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Schulen bauen

gestern und heute

Gabu Heindl, Maja Lorbek
Erschienen in
Zuschnitt 55: Holz bildet
September 2014, Seite 12f

Schule wird in Zukunft weitestgehend in Bestands­­bau­ten stattfinden. Welche Qualitäten haben diese Bauten und wie können wir sie für heutige Anforderungen adaptieren?

Recht auf Schulraum

Schulen stehen heute, im Zeichen von ­globaler ­Migrationsgesellschaft und Verarmungstendenz ganzer Gesellschaftsschichten, vor einigen Herausforderungen. Die in der öster­reichischen Verfassung veranker­ten Ziele der Bildung – Chancengerechtigkeit und Ermöglichung selbstbestimmter Teilhabe aller in der Gesellschaft – werden teilweise verfehlt. Der ­sozio­ökonomische Hintergrund und – in ländlichen Regionen – der Wohnort der Eltern bestimmen in ­hohem Maße die Bildungskarriere ihrer Kinder und deren Lernleistungen. Die ­Ursache für die Vererbung der Bildungschancen sowie für die wachsende Zahl an Risikoschülerinnen und -schüler liegt unter anderem in der frühen Selek­tion und dem differenzierten Schulsystem mit starker Konzentration auf bestimmte Schultypen. Dabei wird ins österreichische Bildungssystem überdurchschnittlich viel investiert, wobei die Gelder großteils in den laufenden Betrieb und in Personal­kosten fließen.

Welche Rolle spielt nun der Schulbau? Die knapp be­mes­se­nen Investitionen für Neubau und Sanierung von Schulgebäuden sind seit 2001 rückläufig (2013 nur 2,4 Prozent der Bildungs­ausgaben, Statistik Austria). Dabei steigt der Raumbedarf vor allem in wachsenden Städten durch die Senkung der Klas­senschülerhöchstzahl (2008), durch Individualisierung, die Ganz­tags­schule oder die Notwendigkeit von Arbeitsplätzen für Lehrende. In Zeiten ökonomischer Krise und Sparpolitik bräuchte es also ein klares politisches Bekenntnis zu Investitionen in qualitätsvollen Schulraum. Zusätzlich reduziert wird das Baubudget durch steigende normative Anforderungen von Energieeffi­zienz, Erdbebensicherheit, Brandschutz und Barrierefreiheit.

Gründerzeit und Klassische Moderne

Die Schule der Zukunft wird also auch künftig weitgehend in ­Bestandsbauten stattfinden. Wie sehen diese Schulhäuser aus? Welche Entwicklungen fanden statt in der Schularchitek­tur im 20. und zu Beginn des 21. Jahrhunderts? Grundlegen­des Element der Schulen in Österreich ist bis heute das Klassenzimmer aus der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts, als die Schulpflicht größtenteils umgesetzt wurde. Erst im Laufe des 20. Jahrhunderts gewinnen die Pausen-, Freizeit- und Freiraum­bereiche an Bedeutung. Den Großteil der Schulen bilden gründerzeitliche Schulgebäude (in Wien 56 Prozent des Gesamtbestands) mit robuster Baukonstruktion und hohen Räumen, somit gutem Raumklima und geringer sommerlicher Überhitzung. Es fehlen jedoch Pausenbereiche oder die Potenziale, im Inneren zu entkernen, was in Hinblick auf eine neue oder flexible Raumnutzung nötig wäre. Der Schulbau der Klassischen Moderne ist geprägt durch die Reformpädagogik und Heliotherapie. Im Vergleich zu europäischen Innovationen (Reformschulen des Neuen Frankfurt, Freiluftschulen in Suresnes und Amsterdam) sind die wenigen österreichischen Schulen aus dieser Zeit eher traditionell gestaltet.
In Frankfurt am Main entwickelte der ­österreichische Architekt Franz Schuster eine typologische Neuerung, den so genannten »Schustertypus« mit »durch­gesteckten« Klassenräumen.

