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Essay

Das Fenster und seine Symbolkraft

Wolfgang Pauser
Erschienen in
Zuschnitt 58: Holzfenster
Juni 2015, Seite 4

Das Fenster der Gegenwart will kein Fenster sein. Das Antifenster-Fenster entsteht nicht beim Hersteller, sondern aus der Verwendung durch Architekten. An den Fassaden trendiger Einfamilienhäuser tummeln sich zahlreiche Fensterformen: Groß wie eine Wand sind sie oder klein wie eine Schießscharte, quer länglich formatiert, an Stellen ohne Aussichtsmöglichkeit angebracht oder zu um die Ecke laufenden Bändern verschmolzen, damit das einzelne, dünn gerahmte Fenster in der Serie verschwindet: Alles wollen sie sein, nur keine Fenster.

Die im Antifenster-Fenster sinnbildliche Ambivalenz ist mehr als eine Modeerscheinung, sie ist auch Symptom eines kulturellen Paradigmenwechsels im Verhältnis zwischen Mensch und Natur, Individuum und Gesellschaft. Was könnte sich dafür besser eignen als die Schnittstelle zwischen innen und außen? Jahrtausendelang war Bauen ein Projekt des Menschen gegen die Natur. Die Außenmauer jedes Bauwerks, der Stadtbefestigung wie des Hauses, schied die innere Human- und Kulturwelt von der äußeren feindlichen Wildnis. Seit etwa vierzig Jahren wird dieses Verhältnis mehr und mehr in sein Gegenteil verkehrt. Seit Weltklima und Wärmedämmung als Themen im Vordergrund stehen, mutiert die Gebäudehülle zu einem gegen die Bedürfnisse des Menschen – zugunsten der »Bedürfnisse der Natur« – gerichteten Projekt. Wo Styroporschichten auf Fassaden geklebt werden, hat das humantypische Anliegen der Ästhetik gegenüber dem moralischen Imperativ der Weltrettung alle Rechte verloren.

Fenster müssen sich heute in diesem Diskurs legitimieren: Sind sie groß, behaupten sie, viel Sonne einzulassen, um die Energiebilanz des Hauses zu verbessern. Sind sie klein, behaupten sie, demselben Zweck zu dienen, weil sie weniger Energie nach außen entweichen lassen. Funktional betrachtet sind diese Argumente überkomplex, kulturell betrachtet simpel und transparent wie Fensterglas. Am Anfang dieser Entwicklung stand das »Plastik-Fenster« der 1970er-Jahre. Kommuniziert wurde es im Kontext der »Energiekrise« als »Energiesparfenster«. Ökologische Gedanken wuchsen ihm erst später zu, die erste Ökowelle war primär gegen alles Künstliche und Industrielle gerichtet und versinnbildlichte sich in möglichst grob aussehenden Naturmaterialien. Kunststoff war ihr natürlicher Feind. Das Energiesparen diente jedoch noch dem egoistischen Bedürfnis des Bewohners, Geld zu sparen.

Die neuen Plastikfenster waren blitzweiß, dick und klobig gerahmt. Das lag auch an produktionstechnischen Anfangsschwierigkeiten, wurde aber dennoch vom Markt akzeptiert. Schließlich machten die »modernen« Fenster Sparsamkeitsgesinnung und Technikbegeisterung umso deutlicher publik, je auffälliger sie gestaltet waren. Die weißen Wülste waren Demonstrationsobjekte kleinbürgerlichen Stolzes, der aus der Verschandelung des Dorfes sein Triumphgefühl zog.

Lange brauchte es, bis das nicht atmende Fenster genügend Schimmel produziert hatte, um Hersteller zu zwingen, die Paradoxie nicht länger zu scheuen und gegen die übermäßige Dichtheit Lüftungsklappen einzubauen. Ebenso lange brauchte es, bis die Fensterrahmen dünner wurden und der Gedanke reifte, dass Isolierverglasung und Holzrahmen sich nicht ausschließen müssen.

Von den Bedeutungen dieses Fenster-Dramas der letzten vierzig Jahre will sich das Antifenster-Fenster nicht mehr belasten lassen. Zudem bemüht es sich, jenen Kulturkampf abzuhängen, in den das Fenster seit der Mitte des 19. Jahrhunderts, vor allem aber seit dem Beginn der architektonischen Moderne verwickelt ist. Die Glasfassade wollte die Mauer abschaffen, um den Menschen zu »befreien«. Da es ohne Mauer kein Fenster gibt, fiel auch dieses der »Glasarchitektur« zum Opfer. Der Kampf gegen das Fenster ruht auf den ideologischen Grundfesten des Modernismus. Der Dichter Paul Scheerbart versprach sich von der Vollverglasung »kosmische Erleuchtung, höhere Wahrheit und Klarheit der Seele«. Das Licht solle, wie Bauhaus-Theoretiker Adolf Behne formulierte, »wie ein Peitschenschlag den hinter Mauern sitzenden Spießer daran hindern, in Stumpfsinn und Gemütlichkeit zu verfallen«.

Das mehrfach verglaste Holzfenster verhilft dem ökologischen Gedanken über seine funktionale Verwirklichung hinaus zu einer demonstrativ natürlichen Oberfläche.

Seit nach der Postmoderne die Neomoderne zurückgekehrt ist, gibt es ein Loyalitätsproblem gegenüber der Pflicht, weiterhin gegen das Fenster zu kämpfen. Der Konflikt zwischen Ökologie und modernistischer Form wird vom Antifenster-Fenster formal gelöst. Als Kompromissbildung ist es auch Austragungsfläche für den Widerstreit zwischen dem Interesse der Hausbewohner und dem gesellschaftlich statuierten »Interesse der gefährdeten Natur«.

Das mehrfach verglaste Holzfenster verhilft dem ökologischen Gedanken über seine funktionale Verwirklichung hinaus zu einer demonstrativ natürlichen Oberfläche. In ihm sind Funktion, Gesinnung und deren ästhetische Anschaulichkeit ähnlich verknüpft wie beim weiß blitzenden Energiesparfenster des Plastikzeitalters.

Die neuen Holzfenster haben eine bessere isolierende Funktion als die Plastikfenster von damals. Was beide mit ihren Oberflächen und Gestalten nach außen der Gesellschaft demonstrieren, könnte verschiedener nicht sein. Das Fenster der 1970er Jahre strich den Eigennutz seines Besitzers hervor. Durch das Fenster der Gegenwart will man als Altruist gesehen werden, moralisch bereit, seine eigenen Bedürfnisse den planetarischen unterzuordnen – auch dann, wenn man aufs Fensteröffnen verzichten muss, weil das die Messwerte des sich selbst überwachenden Passivhauses stören könnte.

Text

Wolfgang Pauser

ist als Konzeptionist, Autor und Berater spezialisiert auf kulturwissenschaftliche Produkt- und Markenanalysen
www.pauser.cc