Inhalt

Bankangelegenheiten

Erinnerungen an die Schulbank

Michael Hausenblas
Erschienen in
Zuschnitt 55: Holz bildet
September 2014, Seite 27

Bankangelegenheiten

Die Schulbank nimmt innerhalb der Möbelwelt eine ganz besondere Stellung ein, gedankt wird es ihr kaum. Sesselentwürfe vermehren sich wie die buchstäblichen Karnickel, aber ich kann mich an keine Lifestyle-Gazette oder Möbelmesse erinnern, die das Thema Schulbank gebührend behandelt hätte. Dabei verbringen wir auf der Schulbank unsere halbe Kindheit und Jugend. Sie war nicht nur für mich ­eine langjährige Stätte der Emsigkeit wie auch der Langeweile, eine Art Alltagsaltar, auf der ich Höllenqualen ebenso erlebte wie so manche Erlösung. Die Schulbank ist der erste Platz im Leben, der mir fix zugeteilt wurde, der mich schützte und zugleich preisgab. Sehr gut erinnere ich mich an die ersten Schultage, an denen mir die Schulbank samt Nachbar zugeordnet wurde, wie ich über die Mitte des Tisches schielte, wenn ich mich einer schier unlösbar scheinenden Aufgabe gegenübersah, oder eben der Nachbar herüberlugte und hoffte, Lernversäumnisse durch Schummeln wettzumachen. Ja, der Schulnachbar – eine ganz besondere Art der Sozialisation im jungen Leben eines Schülers. Wie wohl­tuend ist die Erinnerung in meinem Kopf, als ich nach dem Klingeln der Schulglocke den Sessel auf den Tisch stellte und Tag für Tag in die Freiheit entlassen wurde. Doch die Schulbank war nicht nur Mittel zum Zweck! Nicht nur meine wurde auch zum Kunstwerk, denn nicht selten verewigte ich mich auf ihr mittels Kritzel- oder gar Schnitzereien, die ganze Schülergenerationen überdauerten, ganz zu schweigen von so manchem Chaos im Inneren des Möbels. Dabei ist der Ausdruck Schulbank in der Regel kein gültiger mehr, denn auch schon zu meinen Schulzeiten bestand das Mobiliar aus Tisch und Stuhl, die Tage, in denen Bank und Tisch unverrückbar und massiv verbunden waren, sind passé wie Rohrstock und Zwicker als Lehrerutensilien. Dass dies zum Wohle der Schüler geschah, weiß auch ein Topdesigner wie Konstantin Grcic, der über das stiefmütterlich behandelte Objekt sagt, dass Beweglichkeit ein wichtiges Ventil in Sachen Konzentra­tion und auch ein Vorteil für den Körper sei. Der ­Kabarettist Gerhard Polt setzt dem ordentlich eins drauf und bezeichnet überhaupt die Hängematte als das ideale Schulmöbel. Da die Schule ein durch und durch ernstes Thema ist, soll das Schlusswort allerdings einem gehören, dessen Namen viele seit Schulzeiten nicht mehr gehört haben. Friedrich Hebbel meinte: »Nach der Seelenwanderung ist es möglich, dass Plato jetzt wieder auf einer Schulbank Prügel bekommt, weil er den Plato nicht versteht.«

Foto

© vs Möbel

Text

Michael Hausenblas
Mitarbeiter der Tageszeitung Der Standard