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Editorial

Anne Isopp
Erschienen in
Zuschnitt 56: Holz hören
Dezember 2014, Seite 3

Wenn wir auf Holz klopfen, dann entsteht ein Ton. Anhand der Höhe des Tones können geschulte Ohren die Beschaffenheit des Holzes beurteilen: Ein heller Ton weist auf gesundes Holz hin, ein dumpfer Ton auf feuchtes oder gar faules Holz. Früher klopften die Bergleute auf den hölzernen Grubenausbau, um zu prüfen, ob dieser noch stabil und trocken ist – daher kommt wahrscheinlich auch das Sprichwort »auf Holz klopfen«.

Wenn wir in diesem Zuschnitt von Holz und seinem Klang sprechen, dann haben wir viele Geräusche im Ohr: das Klacken der Schuhe auf dem Holzboden, das Knistern des Feuers, das Knarren der Dielen, das Klingen einer Geige, das Rauschen der Blätter. Die Klangwelt von Holz ist so vielfältig, dass wir diesen Zuschnitt für viele Aspekte des Holzklangs geöffnet haben: Für die uns vertrauten Alltagsgeräusche, die Geräusche am und im lebenden Baum, für die Musik und ihre Instrumente und für die Bauwerke, in denen musiziert wird. Gelernt haben wir dabei, dass man unterscheiden muss, ob das Holz aktiv an der Klangerzeugung beteiligt ist oder nicht: Wenn Holz bricht, brennt oder knarzt oder wenn es wie bei einem Streichinstrument in Schwingung versetzt wird, dann erzeugt Holz aktiv Töne. Als Oberfläche in einem Musiksaal hat es die Aufgabe, den Schall bestmöglich im Raum zu verteilen. Für die Reflexion, Diffusion und Schallabsorption sind mehr die Oberflächen als die Materialeigenschaften wie Dichte und Elastizität von Bedeutung. Genau hier ist Holz – im Gegensatz zum Instrumentenbau – für die Akustik durch andere Materialien ersetzbar. Dass trotzdem viele Konzertsäle mit Holz ausgestattet werden, hat auch mit der besonderen Ästhetik des Holzes zu tun – denn auch das Auge hört mit.

Jeder Raum klingt und der Klang entscheidet über die Atmosphäre des Raumes. Es wäre zu wünschen, dass nicht nur beim Bau von Musik- und Konzertsälen auf eine gute Akustik Wert gelegt wird, sondern dass dieses Wissen auch in den Alltag, in die Alltagsarchitektur einfließt. Kann man mit geschlossenen Augen erkennen, ob man sich in einem Holzraum befindet? Probieren Sie es aus! Was hört man, ohne sich sehend rückversichern zu können? Wir wiederum standen vor der Herausforderung, den Klang von Holz zu vermitteln, ohne dabei Töne erzeugen zu können. Wir haben deshalb Töne fürs Auge entworfen – sehen und hören Sie selbst …

Text

Anne Isopp
leitende Redakteurin der Zeitschrift Zuschnitt

redaktion@zuschnitt.at