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5.000 Augen

Der Brite Charles Brooking sammelt Fenster

Michael Hausenblas
Erschienen in
Zuschnitt 58: Holzfenster
Juni 2015, Seite 27

Welch großartige Erfindung das Fenster doch ist! Wie wenig bewusst wir es im Alltag dafür schätzen. Dabei ist das Fenster viel mehr als ein bauliches Konstrukt, das dem Lichteinfall und der Frischluftzufuhr dient. Das Fenster ist ein optisches Tor zur Welt. Es schützt und ist doch verletzlich, es gibt Aus- und Einblicke. Das Fenster ist die architektonische Linse, die uns am Draußen teilhaben lässt. Es animiert zum Beobachten und hilft so manchem Gedanken auf die Beine.

Auch in den Gedanken des Bauforschers Charles Brooking sind Fenster keineswegs eine Selbstverständlichkeit. Für ihn sind sie mehr als ein Gebäudeteil, durch den wir hindurchsehen. Sie sind vielleicht sogar sein Leben. Wahrscheinlich. Deshalb sammelt er sie. Und zwar so richtig.

Bereits als Dreijähriger hat sich der Brite für besondere alltägliche Formen interessiert. Die ersten Objekte seiner Begierde -waren Hausnummernschilder aus den 1930er Jahren. In weiterer Folge fuhr er alte Gebäude und deren Fenster ab. »Als ich sechs Jahre alt war, das war 1960, fielen mir während einer langweiligen Mathe-Stunde die faszinierenden Details des Flügelfensters in unserem Klassenzimmer auf. Das war wohl die Initialzündung. Von da an begann ich Fenster zu studieren und zu vergleichen«, berichtet Brooking.

Und zu sammeln. Während der Jahrzehnte kam ein Berg von circa 5.000 Fenstern aus gut vier Jahrhunderten zusammen. All das mündete 1985 in die Stiftung »Brooking National Collection«, die neben dem unglaublichen Fensterkosmos auch Dachrinnen, Türbeschläge und dergleichen mehr beherbergt. Gut 500.000 Architekturdetails sind in Brookings Forschungslabor in Cranleigh, südlich von London, versammelt. Jene Fenster, die nicht in der Stiftung gezeigt werden, sind wie riesige Bücher in einer Bibliothek in Stellagen untergebracht, freilich datiert und fein säuberlich geordnet.

Fragt man Brooking, der dies alles wissenschaftlich und leidenschaftlich betreut, warum gerade Fenster für ihn einen so großen kulturellen Schatz darstellen, meint er: »Fenster haben eine ganz eigene Art von innewohnender Schönheit. Sie sind die Augen eines Gebäudes und unglaublich vielfältig. Aber mehr noch, abgesehen von ihren praktischen und gestalterischen Seiten sagen sie sehr viel darüber aus, wie sie von der sozialen Hierarchie eines Gebäudes geformt wurden.«
Seine Umtriebigkeit brachte Brooking 2014 auch auf die Architekturbiennale nach Venedig. Gezeigt wurden unterschiedliche hölzerne Fensterrahmen, die wie Gemälde an einer Wand aufgehängt wurden. Zu sehen waren winzige Fenster, uralte, kleine, große, raffiniert konstruierte, prächtig verzierte. Einige waren bunt, andere naturbelassen oder einfach lackiert. Die unglaubliche Vielfalt machte den Besuchern neben dem ästhetischen Gesamtauftritt klar, wie seelenlos viele der modernen Fensterfronten daherkommen.

In Sachen Formgebung und Charakter sieht Brooking vor allem die Rahmen eines Fensters als Informationsträger. Traurigerweise, so Brooking, sei das meiste Holz, das heute verwendet würde, ein schnell wachsendes, nicht gut gelagertes. Er persönlich bevorzugt das feinkörnige Holz der baltischen Kiefer, das Tischler im 18. Jahrhundert gern verwendeten und das immer wieder gut in Form zu bringen ist.

Fenster, so viel wird nach einem Streifzug durch die Welt des Charles Brooking noch klarer, stehen für mannigfaltige Ausblicke des Geistes, sind Lichtblicke ganzer Kulturen. Wilhelm Busch sagte einmal: »Mancher kann nicht aus dem Fenster hinausdenken.« Brooking kann es, und viel mehr noch, er denkt sich in es hinein.

Da Charles Brooking immer auf der Suche nach Zuwachs für seine Sammlung ist, möchte er die Gelegenheit nutzen und sein Interesse an ein, zwei Flügelfenstern vom Kontinent bekunden.
www.thebrookingcollection.org

Fotos

© La Biennale di Venezia, Raymond Smith

Text

Michael Hausenblas
Mitarbeiter der Tageszeitung Der Standard