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Wo liegen die Grenzen einer denkmalgerechten Renovierung alter Holzhäuser?

Historische Bausubstanz von Kalser Bauernhöfen

Franziska Leeb
Erschienen in
Zuschnitt 57: Altes Holz – neu gedacht
März 2015, Seite 22

Der Strukturwandel in Landwirtschaft und Tourismus hat im Lauf weniger Jahrzehnte die Ortsbilder im alpinen Raum massiv beeinträchtigt. Viele Höfe verschwinden, weil die Landwirtschaften nicht mehr rentabel sind und nur mit hohem Aufwand gemäß den modernen betrieblichen Anforderungen umzubauen wären. Andererseits finden sich zusehends Städter, die das authentisch Alte schätzen und nicht nur bereit, sondern auch in der Lage sind, entsprechend zu investieren. So kann wohl das eine oder andere Haus gerettet werden, eine über das Einzelobjekt hinausgehende baukulturelle Bewusstseinsbildung findet damit noch lange nicht statt.

Die Architektin und Kunsthistorikerin Barbara Lanz ist überzeugt davon, dass man jahrhundertealte landwirtschaftliche Anwesen aus Holz für das moderne Leben rüsten kann, auch wenn die Fenster kleiner und die Raumhöhen niedriger sind, als wir sie heute gewohnt sind, und das Volumen der in Kantblockbauweise mit Kopfstrickverband errichteten Bauernhäuser von der Länge des Holzes bestimmt wurde. Die Grenzen einer denkmalgerechten Revitalisierung alter landwirtschaftlicher Holzbauten gibt es laut Barbara Lanz dennoch: »Anforderungen, die das Raumgefüge sprengen, brechen das ganze Gefüge.« Und jeder Eingriff, der ohne Wissen um die Baugeschichte erfolgt, stört die Harmonie der Bauten.

Fokus Bauernhäuser – Kals am Großglockner

In Kals am Großglockner wurde in den letzten Jahren heftig in die touristische Infrastruktur investiert, in eine neue Skiverbindung und ein Ferienresort, das mit 480 Betten ein eigenes Dorf innerhalb des aus mehreren Weilern bestehenden Gemeindegebiets bildet. Weniger spektakulär, für Dorfgemeinschaft und Ortsbild aber verdienstvoller sind hingegen die parallel dazu erfolgten Maßnahmen im Ortszentrum. Da wäre einerseits das um das revitalisierte spätgotische Widum sukzessive entstandene Ensemble aus Neubauten für das Kommunal- und Kulturleben, das dem Dorf von den Architekten Schneider und Lengauer mit Gespür implantiert wurde. Andererseits lenkte das im Zuge der touristischen Begleitplanung von Barbara Lanz betreute Projekt »Historische Bausubstanz von Kalser Bauernhöfen« den Blick der Bevölkerung auf das gebaute Erbe in der Gemeinde. Im Zuge dieser nach bauhistorischen, typologischen und bautechnischen Kriterien vorgenommenen Inventarisierung wurden auch zehn Anwesen mittels Dendrochronologie untersucht. Denn nur mit dieser Methode sei die Bestimmung des Alters einzelner Bauten und Bauteile einigermaßen zuverlässig möglich, so Barbara Lanz, da Zimmermannsverbindungen oft über Jahrhunderte gleichblieben und daher wenig Rückschlüsse auf die Errichtungszeit gäben. Und ebenso über Jahrhunderte wurden die Gebäude den jeweiligen Bedürfnissen entsprechend adaptiert und ausgebessert. In Kals konzentrieren sich die Hauptbauphasen auf die erste Hälfte des 16. Jahrhunderts sowie auf die Zeit zwischen 1849 und 1870 – also die Zeit nach der Bauernbefreiung. Zehn bis 15 Dendroproben seien notwendig, um eine Grundaussage über die oft komplexe Baugeschichte treffen zu können.

Individuelle Beratung statt Maßnahmenkatalog

Ursprünglich war es der Wunsch der Gemeinde, diese Erkenntnisse in einen Katalog einfließen zu lassen, um künftig eine Anleitung für den Umgang mit historischen Höfen bei der Hand zu haben. Gestaltungsvorschriften seien aber nicht zielführend, ist Lanz überzeugt, denn zu individuell seien die einzelnen Häuser und zu unterschiedlich die Bedürfnisse der Besitzer, um mit einem Handbuch taugliche Rezepte liefern zu können. Für die Projektdauer konnten sich daher umbauwillige Hofbesitzer dank eines von der Dorferneuerung geförderten Beratungsschecks kostenlos von der bauforschenden Architektin beraten lassen. Von der Veränderung eines Balkons bis zum kompletten Hausumbau reichte das Spektrum der Veränderungswünsche. Sorgsames Abwägen ist in allen Dimensionen ratsam. Schon geringfügige Vergrößerungen der Fenster oder ein neues Vordach können die Harmonie einer ganzen Fassade ins Ungleichgewicht bringen, und natürlich lässt es sich schwer vermeiden, dass sich Veränderungen der Raumhöhen auch außen abbilden. Ob schlussendlich ein Projekt gut gelinge, hänge wesentlich von der Konstellation zwischen Bauherrschaft, Planern und Behörde und deren Dialogfähigkeit ab, so Lanz. Wie die vorbildliche, aber leider zeitlich begrenzte Aktion in Kals gezeigt hat, ist bauhistorischarchitektonische Beratung notwendig, um im Einzelfall gute, bestandsgerechte Lösungen zu finden.

Barbara Lanz
Architektin und Kunsthistorikerin, führt mit Martin Mutschlechner ein Architekturbüro in Innsbruck. Sie arbeitet schwerpunktmäßig in der historischen Bauforschung und übernimmt Planungs-, Beratungs- und Gutachtertätigkeiten. www.stadtlabor.org, www.bauforschung-tirol.com

Text

Franziska Leeb
geboren 1968, Architekturpublizistin, lebt in Wien