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Die Haselfichte

Eine willkommene Anormalität

Anne Isopp, Christoph Buksnowitz und Alfred Teischinger, Helene Keller
Erschienen in
Zuschnitt 56: Holz hören
Dezember 2014, Seite 22f.

Immaterielles Kulturerbe in Österreich

Die Haselfichte ist eine seltene Wuchsform der einheimischen Fichte. Charakteristisch sind die gewellten Jahrringe. Die Haselfichte ist ein gesuchtes Holz für den Instrumentenbau und kommt meist in den Waldbeständen der Alpen oberhalb von 1.000 Metern vor. 2011 wurde das Wissen um die Haselfichte als Klangholz von der UNESCO in das Verzeichnis des Immateriellen Kulturerbes in Österreich aufgenommen. Der Tiroler Bildhauer Kassian Erhart, seit seiner Kindheit fasziniert von den Klangeigenschaften dieses Holzes, hat sich für die Aufnahme der Haselfichte in die Kulturerbe-Liste bemüht und setzt sich mit den Mitgliedern des Vereins Haselfichte für eine Sensibilisierung der Förster ein. Denn nur ein geringer Prozentsatz der Haselfichten eignet sich für den Instrumentenbau. Dem Rest wird keine besondere Aufmerksamkeit geschenkt. Dabei ist Kassian Erhart sich sicher, dass die besonderen Eigenschaften der Haselfichte auch in vielen anderen Bereichen von Vorteil sein können, wie zum Beispiel im raumakustischen Bereich.

Anne Isopp
Leitende Redakteurin der Zeitschrift »zuschnitt« redaktion@zuschnitt.at

Haselfichte als Resonanzholz – Überlegenheit oder Tradition?

Dass die Haselfichte ein gefragtes Holz zum Bau von Meisterinstrumenten ist, ist nicht nur in der ansprechenden Ästhetik und der handwerklichen Tradition begründet. Der Haselwuchs stellt eine Wuchsabnormalität dar, bei der das radiale Wachstum in linsenförmigen Bereichen von zwanzig bis dreißig Zellreihen zurückbleibt. Die resultierenden Einkerbungen der Jahrringe führen zu einer innigeren Verbindung der Zuwachszonen, einer schlechteren Spaltbarkeit in tangentialer Richtung, einer generellen Senkung der Anisotropie des Holzes und einer spezifischen Verbesserung der Elastizitäts- und Festigkeitseigenschaften. Ein welliger Faserverlauf, eine erhöhte Anzahl an Holzstrahlen (40 %) sowie eine erhöhte Dichte (12,5 %) im Bereich der Einkerbungen unterscheiden Haselfichtenholz von normalwüchsigem Fichtenholz. Verantwortlich für das Auftreten von Haselwuchs scheint eine Kombination aus genetischer Veranlagung sowie Standort- und Umwelteinflüssen zu sein. Darüber hinaus tritt Haselwuchs erst ab einem gewissen Baumalter auf und ist somit ein relativ sicheres Zeichen, juveniles Holz mit unvorteilhaften Materialeigenschaften ausschließen zu können. Das auf Standorte über 1.000 Metern Seehöhe beschränkte Vorkommen ist auch eine indirekte Garantie für langsames Wachstum und eine regelmäßige Holzstruktur, die maßgeblich die akustischen Eigenschaften des Holzes bestimmt.

Christoph Buksnowitz
Wissenschaftler, Forschungsarbeit »Die Haselfichte – wissenschaftliche Beurteilung der Holzeigenschaften (eine Potentialanalyse)« gemeinsam mit Alfred Teischinger an der BOKU Wien

Alfred Teischinger
Professor für Holztechnologie an der BOKU Wien

Die Suche nach der Haselfichte

Von außen lassen sich Haselfichten kaum erkennen. Einzig die längsrissige Borke an älteren Bäumen scheint ein verlässliches Merkmal zu sein. Die Rinde dieser Bäume ist zudem meist außergewöhnlich dick. Wird ein Haselfichtenstamm entrindet, werden unterhalb der Wachstumsschicht, des Kambiums, dort, wo das Holz normalerweise glatt ist, längs des Stammes verlaufende Rillen sichtbar. Diese charakteristische Wuchsform kann entlang des gesamten Baumstamms auftreten. Erst nach dem Fällen des Baums und beim Betrachten der Baumscheibe wird das Ausmaß der Haselung offensichtlich. Dann lässt sich erkennen, wie diese 1 bis 3 mm breiten und 0,5 bis 2 mm tiefen Rillen über den Stamm verteilt sind und wie häufig diese Struktur vorkommt. Im Querschnitt, stirnseitig betrachtet, zeigen sich die Rillen als radial verlaufende, sägezahnartige Einbuchtungen in den Jahresringen. Sie erscheinen jedoch immer erst ab dem 35. bis vierzigsten Jahr(es)ring, das heißt, die Haselstruktur tritt erst im Laufe des Wachstums eines Baumes auf. Sehr häufig ist zu beobachten, dass Haselfichten ihre Jugend als Unterständer verbracht haben, also in einem geschlossenen Waldverband aufgewachsen sind. Im Schatten der umliegenden Bäume konnten sie nur sehr langsam wachsen. Der Zuwachs in den Jahresringen ist hier so gering, dass man die einzelnen Jahresringe mit freiem Auge kaum voneinander unterscheiden kann. Erst durch Windwurf oder Ausholzen des Baumbestands erhielten diese Jungbäume genügend Sonnenlicht, sodass von diesem Zeitpunkt an breitere Jahresringe einen größeren Holzzuwachs anzeigen. Warum Fichten und andere Nadelholzarten wie Zirbe und Tanne diesen Wuchstyp, diese Verzahnung der Jahresringe, ausbilden, ist nicht bekannt. Fritz Schweingruber von der Eidgenössischen Forschungsanstalt für Wald, Schnee und Landschaft (WSL) vermutet, dass Haselwuchs genetisch verankert ist, jedoch durch Umweltfaktoren beeinflusst wird. Noch ist unklar, wie die spezifischen Wachstumsbedingungen im Gebirge zur Ausprägung der Haselfichte führen. Sicher ist, dass die Menschen schon von alters her das Holz der Haselfichte für bestimmte Anwendungen schätzten. Besonders für den Instrumentenbau, bei dem höchste Ansprüche an die Holzqualität gestellt werden, wird die Haselfichte wegen ihrer klanglichen und konstruktiven Eigenschaften verwendet.

Helene Keller
Biologin und Künstlerin aus Imst

Charakteristisch für die Haselfichte sind die wellenförmige Verzahnung der Jahrringe (sichtbar im Querschnitt und in der mikroskopischen Aufnahme) und die Längsrillen parallel zur Faser.

Literatur

Haselfichte
Verein Forum Haselfichte (Hg.),
Wenns 2014
Broschüre
www.nordtiroler-haselfichte.com

Fotos

© Seraphin Unterberger, Kassian Erhart

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