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Die Bedeutung des Fensters

Mehr als nur Licht

Erich Bernard
Erschienen in
Zuschnitt 58: Holzfenster
Juni 2015, Seite 19
Sechsflügeliges Bogenfenster, ca. 1840, Landstraßer Hauptstraße
Erkerfenster (Spion), ca. 1850 Westbahnstraße
Kastenfenster, 1862 Eschenbachgasse 1
Kastenfenster, T-­Teilung, 1884 Laudongasse 1
Kastenfenster, 1885 Sonnenuhrgasse 2
Kastenfenster, 1893 Frankgasse 8
Kastenfenster, 1909 Rennweg 11

Wie selbstverständlich sitzt man heute in einem Innenraum und blickt durch ein Fenster hinaus, ohne dabei von Wind, Regen, Hitze, Kälte oder Lärm gestört zu werden. An der Schnittstelle zwischen Innen- und Außenraum hat das Fenster zwei entgegengesetzte Aufgaben zu erfüllen: den Innenraum mit Luft und Licht zu versorgen und ihn zugleich vor physischen Angriffen zu schützen. Die Versorgung mit Luft und Licht als wichtigste Grundfunktionen des Fensters findet sich auch im englischen Wort window, das mit dem alten nordischen Wort vindauga, dem Windauge, zusammenhängt. Im Althochdeutschen hieß das Fenster augatora, was so viel wie Augen-Tor bedeutete.(1) Das Wort Fenster ist etymologisch vom lateinischen fenestra, der Öffnung, abgeleitet.

Neben den technischen Grundfunktionen übernimmt das Fenster mit seiner spezifischen Durchbildung, Gliederung und Anordnung innerhalb der Fassade eine wichtige gestalterische Rolle. Abgesehen von Fensteranordnungen im Monumentalbau, die ausschließlich von der geometrischen Gesetzmäßigkeit der Fassade bestimmt waren, entspricht die Fensteranordnung der inneren Raumdisposition und ermöglicht so eine Ablesbarkeit der inneren Nutzung eines Gebäudes.

Auch die handwerkliche Detailgestaltung der Fenster ist in der Regel auf den Charakter der Fassade bzw. des Gebäudes abgestimmt, ja manchmal übernehmen die Kastenfenster selbst schon den Dekor der sie umgebenden Gründerzeitfassade.
Je zurückhaltender die Gestaltung einer Fassade ist, umso mehr Bedeutung bekommen die Fenster für das Erscheinungsbild eines Gebäudes: nicht nur ihre Anordnung oder Teilung, sondern auch die Konstruktion im Detail, die Lage der Fenster in der Öffnung und bei den Kastenfenstern auch deren dreidimensionale Wirkung sind entscheidend.

So ist das charakteristische Erscheinungsbild der einfachen Fassaden aus dem Biedermeier in erster Linie auf die Altwiener Kastenfenster zurückzuführen, deren äußere, knapp außerhalb der Fassadenebene liegenden Fensterflügel mit ihren Lichtreflexionen für ein unverwechselbares Stadtbild sorgen.

Auch bei den Fassaden aus der Epoche der klassischen Moderne oder aus jüngerer Zeit sind Fenster in der Regel das wichtigste Gestaltungselement. In solchen Fällen bringt eine Veränderung der Fenster meist auch eine empfindliche Störung oder gar Zerstörung des beabsichtigten Erscheinungsbildes mit sich.

Der heute im Zuge von thermischen Sanierungen bereits weitreichend erfolgte Austausch der gründerzeitlichen Kastenfenster gegen optisch und oft auch technisch unbefriedigende Fenstermodelle stellt einen großen Verlust für das Stadtbild dar. Aber nicht nur in baukultureller, sondern auch in ökonomischer und ökologischer Hinsicht würde es sich lohnen, die verbliebenen Beispiele von hölzernen Kastenfenstern aus dieser Bauperiode zu erhalten, sie mit besonderer Sorgfalt zu behandeln und zu sanieren.

(1) Friedrich Kluge: Etymologisches Wörterbuch der deutschen Sprache, Berlin 1967, S. 192f.

Fotos

© Archiv Martin Kupf, Kurt Zweifel

Text

Erich Bernard

geboren 1965 in Graz, ist Architekt in Wien, führt mit drei Partnern das Büro BWM Architekten und die bwmretail, und ist Gastprofessor an der NDU – New Design University St. Pölten.