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Das Flüstern der Kiefern

Biologen und Klangkünstler belauschen Bäume

Burkhard Strassmann
Erschienen in
Zuschnitt 56: Holz hören
Dezember 2014, Seite 16f.

Ein Mann steht im Walde, ganz still und stumm. Er hat einen Kopfhörer aufgesetzt, der hängt an elektronischem Gerät, das über mehrere Kabel mit einer Waldkiefer verbunden ist. 
Der Baum ist mit Pflastern, Sonden und Sensoren bestückt wie ein schwerer Fall auf der Intensivstation. Der Mann geht einer ungewöhnlichen Beschäftigung nach. Er belauscht Bäume. 
Und tatsächlich: Die Waldkiefer Pinus sylvestris flüstert: »Ich habe Durst«.

Solche Seltsamkeiten erzählt Roman Zweifel, der Mann, der mit Kopfhörern nahe dem Weindorf Salgesch im Schweizer Wallis im Wald steht. Er ist Biologe und angestellt bei der Eidgenössischen Forschungsanstalt für Wald, Schnee und Landschaft (wsl). In der inneralpinen Trockenzone 50 km östlich des Genfer Sees belauscht er Waldkiefern, die hier öfter Durst haben. Das sagen sie dann natürlich nicht wortwörtlich. Zweifel übersetzt ihre Äußerungen. Ihr »Flüstern« setzt sich in Wirklichkeit aus Ultraschallsignalen zusammen, die elektronisch in hörbaren Schall transformiert werden. Das Ergebnis tönt wie Klick- und Knackgeräusche.

Reden Bäume? Tuscheln Pflanzen? Schreit vielleicht gar die Möhre, wenn der Vegetarier besten Gewissens hineinbeißt? 
Hat Gemüse am Ende nicht nur die Möglichkeit, sich zu äußern, sondern sogar so etwas wie Ohren? Oder genereller gefragt: Wird im Pflanzenreich kommuniziert?

Diese etwas beängstigende Vorstellung ist nicht ganz neu. 
Esoteriker umarmen Bäume schon länger. Weit verbreitet ist die Überzeugung, dass Topfpflanzen, mit denen wir sprechen, besser gedeihen als solche, die nur gegossen werden. Es gibt Bauern, die ihre Felder mit Musik von Vivaldi oder Mozart beschallen, weil sie sicher sind, dass so der Ertrag steigt. Schon in Märchen und Mythen schließen sich wie selbstverständlich Bäume zusammen zu einem Wald, der ein Ich und einen (allzu oft finsteren) Willen hat. Und als man in den 1970er Jahren Pflanzen im Zeitraffer filmte und sah, wie sie Nahrung suchten, kooperierten oder Kriege führten, war für viele der Nachweis erbracht: Die Pflanze bewegt sich wie Mensch und Tier, nur eben extrem langsam.

Das rief Parawissenschaftler auf den Plan, doch bald verbreitete sich selbst unter seriösen Forschern Unruhe. Bioakustiker, die sonst Tierstimmen erforschen, begannen über Pflanzen nachzudenken. »Pflanzenkommunikationsforscher« wurden belächelt oder bestaunt. Und es entstand sogar ein neues, nicht unumstrittenes Forschungsgebiet, die »Pflanzenneurobiologie«. Hier diskutierte man über gehirnähnliche Strukturen im Pflanzenreich, über pflanzliche Synapsen und sogar über Pflanzenintelligenz. Von »denkendem Kohl« war die Rede.

Roman Zweifel ist da bescheidener. Er will kein Baumflüsterer sein. Das Baumflüstern entstehe, sagt er, wenn der Wasserfluss von den Wurzeln zu den Blättern abreiße, wie es eben bei Trockenheit vorkommt. Kleine Knaller im Ultraschallbereich werden dann emittiert. Dieser Zusammenhang ist schon seit Jahrzehnten bekannt. Zweifel war allerdings der Erste, der in Zusammenarbeit mit Klangkünstlern und Computermusikern die Signale hörbar machte. In San Francisco führten er und der Klangkünstler Marcus Maeder das Konzert »Trees: Downy Oak« (»Bäume: Flaumeiche«) auf. Aus herabhängenden Kugelboxen jaulten, heulten, seufzten Flaumeichen aus dem heimischen Wallis, untermalt von rieselndem Streichersound. Das Lied der Flaumeiche erinnerte an einen meditationstauglichen Klangteppich.

Zweifel ist überzeugt, dass er aus den Lauten von Kiefer und Eiche viel erfahren kann, dass sie mehr zu sagen haben als »Durst«. Übers Wetter könnten sie zum Beispiel reden, über den Boden oder darüber, ob ihnen der Magen knurrt. Sogar zur globalen Klimaveränderung dürften Bäume etwas zu sagen haben – und auf diese Weise vielleicht einmal Wächterfunktionen übernehmen. »Noch sind die Signale diffus und unverstanden«, sagt Zweifel. Doch irgendwann, da ist er sich sicher, wird er die Signale der Bäume verstehen.

trees

trees ist ein Forschungsprojekt der Zürcher Hochschule der Künste 
(ZHdK) in Zusammenarbeit mit der Eidgenössischen Forschungsanstalt für Wald, Schnee und Landschaft (WSL). Das Forschungsprojekt trees beschäftigt sich mit der klanglichen Erfassung, Analyse und Darstellung von ökophysiologischen und klimatischen Prozessen und den akustischen und ästhetischen Bedingungen ihrer Erfahrbarmachung. Es sollen Aussagen darüber ermöglicht werden, was wann wo in einer Pflanze akustisch geschieht und mit welchen ökophysiologischen Prozessen die Geräusche zusammenhängen. Langzeit-Messungen sollen erkunden, ob sich Phänomene des Klimawandels auch akustisch in Bäumen manifestieren können.

Mehr über Musik mit Bäumen gibt es hier:

Literatur

Baum Mensch Klang Kunst
Ein wissenschaftlich-künstlerisches Ausstellungsprojekt an der Alpen-Adria-Universität Klagenfurt
Christoph Flamm (Hg.), Klagenfurt 2014
Euro 19,80

Internet

25 woodworms, wood, microphone, sound system
Dem Schweizer Künstler Zimoun dient das geschäftige Treiben der Holzwürmer im Holz als Basis für seine Soundinstallation.
www.zimoun.net/2009-25.html

Years
Wie hört sich eine Holzscheibe an? Bartholomäus Traubeck übersetzt die Jahresringe hölzerner Schallplatten in Klaviertöne.
www.traubeck.com/years

Music from a Tree
Diego Stocco musiziert mit dem lebenden Baum.
www.diegostocco.com/tag/music-from-a-tree

Foto

© Eidgenössische Forschungsanstalt für Wald, Schnee und Landschaft (wsl)/Reinhard Lässig

Text

Burkhard Strassmann
Autor im Ressort Wissen der Hamburger Wochenzeitung Die Zeit. 
Dieser Text ist in einer ausführlicheren Fassung ebenda erschienen.