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Transformation alter Holzbauten

Von der Historie lernen

Thomas Mennel und Klaus Pfeifer
Erschienen in
Zuschnitt 57: Altes Holz – neu gedacht
März 2015, Seite 10f.

Sanierung und Transformation sind Dauerbegleiter der Baukultur aller Regionen, im Holzbau gerade deshalb, weil er die Möglichkeiten zur Anknüpfung, zur Aufstockung, zur Einbindung neuer Wände und Decken erleichtert, teilweise sogar provoziert. Gebäude und die darin verborgenen Strategien im Umgang mit der Substanz sind daher nicht isoliert für einzelne Bautypologien oder Regionen zu betrachten, sondern beruhen auf einem gemeinsamen Erfahrungsschatz großer Regionsverbünde. Die Anwendung vergleichbarer Holzbautechniken ist von der Übernahme praktischer Erkenntnisse gelenkt wie von Moden.

Jede Änderung muss handfesten Beweggründen folgen

Das Erreichen neuer Funktions- und Komfortstufen für das Wohnen und Wirtschaften (Rauchfreiwerdung der Flurküchen, Verlagerung der Kellererschließung von ursprünglich außen nach innen) sind offenkundig Zielsetzungen unserer Vorfahren. Bereits etablierte Errungenschaften aus anderen Regionen gelangten durch Händler, Wanderhandwerker, Kirchenvertreter von einem Ort zum anderen. Bauformen und Stilelemente werden über Talschaften und Städte hinweg kopiert, tradiert oder zu neuen, regionsspezifisch anmutenden Formen weiterentwickelt. Sie prägen die heute vorhandenen Bauten in ihrem äußeren Erscheinungsbild. Im Kern verborgen sind verschiedenste Bauphasen und gestalterische Eingriffe. Historische Bauwerke sind von der Wiederverwendung von Raumeinheiten und Bauteilen gekennzeichnet und zeigen letztlich die Tendenz zum Erhalt von Teilen des Bestandes. Vermutlich sind wirtschaftliche Überlegungen entscheidend für die Weiterverwendung von Gebäudeteilen und des Interieurs bis hin zum Recycling einzelner Bauhölzer. In der Herangehensweise an die Objekte galt offenbar nichts anderes als heute: Jede Änderung folgt handfesten Beweggründen, nicht nur im materiellen und/oder funktionalen Sinn. Jede Veränderung hat sowohl einen quantitativen als auch einen qualitativen Ursprung.

Sorgfalt und Verständnis für die Substanz

In den auffindbaren Bearbeitungsspuren und Fügetechniken sind Sorgfalt und Verständnis für die Bausubstanz dokumentiert, gleichzeitig aber auch Mut, Radikalität und der Wille zur Veränderung. Gebäude wurden im Ganzen transloziert, demontiert und wiedererrichtet, aufgeständert und neu unterbaut, entkernt und mit neuen Balken- und Blockstricklagen versehen. Große Bergeräume im Wirtschaftsteil wurden mit neuen Tragwerken stützenlos überspannt. Nicht zu unterschätzen sind solche Manifestationen des Erneuerungsgeistes einzelner Personen, die wiederum zu Vorbildern für die Bauaktivitäten anderer werden.