Schulbauboom der 1960er Jahre

Nach dem Zweiten Weltkrieg werden gemäß der ­Charta von Athen die Schulen der Freizeitsphäre zu­geordnet. Die Pavillonschulen dieser Zeit sind meist eingeschossig und mit üppigen Grün- und Freiraum­berei­chen ausgestattet. In den 1960er Jahren kommt es durch die Schulreform 1962 und das Bevölkerungswachstum zu einem Schulbauboom. Funktionalismus und Experimente mit Fertigteilbauweise sind tonangebend; beispielhaft sei hier die Stahlbetonfertig­teilbauweise der Volks- und Hauptschule Roda-Roda-Gasse von Elise Sundt (1966) genannt. Im Rahmen der ­Bildungs­­offen­sive und Demokratisierung des Zugangs zu ­Bildung in den 1970ern gab es sowohl eine Weiter­ent­wicklung der Hallenschule als auch die Entwicklung erster »Cluster«-Konzepte, ­etwa Fred Freylers Volk­schule am Eisenstadtplatz im 10. Bezirk (1966). Während sich Cluster in komplexerer Form heute z. B. im Bildungscampus Sonnwendviertel (2014) ­von ppag wiederfinden, entwickelte sich die Hallenschule oder auch das radikale Raumkonzept der Ursulinen-Schule von Josef Lackner (Innsbruck, 1971 – 80) in jenen Schultypologien weiter, die große Raum­volumen (z. B. die Sporthalle) ins Zentrum rücken und das Erdgeschoss als öffentlichen ­Begegnungsort definieren. Bis heute funktioniert die Haupt­schule Schwarzautal (jetzt: Neue Mittelschule) mit ihren sechs­eckigen, zum Zentrum hin offenen Klassen­­zimmern als echte Großraumschule (Friedrich Pammer und Anton Pessl, 1973 / 74). In den 1990er Jahren – der Postmoderne – kommt es zur Pluralisierung der Typen und Stile. Als genuin postfordistische Form des Schulbaus ließe sich die dänische Hellerup-Schule (Arkitema, 2003) nennen, mit radikal offenem Grundriss, in der sich – ähnlich früheren Bürolandschaften – Schülerinnen und Schüler Arbeitsorte frei wählen (was wiederum einiges an Stress erzeugt). Das nordeuropäische Konzept der »Venster­schoolen« (in Großbritannien »Community education«, in Deutschland ­»Lokale Bil-dungs­­landschaft«) hingegen beschreibt die auch hierzulande nötige Öffnung der Schule, um Synergien zu nutzen und mit anderen sozialen und kulturellen Einrichtungen Mehrwert für ganze Stadtteile zu erzielen.

Heutige Anforderung: flexibel und adaptierbar

Eine der wichtigsten Herausforderun­gen für den Schulbau-Bestand aber ist – ­neben der (thermischen) Sanierung –, auf neue Unterrichtskonzepte zu reagieren. Bei Sanierung und Neubau ist künftig auf größtmög­liche Flexibilität und ­Adapta­bi­lität zu achten. Insbesondere das »Open Building«, ein Konzept von John N. Habraken aus den 1960er Jahren, kann dabei als Designmaxime fungieren: Standorts­pezifischer ­Bedarf und Nutzerwünsche können durch ­spezifische schulische »Infills« erfüllt ­werden, die von innovativen Trenn­wand­­lösungen über akus­tische Baukomponenten bis zu innovativer Möblierung reichen – eine Ebene, auf der Nutzer-Partizipation wichtig ist und Sinn ergibt. Nicht zuletzt sei angemerkt: Schule und Schulbau sind eine öffent­liche Aufgabe, ein öffentliches Gut. Die Gestaltungsmöglichkeit bei der Errichtung und auch in der Bewirtschaftung soll auch künftig nicht in Form von ppp-­Modellen ­privaten Financiers zufallen. Denn wie zu Beginn gesagt: Schule ist Teil unse­rer Verfassung und Bildung eine wesentliche Säule des Wohlfahrtstaats.

Text:

Gabu Heindl
Architektin mit Schwerpunkt öffentliche Bauten. Forschung zu Arbeits- und Schulräumen im Post­fordismus, öffentlichem Raum, Gerechtigkeit als Planungsparameter, Vorstandsvorsitzende der ÖGFA, www.gabuheindl.at

Maja Lorbek
Architektin und Wissenschaftlerin, lebt in Wien, Forschungsprojekte zu Schulbau, nachhaltiger ­Sanierung und Informations- und Kommunikationstechnologie im Wohnumfeld