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Eine Truhe voller Töne

Tex Rubinowitz
Erschienen in
Zuschnitt 56: Holz hören
Dezember 2014, Seite 27

Nicht nur aus Distinktionsgründen sammle ich Singles, kleine schwarze, knisternde Vinylplatten aus den musikalischen Genrebereichen Doo Wop, Northern Soul und Brill Building Pop, also auf 2 Minuten komprimiertes Pathos aus den Fünfziger- und Sechzigerjahren des letzten Jahrhunderts, mir gefällt das einfach, auch dass das Abspielen so anachronistisch mühselig ist, erhöht seinen Reiz, Platte auflegen, hören, Platte abnehmen, eine künstliche Verkomplizierung, die höchste Aufmerksamkeit und keine Ablenkung fordert.

Ich habe kürzlich bei einer Feier eines Wiener Architekturbüros einen DJ gesehen, alles stimmte, seine Frisur, sein Anzug, seine Musikauswahl, sogar seine dezenten Bewegungen, ein nach innen gerichtetes, smartes Mitwippen, aber mit einem Detail hat er alles zunichte gemacht, er legte nämlich mit CDs auf, dann hätte er konsequenterweise gleich mit einem Laptop oder iPhone und 15.000 Titeln ankommen können, aber CDs sind das Würdeloseste, das Praktische ist in den seltensten Fällen auch das Stilvollste.

Ich lege auch gerne öffentlich Platten auf, weil ich weiß, dass man mit dieser Musik Menschen glücklich machen kann, das hat mit bestimmten Harmonien zu tun, die wie Neurotransmitter funktionieren, und dazu gehört eben unbedingt der haptische und sichtbare Vorgang des Auflegens und Wechselns, aber auch, dass ich keine Übergänge mache, also grundsätzlich nur mit einem Plattenspieler auflege, dazwischen sind Pausen, wenn mich der Mann mit den CDs sehen würde, würde er denken: Was für ein Stümper. Ich aber denke, nur so wird man den kleinen Miniopern gerecht, man entweiht sie, wenn man nahtlos an ein Lied, kaum ist der letzte Ton ausgehaucht, ein Folgelied pappt, sodass am Ende ein ununterscheidbares, vorwärtstreibendes Klanggebilde entsteht. Natürlich ist das mühselig, aber es lohnt sich, es bekommt dadurch etwas Inszenatorisches.

Und dieser Aspekt ist natürlich wirkungslos in den eigenen vier Wänden, hier muss ich niemandem etwas beweisen, weshalb ich mir überlege, mir einen Plattenspieler mit einer Wechselachse zuzulegen, einer Vorrichtung, auf der man mehrere Platten stapeln kann, von denen jeweils eine auf den Plattenteller fällt, wenn die vorhergehende abgespielt ist.

Und im Idealfall ist dieser Plattenspieler in eine so genannte Musiktruhe integriert, eine Kiste, die aussieht wie ein Barschrank, nur eben ohne Schnaps. Vielleicht gibt es aber auch ein Hybrid aus Bar und Plattenspieler, zu den exzellenten Platten gibt’s nur exquisite Spirituosen wie Gin der Marke Monkey 47, Tanqueray No. Ten oder Hendrick’s in seiner viktorianischen Apothekerflasche mit Korkverschluss, während in der Kiste mit hörbarem Geräusch beredte Songs gewechselt werden, zwischen den Songs ein Klacken, das die nächste herunterfallende Platte ankündigt, Titel, die auch als Dialog oder als Choreographie einer zum Scheitern verdammten Liebe funktionieren können:

Lena Junoff – Yesterday Has Gone
P. P. Arnold – The Time Has Come
Patty Duke – Don’t Just Stand There
Eydie Gormé – Love Me Forever
Bertha Tillman – Oh My Angel
Yvonne Baker – You Didn’t Say a Word
Maxine Brown – Funny
Helen Shapiro – You Don’t Know
Timi Yuro – Interlude
Lesley Gore – You Don’t Own Me
Judy Street – What
Babs Tino – Forgive Me (For Giving You Such a Bad Time)
Kiki Dee – Why Don’t I Run Away From You
Bessie Banks – Go Now
Rita & the Tiaras – Gone With the Wind Is My Love
Jackie Trent – Where Are You Now

So stelle ich mir das vor, so muss das sein, ich stehe staunend davor, einen Gin Tonic in der Hand, den man natürlich mit Gurkenscheiben trinkt, und die Truhe spricht mit mir, spricht mich direkt an. Das ist Hören mit Stil, man darf währenddessen natürlich nichts machen, nur das pure Hören und das Wunder einer modernen Technik bestaunen, die sie einmal war.

Foto

© Technoseum/Klaus Luginsland

Text

Tex Rubinowitz
ist Zeichner, Maler, Cartoonist, Reisejournalist und Schriftsteller. Er lebt in Wien und wurde 2014 mit dem Ingeborg-Bachmann-Preis ausgezeichnet.