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Ugo Rondinone

Stefan Tasch
Erschienen in
Zuschnitt 58: Holzfenster
Juni 2015, Seite 28

Der Schweizer Künstler Ugo Rondinone, der zwischen 1986 und 1990 an der Hochschule für angewandte Kunst in Wien studierte, wurde vor allem durch seine publikumswirksamen »Regenbögen« bekannt, die er erstmals in den späten 1990er Jahren für den öffentlichen Raum konzipierte. Die bunten Schriftbilder zeigen eingängige Botschaften wie »Cry Me a River«, »Where Do We Go from Here?« oder »Hell, Yes!«. Als Inspirationsquelle dienten Rondinone Songs, Gedichte und Schlagzeilen aus der Zeitung. Die aus dem Kontext herausgelösten Sätze beziehen allerdings keine wertende Position – vielmehr sollen sie über den unmittelbaren Eindruck und nicht über den Verstand wahrgenommen werden. Rondinone will mit seinen Arbeiten ein breites Publikum erreichen: »Die Regenbogenskulpturen entstanden mit der Absicht, im öffentlichen Raum mit einem Symbol zu arbeiten, das weltweit verstanden wird. Sobald Kunst außerhalb der Exklusivität einer Institution oder Galerie präsentiert wird, ist es mir wichtig, dass sie ein möglichst breites Publikum erreicht …« In seinen Installationen greift Rondinone vor allem auf die Techniken des Samplings und des Zitierens zurück, wobei er der Auseinandersetzung mit räumlichen Aspekten sowie der Visualisierung von Zeit und Vergänglichkeit zentrale Rollen einräumt. Die hier abgebildete Arbeit »Clockwork for Oracles II«, die der Künstler 2008 am ica Boston realisierte, ist geradezu typisch für seine Arbeitsmethode. Die 52 Fenster, die Rondinone an einer Ausstellungswand der Institution installierte, bestehen aus bunten eingefärbten Spiegeln, die den Besucher und das Geschehen im Raum reflektieren. Rondinone involviert damit sein Publikum und stellt dessen Vorstellung von Natürlichkeit und Künstlichkeit bzw. von innen und außen auf die Probe. Die Anzahl der stilisierten Sprossenfenster, deren Rahmen aus recycelten Holzbrettern bestehen, entspricht dem Wochenzyklus eines ganzen Jahres und ist eine poetische Abhandlung über den Lauf der Zeit. 
Die Zeitungen, die wie eine Tapete den Hintergrund der Installation bilden, sind Ausgaben des Boston Globe. Sie verweisen noch direkter auf die zeitliche Begrenztheit und Endlichkeit, indem sie einen konkreten Tag verkörpern, der bereits der Vergangenheit angehört. Der Titel »Clockwork for Oracles« stammt aus einem Gedicht von Edmond Jabès, einem französischen Schriftsteller, der vor allem durch sein Werk »Buch der Fragen« bekannt wurde. Jabès’ Schreibstil, den er selbst als »récit éclaté« bezeichnete – also eine aus Bruchstücken bestehende Erzählung –, sollte frei von jedem Handlungsstrang und jeder Zeitlichkeit sein. Darin findet sich eine Parallele zur Arbeitsweise von Rondinone, der auch mit vielfältigen historischen und visuellen Referenzen spielt. Seit 2015 arbeitet dieser in seinem neuen New Yorker Atelier, einer ehemaligen Kirche, erbaut 1887 in Harlem. Rondinone ließ die Kirche von Grund auf renovieren und auch Studios für andere Künstler einrichten. Die großen Bleiglasfenster, die sich über die gesamte Außenfassade erstrecken, wirken dabei wie eine anachronistische Version von »Clockwork for Oracles II«.

»Clockwork for Oracles II« von 2008 im ICA Boston

Ugo Rondinone
geboren 1964 in Brunnen/CH
lebt und arbeitet in New York

Einzelausstellungen (Auswahl)

  • 2015 Artists and Poets, kuratiert von Ugo Rondinone, Wiener Secession, Wien
    clouds, Krobath, Wien
  • 2014/15 Breathe Walk Die, Rockbund Art Museum, Schanghai
  • 2014 Naturaleza Humana, Museo Anahuacalli, Mexiko-Stadt
  • 2013 soul, Gladstone Gallery, New York
    Primal, Esther Schipper, Berlin
  • 2012 pure sunshine, Sadie Coles HQ, London
    primitive, The Common Guild, Glasgow
  • 2011/12 New Horizon, Almine Rech Gallery, Brüssel
  • 2011 Kiss Now Kill Later, Galerie Eva Presenhuber, Zürich
  • 2010 Sunrise East, Museum Dhondt Dhaenens, Deurle/BE
    Die Nacht aus Blei (The Night of Lead), Aargauer Kunsthaus, Aarau

Gruppenausstellungen (Auswahl)

  • 2015 Von Angesicht zu Angesicht, Kunstmuseum Luzern, Luzern
    Work Hard: Selections by Valentin Carron, Swiss Institute Contemporary Art, New York
  • 2014 You Imagine What You Desire, 19th Biennale of Sydney, Sydney
    Lifelike, Phoenix Museum of Art, Phoenix
  • 2013 expo 1, MoMA ps1, New York
    Secret Codes, Galeria Luisa Strina, São Paulo
  • 2012 The Circus as a Parallel Universe, Kunsthalle Wien
    Faces, Onassis Cultural Centre, Athen
  • 2011 Rollenbilder – Rollenspiele, Museum der Moderne, Salzburg
    Une Nouveau Festival du Centre Pompidou, Centre Pompidou, Paris

Foto

© Ugo Rondinone/Courtesy Gladstone Gallery, New York and Brussels

Text

Stefan Tasch
Studium der Kunstgeschichte in Wien und Edinburgh, Arbeit in verschiedenen Museen und Galerien