Inhalt

Bei den Städten nachgefragt

Nachhaltige Stadtplanungs­strategien – Antworten von Brigitte Jilka, Urs Spinner, Elisabeth Merk

Anne Isopp
Erschienen in
Zuschnitt 59: In Zukunft Stadt
September 2015, Seite 10f.

Wien, Zürich und München sind wachsende Städte. Wie gestalten sie ­ihren Weg in die Zukunft? Wir sprachen mit den für das Bauen bzw. die Stadtplanung Verantwortlichen der drei Städte: mit der Stadtbaudirektorin von Wien, Brigitte Jilka, mit Urs Spinner vom Hochbaudepartement der Stadt Zürich und der Stadtbaurätin von München, Elisabeth Merk.

Ihre Stadt wächst, Wohnraum und Infra­struktur werden benötigt und zugleich muss sich die Stadt den Herausforderun­gen des Klimawandels und der Ressourcenverknappung stellen. Wie lässt sich das vereinen?


Brigitte Jilka
Unser großes Programm »Smart City Wien« (SCW) legt genau auf diese Herausforderun­gen einen starken Fokus. Die »Stadt der kurzen Wege« ist ein ganz wesentliches Element dabei. Wir werden aber nur dann reüssieren, wenn es gelingt, im Zusammenwirken mit der Bevölkerung auch Verhaltensänderungen herbeizuführen, beginnend bei mehr Toleranz für verdichtete Baufor­men oder bei der Mobilität. Die Maßnahmen sind nur dann effektiv umsetzbar, wenn sich möglichst viele Menschen beteiligen.

Urs Spinner Nachhaltiges Wachstum der Städte ist die beste Maßnahme, um diesen Herausforderungen zu begegnen. Umwelt- und energie­gerechtes Planen und Bauen ist ein wichti­ger Faktor für die nachhaltige Entwicklung der Stadt Zürich und gehört damit zum Kerngeschäft des Hochbaudepartements. Als Energiestadt hat Zürich bereits viele Projekte lanciert, mit denen der Energieverbrauch und der CO2-Ausstoß gesenkt und die erneuerbaren Energien gefördert werden.

Elisabeth Merk In einer so stark wachsenden Stadt wie München besteht ein sehr hoher Druck auf unbebaute Flächen und damit eine hohe Konkurrenz verschiedener Nutzungen und Funktionen (z. B. Grünflächen). Ressourcenschonendes Bauen bedeutet deshalb nicht nur energieeffizientes Bauen, sondern insbesondere auch flächenschonendes Nachverdichten. Auf bereits bestehende Infrastruktur im Bestand kann so zurückgegriffen werden und diese optimal ausgenutzt werden. Im Bereich der Fernwärmeversorgung kann so beispielsweise eine weiterhin ausreichende Wärmeabnahme für einen wirtschaftlichen Betrieb sichergestellt werden.

Welche Ziele in Bezug auf Energie-, Ressourcen- und CO2-Einsparungen hat die Stadt sich gesetzt? Wie wollen Sie diese erreichen?


Brigitte Jilka
Die Stadtbaudirektion beteiligt sich intensiv an der Ausarbeitung von Entwürfen zur Änderung verschiedener Regulative – sei es die Bauordnung für Wien, die stark auf Bauphysik wirkende Bautechnikverordnung oder seien es Programme zur Parkraum­bewirtschaftung. Außerdem wurden 2014 basierend auf dem KliP (Klimaschutzprogramm) über Gemeinderatsbeschluss in der scw-Rahmenstrategie die Maßnahmen zum Erreichen der eu 20-20-20-Ziele ­sowie der EU-Sparvorhaben bis 2030 beziehungsweise 2050 präzisiert. Die weitere Erhöhung des Anteils erneuerbarer Energieträger und die Schaffung von noch mehr Angeboten für den Umweltverbund im Verkehr sind zwei Säulen davon.

Urs Spinner Wir vertreten eine weit vorausschauende Stadtplanung. Die Stadt Zürich hat als erste Gemeinde der Schweiz die 2000-Watt-Gesellschaft in ihrer kommunalen Verfassung verankert – die Bevölkerung hat dies 2008 in einer Volksabstimmung bestätigt. Das ist ein konkreter Hebel beim Klimawandel, der dank gesetzlicher Auflagen gestärkt wurde. Neubauten wie auch Umbauten sollen auf Nachhaltigkeit ausgerichtet sein. Hier übernimmt die Stadt mit den eigenen Planungen und Projekten eine Vorbildfunktion und setzt Maßstäbe.

