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Ein Baudenkmal modernisieren

Denkmalschutz und modernes Wohnen sollten sich nicht widersprechen, sondern ergänzen wie bei diesem Bauernhaus.

Florian Aicher
Erschienen in
Zuschnitt 57: Altes Holz – neu gedacht
März 2015, Seite 12f.

Das hat Tradition hier: die Geschäfte in der Stadt, zum Entspannen hinaus aufs Land. Leben und leben lassen – bayerische Lebenskunst, seit langem gepflegt von kunstsinnigem Publikum und seinen Helden. Dieser Lebenswelt verdankt das alte Bauernhaus seine heutige Belebung. Bereits als Kind verbrachte die Bauherrin, heute mit ihrem Mann im Medienbereich tätig, mit den Eltern regelmäßig im Ort die Sommerferien. Bindungen an Ort und Bewohner wuchsen und damit der Wunsch, hier ein Refugium zu haben. Da fand sich ein typisches Tegernseer Bauernhaus aus dem späten 17. Jahrhundert – flaches Dach, durchgehender First, Seitenflur, Wohnteil als Strickbau mit dreiseitig umlaufendem Balkon und verputztem Erdgeschoss. Mit der Adaption konnte begonnen werden.

Bei der Vorgeschichte war das leichter gesagt als getan. Die gesamte Haustechnik war zu erneuern, das Haus energetisch zu ertüchtigen und Räume, die nicht mehr auf alte Weise zu nutzen waren, mussten neu belebt werden. Doch der besondere Reiz des Hauses sollte erhalten bleiben: eine Atmosphäre, die von einer anderen als der perfekt eingerichteten Welt kündet, die Geschichte hat und Chancen bietet. Das eine sicherzustellen, ohne das andere verschwinden zu lassen, neue Festlegungen zu treffen und doch offen zu bleiben, war das Ziel – weder geschleckte Antiquität noch schickes Design.

In enger Abstimmung mit der Denkmalpflege wurden die Außenwände mit innenliegender Dämmung und neuem Putz versehen, sowie die Fenster saniert und ergänzt durch ein großflächiges, einfachverglastes Innenfenster zum Aushängen im Sommer bei gleichzeitigem Erhalt der Ansichten. Die Sanierung der Fundamente bot Gelegenheit, den Boden gegen Erdreich abzusenken, Raum für eine Fußbodenheizung zu schaffen und um eine Handbreit Raumhöhe zu gewinnen. Bei Raumeinteilung und Oberflächen hielt man sich an die historischen Vorgaben. Ähnlich wurde im Obergeschoss verfahren, doch statt der Fußbodenheizung wurde hier eine Wandheizung installiert – möglich geworden dank Niedertemperaturheizung, gespeist durch Erdwärme. Neu ist lediglich das in Douglasie ausgebaute Dachgeschoss mit Wand- und Deckenheizung.

Wo immer möglich, wurden alte Bauteile erhalten. So können Türstöcke in mehreren Farbschichten schimmern; die Treppe ins Obergeschoss erzählt vom einstigen Holzwurm; alte Betonkonsolen oder -stürze werden sichtbar. Dagegen steht die feine Qualität bei Neuem, etwa den Douglasie-Dielen des Bodens.

In jedem Fall zeugt die Verarbeitung von handwerklicher Meisterschaft, ein Anspruch, der ungewöhnlich weit getrieben wird: Statt verchromter Hightech-Einhebelarmaturen im Bad kommt eine verzinkte Aufputzinstallation zum Einsatz. Diese Haltung bis ins Detail ergibt atmosphärische Verdichtung.

Der vormalige Wirtschaftsteil erfordert anderes. Der früher unmittelbar neben dem Wohnhaus gelegene Stall und der darüber liegende Bergeraum werden zu einer großzügigen Wohnhalle von rund 40 m2 Fläche und 6 Metern Höhe. Türen und im Obergeschoss Fenster verbinden sie mit den historischen Wohnräumen; deren knappe Dimensionen verlieren durch die Verbindung mit diesem weiten Raum jede Enge.

An die Halle schließen zwei Gästezimmer mit Flur zu einem Sportraum an – innerhalb der Umfassungswände aus Nagelfluhfindlingen entstand eine neue Raumfolge mit neuer Stahlbeton-Kassettendecke auf frei stehenden Stahlstützen. Während die Gästezimmer mit Holzdielen, Kalkputz und Details der alten Stallfenster mönchisch wirken, lebt die Halle von der Begegnung von Neu und Alt. Neu ist die großzügige Verglasung nach Süden – auch hier kein Fensterprofil von der Stange, sondern Stahlrahmen vom Schlosser mit eigens gefertigten Beschlägen. Von besonderem Zauber ist der Blick, der nur ebenerdig direkt nach draußen geht, darüber wird er durch den Laubengang mit lichtdurchlässiger Verbretterung des alten Stadels gefiltert. Die Fassade des Wirtschaftsteils bleibt – wie auch der Dachstuhl – mit staunenswert feiner Verarbeitung erhalten.

Sorgfalt im Bestand, Wechsel von Alt und Neu, Verzicht auf demonstrierte Perfektion, stattdessen Freude an Überlagerungen, Brüchen, auch Dekorativem – bayerisches Lebensgefühl oder gar schon Nähe zu Italien? Zu welchem Italien? Gianfranco Maio, der mit seiner Frau Katrin Maio diese Architektur verantwortet, nennt als Bezugspunkt Gio Ponti, Ignazio Gardella, Gestalter mit einem Gespür für das Ungezwungene, das dem Alltäglichen einen eigenen Glanz verleihen kann.

Aufbauten im Detail

Fotos

© Markus Dobmeier

Text

Florian Aicher
geboren 1954, arbeitet als Architekt und Publizist und lebt im Allgäu

Bauernhaus Beim Stadler

Standort

Gmund am Tegernsee/D

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Planung

maio & maio architekten, München/D, www.maiomaio.de
Holzbau Holzbau Penzkofer GmbH, Eschlkam/D, www.holzbau-penzkofer.de

Konstruktionsart

Holzblockbauweise (Wohntrakt), Bruchsteinmauerwerk (Stall), Holzständerkonstruktion (Scheune)

Fertigstellung

Erbaut ca. 1680, Umbau 2007 – 12