Im Alten Vorbilder erkennen

Die damals gängige Praxis des Recyclings und die Erweiterung der vorhandenen Gebäudeorganisation in vertikaler und horizontaler Richtung birgt folglich Vorbilder für eine ähnliche Herangehensweise im Heute. In der Rückschau lassen sich Perspektiven für einen möglichen Weiterbestand und die zukünftige Entwicklung historischer Objekte im logischen Umgang mit der Substanz erkennen. Seit Jahrhunderten zeigt der Holzbau unterschiedliche Möglichkeiten der Addition, Division und Adaptierung. Die Holzaltersbestimmung (Dendrochronologie) an Bestandsobjekten und gefügekundliche Untersuchungen belegen diesen wechselvollen Umgang der Vorfahren mit ihren Objekten und setzen im besten Fall im Besitzer von heute einen Abwägungsprozess in Gang, der zu einer Wertschätzung der Substanz führt. Vordergründig örtlicher Schädlingsbefall oder bautechnische Störungen, die üblicherweise einen Abbruch nahelegen, werden in Anbetracht der vorliegenden Altersstufen zweitrangig. Entscheidend sind die historischen Lösungsmodelle und die verwertbaren Potenziale zur Bewältigung der neuen Anforderungen. Auch eine nicht wissenschaftliche Gefügeanalyse und Auseinandersetzung mit dem Baubestand veranschaulicht historische Möglichkeiten der Deckung täglicher Bedürfnisse. Ähnlich verhält es sich mit konstruktiven und bautechnisch interessanten Details. In vielen Objekten sind Bearbeitungstechniken und Detaillösungen nach konstruktiven Grundsätzen vorhanden, die ob ihrer Einfachheit und Wirksamkeit Beachtung verdienen. All diese Erkenntnisse gilt es zeitgemäß zu übersetzen.

Raffinesse und Respekt sind gefordert

Für heute empfiehlt sich eine offene, unvoreingenommene Raumanalyse gepaart mit einem detaillierten Aufmaß der Proportionen und konstruktiven Details. Wand- und Deckenversprünge, Konstruktionslagen, Wasserhaltung und -spuren zeugen von Bauphasen, die in ihrer Logik weitergedacht werden können. Respekt den angetroffenen Raumfolgen sowie den Grundriss- und Schnittgeometrien gegenüber führt zu statisch weiterhin intakten und bautechnisch interessanten Lösungen. Den bauphysikalischen Schwierigkeiten muss mit Raffinesse begegnet werden. Die Raumhöhe kann in Teilbereichen des Sitzens und Schlafens durchaus niedriger sein. Die mehrgeschossigen historischen Herdräume und Flurküchen bringen eine dreidimensionale Ausweitung des Raumes mit sich und werden zu neuen Vorbildern komplexer Raumabfolgen und offener Räume mit großzügiger Lichtführung. Der Wechsel der Raumgrößen in der Abfolge bestehender Kammern ist nicht notwendigerweise ein Defizit, sondern wird durchaus zur Qualität zwischen Offenheit und Rückzug. Stellt man die bauphysikalischen Einschränkungen (z. B. reduzierte Schalldämmung) den gewonnenen Qualitäten gegenüber,  führt dies  zu einem Plus an positiven Argumenten für den Erhalt. Für die Verortung neuer Funktionen und die Herangehensweise im Detail finden meist ungewöhnliche und zugespitzte Lösungen, Materialien und Formen auf beeindruckende Weise zusammen. Damit liegt in der Transformation der Substanz eine Vielzahl an Chancen – für das Objekt und seine Bewohner, für das Handwerk sowie für den Erhalt und die Einbettung der Objekte in die Kulturlandschaft. Abseits der gebundenen Grauenergie ist der Wert historischer Objekte der anonymen Architektur in Stadt und Land ein hoher, die Bearbeitung und Transformation daher lohnenswert.

Thomas Mennel

geboren 1971 in Lingenau/Vorarlberg, Architekturstudium an der Technischen Universität Wien, 2000–09 Mitarbeit im Architekturbüro Fasch&Fuchs, Wien, freischaffender Architekt, seit 2012 Leitung des Fassadenplanungsbüros gbd Projects, Studien, Vorträge und Publikationen im Bereich Hausforschung und Handwerk
www.memux.com

Klaus Pfeifer

geboren 1967, Biologiestudium an der Universität Innsbruck, Promotion 2006. Er ist seit 1992 als freiberuflicher Botaniker tätig und spezialisierte sich mit dem Labor für Dendro(Chrono)Logie in Egg 1998 auf die Gebiete Dendroklimatologie, Dendrochronologie sowie Bauforschung im Ostalpenraum.