Inhalt

»Holz antwortet immer« 


Gesprächsnotizen über den hörbaren Raum

Bernhard Leitner, Ulrich Conrads
Erschienen in
Zuschnitt 56: Holz hören
Dezember 2014, Seite 20f.

Der Ton-Raum-Künstler Bernhard Leitner und der deutsche Architekturkritiker Ulrich Conrads sprachen über die Macht der Akustik, wie täuschungsanfällig unser Ohr ist und welches Material wie klingt.

Ulrich Conrads Die Reiseberichte des frühen Mittelalters geben Kunde von einem Menschenschlag, der mit übergroßen, schirmartigen Ohren ausgestattet sei. Schade, dass nicht überliefert ist, wie diese Menschen hörten. Mittlerweile wünschen wir uns selbst oft ganz kleine, unempfindliche Ohren, um den peinigenden akustischen Missverhältnissen in so manchem Neubau zu entgehen, von den Lärmbelästigungen ganz zu schweigen.

Bernhard Leitner Die Macht der Akustik liegt im Einfinden eines Menschen in 
den Klang des Raumes, in die Zeit eines Raumes. Dabei ist es der Mensch selbst, der den Raum zum Klingen bringen muss – durch Schritte, Worte, durch geräuscherzeugendes Handeln, durch sein Atmen. Diese Verknüpfung von Mensch und Raum, die, da durch Töne hergestellt, bis tief in das Innerste des Menschen reicht, ist wie eine Art Dialog, für den die akustischen Prämissen bestimmend sind. Dieser Dialog führt zur Selbsterfahrung im Klang des Raumes.

Ulrich Conrads Man kann sagen: 
Eine Kategorie der Geräuscherzeugung hat mit unserer Eigenbewegung zu tun: Gehen, Laufen, Trippeln, Steigen usw. Eine zweite würde alles Schleifen, Schlürfen, Gleiten umfassen, reibende Geräusche der Bewegung auf Böden. Eine dritte Kategorie wäre dann das Schließen und Öffnen. Wir schlagen Tore, Türen, Klappen, Läden, Deckel zu oder öffnen sie. Das heißt, wir erzeugen Geräusche, indem wir bestimmte Bauteile bewegen, hierunter fällt also die ganze Familie von Tätigkeiten, die mit Schließen, Absperren, Zuklappen, Hinstellen, Hinlegen zu umschreiben ist. Alle diese Geräusche lassen sofort auf Art, Tempo und Charakter der Bewegung schließen.

Bernhard Leitner Das Ohr ist ein sehr feines, räumliches Messinstrument. 
Wie das Auge. Nur wird das Ohr vom wissenden Verstand sehr oft noch weit mehr manipuliert als das Auge. Es ist sozusagen täuschungsanfälliger: Man hört, was man hören will, wo man es sieht und wie man es weiß.

Ulrich Conrads Aber ob unser Gehör auch die ästhetischen Qualitäten eines Raumes auszumachen vermag? Auge und Ohr können einander wohl ergänzen, so wie sie einander lähmen können, aber nicht ersetzen.

Bernhard Leitner Ein visuell gut proportionierter, gut ausgewogener Raum muss nicht unbedingt gut klingen. Andererseits: Muss ein wohlklingender Raum notwendigerweise auch ästhetisch befriedigend sein? 
Oder ist es so, dass man Proportionen visuell besonders gut findet, weil der Raum sehr gut klingt? Interessant sind jene kleineren süddeutschen Landkirchen mit ihren Säulen, Gesimsen, Altaraufbauten aus Marmor, der in Wirklichkeit mit hoher Kunstfertigkeit marmorartig angestrichenes Holz ist. Was vordergründig nur als ökonomische Ersatzlösung verstanden werden könnte, verbindet, sinnverwirrend und sinnvertauschend, den visuellen wie ideellen Reichtum von Marmor mit dem klanglich idealen Holz. Auge und Ohr messen verschieden. Was das Auge hier hart, glattreflektierend sieht, hört das Ohr weichmitschwingend. Das Auge kann das Ohr, wie gesagt, beim Orten von Ton im Raum verführen, nicht aber kann es sein Raum-Empfinden außer Kraft setzen. Auch ein völlig mit marmoriertem Holz getäfelter Raum kann nicht kalt und hallig klingen.

