirksame Teil (Hohlraum) für die Haustechnik genützt werden kann. Neben den bekannten ökologischen Vorteilen können Holzdecken vor allem durch Multifunktionalität punkten. Raumakustik, schöne sichtbare Oberflächen, Feuchteausgleich und emotionales Wohlbefinden werden in einem Aufwasch erledigt.

Reinhard Wiederkehr Es gibt kein Patentrezept. Grundsätzlich suchen wir in Abhängigkeit von der Nutzung nach optimalen Lösungen für das jeweilige Bauwerk. Wir sind bestrebt, die Ressource Holz so effizient wie möglich einzusetzen. Entscheidende Einflussfaktoren für die Wahl des Deckensystems sind die Spannweite, Anforderungen an den Schall- und Brandschutz, an die Materialisierung der Oberfläche und die Produktionsmöglichkeiten der Holzbauunternehmung. Die Brettsperrholzbauweise ist vom Ablauf und der Montage näher am Betonbau als Hohlkastenkonstruktionen. Die Ausführungsplanung von Hohlkastendecken ist anspruchsvoller.

Richard Woschitz Die Deckensysteme, die sich bei unseren Projekten etablieren, sind meist Tram- und Massivholzdecken in Brettsperrholz. In jüngster Zeit finden vor allem bei Dachgeschossausbauten Holz-Beton-Verbunddecken Verwendung. Der Vorteil von reinen Holzdecken liegt darin, dass diese sofort ihre volle statische Tragfähigkeit haben und es keine Baufeuchtigkeit gibt. Der Nachteil liegt in der Komplexität der Maßnahmen für den Schallschutz, was aber bei intelligenter Planung kein Nachteil im Baufortschritt ist.

Schallschutz

Die Anforderungen an den Schallschutz sind allgemein sehr hoch. Worauf kommt es hier bei der Planung und Errichtung einer Holzdecke an?

Josef Huber Zu beachten sind insbesondere die Schallnebenwege bei den Anschlüssen von Wänden. Hier gibt es jedoch bereits ausreichend Erfahrung, um durch geeignete Maßnahmen einen hohen Schallschutz zu gewährleisten. Sehr wichtig ist es, im Bereich der Ausbaugewerke auf saubere und ordnungsgemäße Anschlüsse zu achten.
Hermann Kaufmann Es gibt heute geprüfte oder ausgeführte Deckenkonstruktionen, die hohen Schallschutzanforderungen entsprechen. Wie bei allen anderen Bauteilen können die notwendigen Schalldämmwerte grundsätzlich auf zwei unterschiedliche Arten gelöst werden:

  • mehrschichtiger Aufbau
  • Einbringung von Flächengewicht

Es gibt auch hier keine Patentrezepte, welcher Aufbau besser oder schlechter ist, das hängt von den jeweiligen Bedingungen vor Ort ab, also von den Produktionsbedingungen, der Aufgabenstellung, der Wirtschaftlichkeit etc. Besonderes Augenmerk ist auf eine exakte und sorgfältige Bauausführung zu legen, aus unserer Erfahrung können sich Ausführungsfehler fatal auswirken.

Werner Nussmüller Sichtbare Holzdecken verlangen einen Fußbodenaufbau in einer Kombination aus zusätzlicher Masse und schwingenden Schichten. Bei unseren letzten Bauten im sozialen Wohnbau haben wir diese Aufbauten vor und nach dem Einbau schalltechnisch gemessen und sehr gute Werte erzielt.

Manfred Saurer Der geforderte hohe Schallschutz bei Holzdecken ist mit dem heutigen Wissen bei allen Konstruktionsvarianten lösbar, vor allem Massivholzdecken und Hohlkastendecken können mit Massivdecken problemlos mithalten. Durch den hohen Anteil an perfekt ausgebildeten Mitarbeitern und den hohen Standard in der Qualitätssicherung im Holzbau übertreffen Holzdecken in der Praxis die Massivdecken oftmals.

Reinhard Wiederkehr Eine große Masse der Decke dient dem Schallschutz. Dies steht in einem gewissen Widerspruch zum Wunsch der Holzanwendung. Weiters zeigt sich, dass beim Holzbau die Nebenwegübertragung einen großen Einfluss hat. Somit sind die intelligente Grundrissgestaltung und die Detaillösungen bei den Geschossübergängen entscheidend.

Richard Woschitz Im Wesentlichen sind die statisch erforderlichen Verbindungen der Tragelemente mit den bauphysikalischen Überlegungen in Bezug auf die Schallweiterleitung in der Tragstruktur abzustimmen.

Wirtschaftlichkeit

Wovon hängt die Wirtschaftlichkeit einer Holzdecke ab?

Josef Huber Mitentscheidend ist, dass die Deckenspannweiten auf die Leistungsfähigkeit des jeweiligen Deckensystems abgestimmt werden.

Hermann Kaufmann Die Wirtschaftlichkeit einer Holzdecke hängt ab von der richtigen Wahl des Konstruktionssystems im Zusammenhang mit der Spannweite auf der einen Seite und der Vermeidung von unnötigen Bauteilschichten auf der anderen Seite. Grundsätzlich kann man feststellen, je weniger Schichten ein Deckenaufbau aufweist, umso wirtschaftlicher ist er. Im direkten Preisvergleich mit einer mineralischen Decke ist eine Holzdecke teurer. Solch fokussierte Betrachtungen ergeben oft ein verzerrtes Bild, nur der Kostenvergleich von Gesamtsystemen hat reale Aussagekraft.