Elisabeth Merk Um die Klimaschutzziele der Landeshauptstadt  zu erreichen – eine CO2-Reduktion um 50 Prozent bis zum Jahr 2030 im Vergleich zum Basisjahr 1990 –, werden zahlreiche Maßnahmen ergriffen. Diese werden im gesamtstädtischen integrierten Handlungsprogramm Klimaschutz in München (IHKM) gebündelt. Exemplarisch sei die ­Klimaschutzmaßnahme »Energetischer Stadtumbau im Rahmen des Sanierungsgebietes Neuaubing-Westkreuz« heraus­gegriffen: Das derzeit größte Stadtsanierungsgebiet in Deutschland wurde bereits bei der Festsetzung von zahlreichen Studien und Forschungsprojekten zum Thema Ener­gie begleitet. Die Erfahrungen aus dem ersten energetischen Sanierungsgebiet werden für zukünftige Sanierungsgebiete in München von großem Nutzen sein.

Gibt es in ihrer Stadt größere Bauvorhaben oder Stadtentwicklungsgebiete, die nach den Kriterien ökologisch und nachhaltig oder CO2-neutral errichtet werden? Was zeichnet diese aus?


Brigitte Jilka
Die Seestadt Aspern stellt bei der Errichtung von Gebäuden für 20.000 Einwohner und ebenso viele Arbeitsplätze ein Eins-zu-eins-Labor für nachhaltiges Bauen dar. Holz als CO2-sparender Baustoff wird zum Beispiel erstmals im vielgeschossigen Bürobau eingesetzt. Mit der Aspern Smart City Research Gesellschaft (ASCR) werden großflächige Versuche mit Smart Grids, Smart Metering, Elektrofahrzeugen, Fernkühlung, Energierückgewinnung in der Haustechnik usw. durchgeführt.

Urs Spinner Die neue kommunale Wohnsiedlung ­Kronenwiese wird im Minergie-A-ECO-Standard erstellt und die Entwicklung des städti­schen Areals Thurgauerstrasse West erfolgt nach den Zielen der 2000-Watt-Gesellschaft. Durch eine gute Anbindung an den öffentlichen Verkehr, die Nutzung von Abwärme und den Einsatz von 100 Prozent erneuerbarer Energie nimmt auch das Gebiet Manegg eine zukunftsweisende Rolle im Umgang mit den knappen Ressourcen ein: Mit Greencity entsteht derzeit das erste zertifizierte 2000-Watt-Areal der Schweiz – ein Meilen­stein im verantwortungsbewussten und nachhaltigen Städtebau.

Elisabeth Merk Hier wäre zunächst die Messestadt Riem zu nennen. In den frühen 1990er Jahren waren hier bereits ökologische Bausteine grundlegender Bestandteil einer nach­haltigen und ökologischen Stadtentwicklungspolitik. Der Prinz-Eugen-Park ist ein aktuelles ­Beispiel für nachhaltige Innenentwicklung. Im Bereich einer ehemaligen Kaserne ­entstehen 1.800 neue Wohnun­gen, davon 500 als ökologische Mustersiedlung in Holz­bauweise und im Plus-Energie-Standard. Im Vordergrund stehen hier innovative Bauweisen, erneuerbare Energien und das Ziel einer nachhaltigen Stadtentwicklung. Der Baustoff Holz ist hierbei ein grund­legender Baustein. Die Holzbauweise hilft mit ihrem großen ­Anteil an nachwachsendem Rohstoff, graue Energie zu reduzieren, und ermög­licht zudem einen hohen Wärmedämmstandard bei geringem Flächen­verbrauch für die Konstruktion. Dies sind zusammen mit innovativen Versorgungskonzepten die Grundvoraussetzungen für eine nachhaltige und wirtschaftliche Plus-Energie-Siedlung – und für ein bislang ­europaweit einmaliges ­Pilotprojekt nachhaltigen ­Bauens auf städtebaulicher und Gebäudeebene.

Dieser Artikel ist abgelegt in: