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Clegg & Guttmann

Stefan Tasch
Erschienen in
Zuschnitt 59: In Zukunft Stadt
September 2015, Seite 32

Das Künstlerduo Michael Clegg und Martin ­Guttmann setzt sich mit gesellschaftlichen Struktu­ren, Machtverhältnissen und deren historischen Hintergründen auseinander. Die »Offene Bibliothek«, die erstmals 1991 in Graz realisiert wurde, ist eine ihrer wichtigsten Werkserien im öffentlichen Raum. Die Künstler installierten an drei verschiedenen ­Orten der Grazer Peripherie einfache Bücherschränke, wo sich das Publikum Bücher ausborgen oder Bücher spenden konnte. Clegg & Guttmann unterlaufen in diesem Projekt die hierarchischen Strukturen von traditioneller Wissensvermittlung und schaffen stattdessen eine offene, demokratische Einrichtung, auf die alle zu jeder Zeit – ohne Vorlage eines Ausweises – uneingeschränkt Zugriff haben. Das Hinzu­fügen von Büchern durch die ortsansässige Bevölkerung erzeugt auch eine Art Porträt des jeweiligen Stadtteils, in dem die Bibliothek steht. Die Erkenntnisse, die damit über das soziale Gefüge gewonnen werden, lassen sich mit der hier abgebildeten Installation »Humiliation« (2012) vergleichen – auch wenn diese Arbeit in der Innenstadt Wiens weniger das indirekte Porträt einer bestimmten Umgebung ist als vielmehr ein gesamtgesellschaftliches ­Sittenbild.

Der Graben, der heute zusammen mit der Kärntner Straße und dem Kohlmarkt als »goldenes U« des Wiener Handels bezeichnet wird, hat eine wechselvolle Geschichte. Clegg & Guttmann beziehen sich mit »Humiliation« – übersetzt Demütigung, Erniedrigung und Beschämung – auf jene historische Zeit, in der öffentliche Erniedrigung, Folter und Hinrichtung zum Strafvollzug gehörten und an diesem Ort ausgeführt wurden. In direkter Linie zur heutigen Pestsäule, an deren Stelle bis ins späte 17. Jahrhundert ein Schandkäfig stand, fügten Clegg & Guttmann drei Strafinstrumente des Mittelalters auf einem Betonsockel zusammen: einen Schandkäfig, einen Schandkorb und als oberen Abschluss eine Schandflöte. Im Schandkäfig wurden die Delinquenten meist stehend eingepfercht und per Flaschenzug an Rathaus- oder ­Kirchenfassade hinaufgezogen, der Schandkorb, ein nach oben konisch zulaufen­des, bodenloses Holzfass mit gezackter Halskrause, wurde über die Delinquenten gestülpt, sodass nur der Kopf ­herausragte, und die Schandflöte war ein ­Metallring mit flötenartigem Stiel, der schlecht spielenden Musikanten angelegt wurde, wobei der Hals im ­Metallring und die einzelnen Finger am Stiel fixiert wurden. Auch wenn die dargestellten Züchti­gungs­instrumente nicht zum Tod führten, war ihre sozia­le Wirkung verheerend. Mit »Humiliation« beleuchten Clegg & Guttmann ein dunkles Kapitel des histori­schen Strafvollzugs, das eng mit der damali­gen gesellschaftlichen Haltung und dem Begriff von ­Öffentlichkeit verbunden war – und das global ­gesehen nichts von seiner Aktualität verloren hat.

»Humiliation«, 2012, spielt auf die Zeit der Folter und Hinrichtung an, die bis ins späte 17. Jh. mitten in Wien stattfand.

Clegg & Guttmann
Michael Clegg, geboren 1957 in Dublin
Martin Guttmann, geboren 1957 in Jerusalem
Clegg & Guttmann leben und arbeiten in New York, Berlin und Wien.

Einzelausstellungen (Auswahl)

  • 2014 The Collector, his Father and their Collection, Galerie Mirko Mayer, Köln
  • 2013 Galerie Nagel Draxler, Berlin
    collaborative and commis­sioned portraits, Galerie ­Elisabeth & Klaus Thoman, Innsbruck
  • 2012 Humiliation, Denkmal im öffentlichen Raum, Graben, Wien
    Portraits and Other Cognitive Exercises 2001– 2012, Bawag Contemporary, Wien
    Monument of Monuments, Galerie für Landschaftskunst, Hamburg

    Gruppenausstellungen (Auswahl)

    • 2015 FACES NOW – European ­Portrait Photography since 1990, BOZAR Center for Fine Arts, Brüssel
    • 2014 2d23D. photography as ­sculpture – sculpture as ­photography, OstLicht.
      Galerie für Fotografie, Wien
    • 2013Fotos. Österreichische Fotografien von den 1930ern bis heute, 21er Haus, Wien
      The Feverish Library (contin­ued), Capitain Petzel, Berlin
    • 2012 On Signs and Bodies, Galerie Georg Kargl Fine Arts, Wien
      I Wish This Was A Song. ­Music in contemporary art, Nasjonalmuseet for kunst, arkitektur og design, Oslo
    • 2011 Sense and Sensibility, Salzburger Kunstverein, Salzburg

    Foto

    © Iris Ranzinger

    Text

    Stefan Tasch
    Studium der Kunstgeschichte in Wien und Edinburgh, Arbeit in verschiedenen Museen und Galerien 

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