Werner Nussmüller Natürlich sind die Spannweiten ausschlaggebend. Wesentlich ist auch eine frühe Zusammenarbeit (im Entwurfsstadium) zwischen Statiker, Zimmermeister und Architekt, um auf das eingesetzte Material und die Montage rechtzeitig reagieren zu können.

Manfred Saurer Wirtschaftlich sind Holzdecken vor allem dann, wenn Sie mehrere Aufgaben gleichzeitig erfüllen können, angefangen von der Optik über die Raumakustik, die Verlegung der Haustechnik und die Tragfähigkeit bis zum trockenen Einbau.

Reinhard Wiederkehr Die Wirtschaftlichkeit einer Holzdecke wird stark von den Materialkosten, der Produktionszeit und der Montagezeit beeinflusst. Bei Sichtoberflächen haben wir festgestellt, dass Brettsperrholz gegenüber einer Hohlkastenkonstruktion preiswerter sein kann. Bei bekleideten Decken stimmt dies selten, weil der Minderpreis für nicht sichtbare Qualität bei Brettsperrholz gering ist.

Richard Woschitz Die Wirtschaftlichkeit hängt erstens vom Tragsystem ab – vom gerichteten System mit linienförmigem Auflager (klassische Tramdecke) bis zur flächig wirkenden Decke mit punktuellen Auflagerpunkten (Brettsperrholzplatte auf einzelnen Punktstützen) –, zweitens von der Deckenspannweite in Kombination mit der möglichen Deckenstärke.

Ausblick

Wo besteht bei den Holzdecken noch Entwicklungsbedarf?

Josef Huber Entwicklungsbedarf ist im Bereich des Schallschutzes, gerade bei mehrgeschossigen Bauten zu sehen. Die Deckenaufbauten sind hier momentan zu aufwendig und damit zu teuer.

Hermann Kaufmann Ein Potenzial sehe ich in der Entwicklung von flächigen, vorgefertigten, wirtschaftlichen Holz-Beton-Verbunddecken, ansonsten glaube ich nicht, dass es notwendig ist, neue Deckensysteme zu entwickeln, sondern die bestehenden so zu kommunizieren und darzustellen, dass alle bauphysikalischen Eigenschaften wie Schall-, Brand- und Wärmeschutz von den Planern, den Ausführenden und den Behörden als gesichert angenommen werden können. Derzeit besteht nach wie vor ein Informationsdefizit, aber das gilt für alle Bauteile im Holzbau.

Werner Nussmüller Bei Brettsperrholzplatten besteht im Sichtholzbereich wenig Erfahrung über die Qualität der Oberflächen, vor allem bezüglich Verhalten bei geringer Raumfeuchte. Es ist Aufgabe der Produzenten, verschiedenste Fußbodenaufbauten schalltechnisch zu berechnen und hier auch wirtschaftliche Lösungen zu finden.

Manfred Saurer Aus meiner Sicht gibt es im Bereich Schallschutz noch Entwicklungsbedarf, vor allem was den flankierenden Luftschallschutz im Bereich der Wandanschlüsse zu den Decken betrifft. Auch der Wetterschutz dieser wunderschönen, in der trockenen Werkstatt hergestellten Oberflächen während der Bauphase ist immer wieder ein Thema.

Reinhard Wiederkehr Wir sehen Potenzial bei vorgefertigten Holz-Beton-Verbunddecken und bei ganz leichten Aufbauten mit optimierten Schallschutzmaßnahmen. Zudem haben wir die Hoffnung, dass aufgrund des vermehrten Holzeinsatzes in mehrgeschossigen Gebäuden andere Fachplaner (z. B. Bauphysiker, Haustechniker) sich des Themas Holzbau annehmen und somit Vorurteile wie auch widersprüchliche Aussagen abgebaut werden können. Je mehr Personen mitdenken, desto größer ist der Ideenpool.

Richard Woschitz Hybriddecken mit anderen Materialien wie Kombinationen mit Beton beeinflussen durch den Materialmix die Eigenschaften des Bauteils und ermöglichen somit neue Einsatzgebiete. Da sind ausführende Holzbauunternehmen aufgerufen, nicht nur in Holz zu denken. Beim zuletzt umgesetzten siebengeschossigen Holzbauprojekt in der Wagramer Straße hat sich die Holz-Beton-Verbunddecke als gute Lösung erwiesen. Der Denkansatz, eine Holz-Beton-Verbunddecke als vorgefertigtes Deckenelement auszuführen, ist sicherlich die Zukunft für den mehrgeschossigen Wohnbau.

Hermann Kaufmann, Architekt in Schwarzach
www.hermann-kaufmann.at

Werner Nussmüller, Architekt in Graz
www.nussmueller.at

Manfred Saurer, Holzbau Saurer in Höfen
www.holzbau-saurer.at

Josef Huber, Holzbau Huber & Sohn in Bachmehring
www.huber-sohn.de

Reinhard Wiederkehr, Statiker in Beinwil am See
www.holzbauing.ch

Richard Woschitz, Statiker in Wien und Eisenstadt
www.rwt-plus.at

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