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Editorial

Anne Isopp
Erschienen in
Zuschnitt 58: Holzfenster
Juni 2015, Seite 3

Ein jedes Haus hat Fenster, um Licht und Luft ins Innere zu bringen und Ausblick zu gewähren. Mal sind die Fenster groß und fix montiert, mal sind sie kleiner und können geöffnet, gekippt, geklappt, geschwenkt oder aufgeschoben werden. Ein Fenster besteht immer aus viel Glas und einem, meist schmalen, manchmal sogar unsichtbaren, da in der Wand versteckten Rahmen, der das Glas hält. 
So weit ist alles bekannt und uns vertraut. Und doch ist damit das Thema bei Weitem nicht abgeschlossen, sondern beginnt eigentlich erst, wie man von Peter Schober, dem Fensterexperten der Holzforschung Austria erfährt: »Das Fenster ist unser am meisten unterschätzter Bauteil. Das gilt vor allem für Bauherren, Planer, aber auch Architekten. Sie beschäftigen sich intensiv mit dem Wandaufbau, das Fenster aber spielt eine untergeordnete Rolle. Sie planen ein Loch und suchen dann aus den Standardkatalogen ein 08/15-Fenster heraus. Dabei ist so viel mehr möglich – angefangen von den Öffnungsarten, den Formaten, den Einbauarten, dem technischen Equipment, den Leistungsdaten. Und nebenbei ist es der einzige Bauteil, der Energie gewinnen kann.« Wer für den Rahmen das Material Holz wählt, hat den großen Vorteil, dass er viel mehr Gestaltungsspielraum hat als mit den anderen Rahmenmaterialien. In Kunststoff undAluminium sind die Profile fix vorgegeben, Holz hingegen erlaubt ein individuelles Bauen. Aus einem Fensterkantel, einem meist aus mehreren Lamellen verleimten Ausgangsprodukt, wird ein Profil gefräst, das von Hersteller zu Hersteller individuell verschieden ist. Daher werden auch – egal für welches Rahmenmaterial – Fenster-Prototypen zuerst in Holz gefertigt.

Wir haben einen Fensterhersteller in der Steiermark besucht und waren überrascht, wie Handwerk und Industrie ineinanderwirken können. Im ersten Raum steht eine Maschine und fräst innerhalb weniger Minuten die Profile eines Fensters. Einen Raum weiter werden diese von gut einem Dutzend Handwerkern zusammengebaut, händisch nachbearbeitet, oberflächenbehandelt und mit Beschlägen versehen. Auf jeden Auftrag kann der Betrieb individuell eingehen. Natürlich gibt es in Österreich auch Betriebe, in denen die Holzfensterherstellung noch viel industrialisierter ist. So wird je nach Größe und Art des Projekts mal die Industrie, mal der Handwerks-betrieb der richtige Partner für die Anfertigung der Holzfenster sein.

Die Vorteile von Holzfenstern liegen auf der Hand: Haptik, regionale Wertschöpfung, lange Lebensdauer, natürlich nachwachsender Rohstoff und vieles mehr. Bei der Sanierungsförderung von privaten Wohnbauten in Österreich zum Beispiel wird die Verwendung von Holzfenstern extra bezuschusst. Trotzdem fällt die Wahl oft auf andere Rahmenmaterialien. Dabei ist das eigentlich zu kurz gedacht, nicht nur ökologisch, sondern auch ökonomisch, denn nur Holzfenster lassen sich immer wieder reparieren und können hundert Jahre alt werden und mehr.

Text

Anne Isopp
leitende Redakteurin der Zeitschrift Zuschnitt

redaktion@zuschnitt.at