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Thomas Hirschhorn

Stefan Tasch
Erschienen in
Zuschnitt 54: Holzdecken
Juni 2014, Seite 32

Die ephemeren Installationen des Schweizer Künstlers Thomas Hirschhorn fallen zunächst durch ihre dichte, überbordende Materialakkumulation auf. Aus einfachen Materialien wie Pappe, Klebebändern, Aluminiumfolie und Holz schafft Hirschhorn provisorisch anmutende Konstruktionen, die er zu Fotografien aus Printmedien, philosophischen Zitaten und Alltagsgegenständen in Beziehung setzt. In Hirschhorns kompromissloser Auseinandersetzung mit dem Kapitalismus, den Massenmedien und sozialen Problemfeldern geht es ihm aber nicht um das Aufzeigen gesellschaftspolitischer Missstände, sondern um die kommunikative Beziehung zu seiner Umwelt. Hirschhorn will das Publikum mit einbeziehen, möchte den Betrachter, ohne Rücksicht auf dessen soziale Herkunft oder Bildung, mit den Themen konfrontieren, die ihm, dem Künstler, wichtig sind. »Ich habe nie ‚politische Kunst‘ gemacht … Ich wollte immer ‚Kunst politisch machen‘, aber keine Sekunde denke ich, ich wäre ein ‚engagierterer‘ Künstler als ein/e andere/r! Denn ich weiß: Jede/r Künstler/in muss 100 Prozent engagiert sein, und ich weiß, es gibt nur Kunst, die 100 Prozent engagiert ist.« Mit seinem Beitrag zur documenta 2002, dem Bataille Monument – ein Außenraum-Projekt in einem multikulturellen Wohngebiet in der Nordstadt Kassels – entwickelte Hirschhorn eine neue Kategorie innerhalb seiner künstlerischen Praxis.

Die Installation bestand aus einem Imbissstand, einer Bibliothek, einem TV-Studio und einem eigens für die Besucher der Friedrich-Wöhler-Siedlung eingerichteten Taxiservice. Dieses Projekt bildete den Anfang der von ihm später als »Präsenz und Produktion« betitelten Arbeiten. Innerhalb der von Hirschhorn konzipierten Environments finden so genannte Ereignisse statt, wie etwa Lesungen, Workshops oder Theaterspiele. Die Do-it-yourself-Ästhetik seiner Installationen und die Verwendung von »armen Materialien«, wie dem braunen Klebeband, das so etwas wie Hirschhorns Markenzeichen geworden ist, entspricht einer programmatischen Grundhaltung: »Es ist eine Liebe zu dem Material, weil es ein universelles Material ist. Weil es ein für mich nicht exklusives Material ist. Es ist ein Material, das andere einschließt, das jeder Mensch braucht und benutzt, das jeder Mensch für ganz andere Sachen braucht als dafür, Kunst zu machen.« Auch in der hier abgebildeten Arbeit Break-Through, die Hirschhorn 2013 in der Neapolitaner Galerie Alfonso Artiaco zeigte, sind die herabfallenden Trägerbalken der Decke in braunes Klebeband gewickelt. An mehreren Stellen der Galerieräumlichkeiten brechen die vertikalen Skulpturen durch, erzeugen den Eindruck, als würde das ganze Gebäude kurz vor dem Kollaps stehen. Das Unsichtbare wird sichtbar gemacht, das versteckte Chaos dringt metaphorisch in den sonst unberührten White Cube, wird so in das Zentrum einer dramaturgischen Inszenierung gerückt. Die Installation evoziert das Sinnbild zusammenbrechender Machtstrukturen. Die individuelle Revolution, der gedankliche Umbruch erscheinen somit nicht mehr abstrakt, sondern real.

Thomas Hirschhorn

geboren 1957 in Bern
lebt und arbeitet in Paris
Studium an der Hochschule für Gestaltung und Kunst, Zürich 

Einzelausstellungen (Auswahl)

  • 2014 Flamme Éternelle, Palais De Tokyo, Paris
  • 2013 Gramsci Monument, Dia Art Foundation, New York
    Schinkel Pavillon, Berlin
  • 2012 Concordia, Concordia, Gladstone Gallery, New York
  • 2011 Crystal of Resistance, Schweizer Pavillon, Biennale von Venedig, Venedig
    Wirtschaftslandschaft Davos, Aargauer Kunsthaus, Aargau
  • 2010 Too Too – Much Much, Museum Dhondt-Dhaenens, Deurle, Belgien
    Stevenson, Kapstadt

    Gruppenausstellungen (Auswahl)

    • 2014 Van Gogh Live!, Fondation Vincent van Gogh Arles, Arles
      Elevation 1049: Between Heaven and Hell, Gstaad
    • 2013 metamatic Reloaded, Museum Tinguely, Basel
      A Sunday in the Mountains, Swiss Institute, New York
    • 2012 Intense Proximity, La Triennale, Palais de Tokyo, Paris
      9th Shanghai Biennale, Shanghai
    • 2011 The Luminous Interval, Guggenheim Museum, Bilbao
      Irrwege, Labyrinthische Variationen, Centre Pompidou-Metz, Metz

      Text

      Stefan Tasch

      Studium der Kunstgeschichte in Wien und Edinburgh, Arbeit in verschiedenen Museen und Galerien

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