Ulrich Conrads Der Mensch muss den Raum erst zum Klingen bringen, sagten Sie. Man kann ganz allgemein feststellen: Es sind die durch sich selbst und ihr gegenseitiges Einwirken bewegten beweglichen Elemente, die Geräusche und Töne erzeugen. Feuer faucht und zischt, Luft und Wasser produzieren eine nahezu unendliche Vielfalt von Lauten, wo immer sie sich an Festem brechen. Nur die Erde, das Feste, schweigt. Fels und Stein sind stumm. Doch sie geben der Welt der Laute Nahrung, sobald sie angestoßen, zum Schwingen, zum Tönen gebracht werden. Stumm sind auch die Pflanzen und die niederen Lebewesen des Tierreichs – bis zu jener Grenze, wo Bewegung in Selbstäußerung, also in (begrenzte) Artikulation übergeht.

Bernhard Leitner Das Material Stein im Innenraum einer Kathedrale lässt die tieferen Frequenzen besonders lang im Raum hin- und herschwingen, was den Raum mystisch erscheinen lässt und die Raum-Wahrnehmung körperlich irrational macht. Natürlich, vielleicht sind religiöse Ehrfurcht, Erziehung oder irgendeine Alltagskonvention der Grund dafür, dass man beim Betreten einer Kathedrale mit gedämpfter Stimme spricht. Diese akustische Scheu – 
Scheu tritt auf, wenn man nicht verletzen will oder wenn man sich des Ortes oder der Sache nicht ganz sicher ist – will die große Stille nicht stören. Vielleicht ist Flüstern auch ein Ahnen, dass ein lauter Dialog zwischen Einzelnen nicht dem Raum-Sinn einer Kathedrale entspricht.

Ulrich Conrads Eine laute Rede, ein lauter Ruf kommen in ihrer ganzen Wirkung auf einen selbst zurück in der Stille des großen Raumes. Das erschreckt.

Bernhard Leitner Holz ist, versteht sich, ein besonders beseeltes Material. Es antwortet eigentlich immer, schwingt mit, klingt mit. Die Veränderungen, die in diesem Material vor sich gehen können, lassen sich offensichtlich nicht messen. Erst ein guter Geiger bringt ein gutes Instrument richtig zum Klingen, ein schlechter Spieler kann es auf Dauer ruinieren. Holz lebt und lebt mit.

Es ist bekannt, dass einige Amati-Geigen bereits gestorben sind, selbst ein Virtuose kann sie nicht mehr zum Klingen bringen. Das Material hat aufgehört zu leben. Auch Naturstein hat, obwohl ein hartes Material, sein eigenes Klangsystem; 
Kristall und Zahl sind sein inneres Geheimnis, sein Klang kann entdeckt und geweckt werden. Kunststoff dagegen ist ein völlig totes Material; ein Raum mit Plastikwänden ist nicht zum Klingen zu bringen. Man wird im Plastikraum natürlich etwas hören, wird auch den Raum akustisch vermessen können. Sich bioakustisch mit ihm verbinden, mit ihm eins sein aber kann man nicht. Um noch einmal auf das Holz zurückzukommen: Raumtrennende Wände oder Böden aus Holz sind nicht selten weniger Trennung als Verbindung von zwei Räumen und oft notwendig, wenn es um das Klingen von Raum geht. Unter dem Holzboden des Wiener-Musikvereins-Saals befindet sich ein Lagerraum. Der Boden ist eine schwingende Membran zwischen den Räumen, die Räume darunter sind also integraler Teil des Konzertsaals, der Saal ist somit wesentlich größer als der vom Auge wahrgenommene Raum.

Dies ist eine gekürzte Fassung des Gesprächs zwischen Bernhard Leitner und Ulrich Conrads, das 1985 in der Architekturzeitschrift Daidalos Nr. 17 erschienen ist.

Im Teatro Farnese in Parma wurde die gesamte Holzkonstruktion, von den Sitzstufen bis zu den Säulen, mit Stuck verziert, um Marmor vorzutäuschen. 
Giovanni Battista Aleotti hat das barocke Hoftheater 1618 errichtet, im Zweiten Weltkrieg wurde es zerstört, in den 1950er Jahren originalgetreu rekonstruiert und 2011 wieder in Betrieb genommen.

Foto

© Teatro Farnese di Parma/Ministerium für Kulturgüter und Tourismus, Galleria Nazionale di Parma

Text

Bernhard Leitner

ist ein österreichischer Ton-Raum-Künstler. 
Seit Ende der 1960er Jahre arbeitet er im Grenzbereich von Architektur, Skulptur und Musik. 
Er begreift Klänge als konstruktives Material, setzt sie wie architektonische Elemente ein, um einen Raum entstehen zu lassen. www.bernhardleitner.at

Ulrich Conrads
war deutscher Architekturkritiker, Stadtplanungskritiker und Publizist. 2013 starb er im Alter von neunzig Jahren.