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Low Budget im Alten – Old Tech im Neuen

Zuerst wird der Wohnteil aktiviert und dann der Stadel durch einen Neubau ersetzt.

Marina Hämmerle
Erschienen in
Zuschnitt 57: Altes Holz – neu gedacht
März 2015, Seite 20

Wiesen, Wälder, Berge und Holzbauten bildeten im Bregenzerwald über Jahrhunderte eine wohltuende Einheit und formten miteinander die Kulturlandschaft. Heute macht die Zersiedelung durch Einfamilienhäuser auch vor dieser Region nicht halt, gruppieren sich Gewerbegebiete an den Dorfrändern und verdichten Wohnanlagen die Kerngebiete. Obschon die meisten zeitgenössischen Bauten durch ihre Materialisierung in Holz den Faden aufnehmen, haben sich die Maßstäbe verschoben, werden andere Holzbautechniken und Haustypologien angewandt, ist das Gesamtbild heterogener und brüchiger.

Ortsräumlich wirksam ist auch der Leerstand. Rund 400 Häuser sind laut einer Studie im Bregenzerwald derzeit ungenützt, darunter 120 Wälderhäuser, vor 1945 errichtet. Umnutzung ist angesagt und neue Konzepte sind gefragt, zumal diese traditionellen Bauten Mehrgenerationenhäuser waren und riesige Kubaturen aufweisen. Georg Bechter, Architekt und Designer, trat das Erbe eines rund 200 Jahre alten Wälderhauses an, um im Kleinen verantwortungsvoll gegenzusteuern.

Zuerst wird das Wohnhaus aktiviert – Low Budget und Low Tech lautet die Devise für diese Übergangssituation. Alles, was nach der »Holz-Zeit« eingebracht wurde, wird entsorgt: PVC-Böden, Teppiche, Lackflächen, Kunststoffverkleidungen etc. Wenige Eingriffe ertüchtigen und erweitern die bestehende Struktur hinsichtlich Wohnkomfort und Belichtung. Einbauten von Möbelwänden, Toilette, Badewanne und die Verlegung der Treppe reinigen und verdichten die Atmosphäre des einfachen Bauernhauses. Mattes Gold, sanftes Grün, frisches Celeste konterkarieren die haptischen, freigelegten Strickwände; grafische Tapetenmuster und historisches Täfer treten in Dialog. Innovative, selbst entworfene Stuckleuchten in geglätteten Wand- und Deckenteilen versprühen Coolness und Witz. Eine neu eingezogene Dielendecke wird zur Galerie und öffnet den Blick zur Schlafebene, holt Licht und Außenraumbezug in den tiefen Eingangs- und Küchenraum. Kastenfenster werden inwendig mit Isolierverglasung in Minimalrahmen nachgebessert, alles weitere kompensiert ein zusätzlicher Pullover.

Ein Umbau des Stadels wird geprüft, die fehlende Hangsicherung und die maroden Balken sprechen für einen Ersatzbau. Die klassische Zweiteilung des Hofes – geschindeltes Vorderhaus mit Klebdächern und kleinteiligen Fenstern zum Wohnen und geschlossenes Hinterhaus mit stehendem Schirm für Tiere und Futter – hebt der Umbau des Stadels auf. Auch das Hinterhaus dient jetzt dem Wohnen, ist mit extragroßen Schindeln bekleidet und macht über sein groß bemessenes Atelierfenster die neue Nutzung sichtbar. Der eigens entwickelte vertikale Schiebemechanismus erlaubt eine komplette Öffnung des Raumes Richtung Süden und lädt dazu ein, sich auf den brettergeschalten Betonsitzstufen vor dem Haus niederzulassen. Konisch gedrechselte Säulen sind funktionell und elegant zugleich, bringen Charme ins geradlinige Gefüge.

Westseitig führt die neue Zufahrt direkt auf die Kellergeschossebene. Fahrzeuge, Werkzeug- und Materiallager finden darin Platz, die Treppe macht eine einladende Geste. Der neue Dachstuhl in bewährter Zangenkonstruktion überspannt auch einen Kaltbereich zwischen Alt- und Neubau und lässt Raum für weitere Ausbaustufen. Das ursprüngliche Volumen wird auf der neuen Kellerdecke im Elementbau nachvollzogen, die räumliche Großzügigkeit des zweigeschossigen Lofts komplettiert die rohe Oberfläche seiner weiß lasierten, 35 mm starken Bretterverkleidung von Wand und Decke. Je nach Baumstamm aus dem eigenen, 5 km entfernten Wald sind die horizontal angebrachten Bretter bis zu 50 cm breit. Gehobelt und gebürstet liegen 11 cm konisch zulaufende, wechselweise verlegte Bohlen mit fremder Feder auf dem Zangenträger auf. Die sogenannte Fleckendecke zieht eine zweite Raumebene ein, folgt traditionellen Bauprinzipien. Darunter bündeln sich Nebenräume, darauf lässt es sich schlafen, baden und arbeiten. Vier Bohlen werden nach und nach, wie bei alten Hauskonstruktionen, nach erfolgtem Schwund eingetrieben und bilden letztendlich eine fugenlose Decke. Gut Ding braucht Weile. Darüber formt die Künstlerin Barbara Anna Husar in situ acht in Blau getauchte Kühe zu einem illustren, mit elf Spiegeleiern gesprenkelten Reigen am Deckenhimmel. Die Beleuchtung ist basal aus einfachsten Stahlteilen gefertigt, die Leuchtmittel hingegen sind höchste LED-Technologie. Von weitem betrachtet leuchtet nachts das neu erschaffene Hinterhaus wie eine überdimensionale Laterne, erstrahlt der nicht mehr gebrauchte Stadel in wohnlicher Einfachheit, während sich das beeindruckende Panorama vor dem Atelierfenster auf einzelne Lichtpunkte reduziert.

Text

Marina Hämmerle

Architektin, Architekturvermittlerin und Kuratorin, gestaltet Prozesse der Baukultur und schreibt
www.marinahaemmerle.at

Haus Rosanna

Standort

Gfäll 48, Hittisau/A

Bauherr und Planung

Georg Bechter Architektur und Design, Langenegg/A, www.bechter.eu

Holzbau

Zimmerer Nenning, Hittisau/A, www.zimmerer-nenning.com

Konstruktionsart

Blockbau

Fertigstellung

Erbaut 17. Jahrhundert, Umbau 2007, Neubau 2014