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Die grüne Lunge der Stadt

Wien und seine Bäume

Johannes Lau
Erschienen in
Zuschnitt 59: In Zukunft Stadt
September 2015, Seite 22

Bäume dienen nicht nur der Verschönerung, sondern liefern zudem einen wichtigen Beitrag für das urbane Klima. Das zeigt sich vor allem im Sommer: Bäume spenden mit ihren Kronen dem schwitzenden Bürger Schatten, erhöhen die Luftfeuchtigkeit, fangen Staub und können die Temperatur in ihrer Umgebung etwas senken. Gerade in Zeiten des Klimawandels sollte man sich das zunutze machen, betont Florin Florineth, Leiter des Instituts für Ingenieurbiologie und Landschaftsbau an der Universität für Bodenkultur Wien: »Die Bedeutung der Bäume für das grundsätzlich wärmere Stadtklima ist evident. Ihre Rolle wird in Zukunft noch wichtiger werden: In Wien ist die Jahresdurchschnittstemperatur allein von 1970 bis 2000 um ­circa zwei Grad Celsius gestiegen. Eine verstärkte Baumpflanzung im städtischen Gebiet könnte ­dabei helfen, diese Erwärmung zu kompensieren.«

Die Bedeutung der Bäume für das Stadtklima weiß auch ein Praktiker wie Joachim Chen zu bestätigen. Der Gartenbauingenieur ist stellvertretender Dienst­stellenleiter der Wiener Stadtgärten und erklärt: »Parkanlagen und Alleebäume sind die grüne Lunge einer Stadt.« Das Atmen fällt allerdings gerade dem Stadtbaum, dort wo er außerhalb eines Parks wächst, nicht leicht. Der Straßenrand ist für den Baum ein völlig unnatürlicher Lebensraum, weshalb er in ­dieser Umgebung erheblich mehr belastet wird als im eigentlichen Habitat. Die Stadt stresse den Baum massiv, sagt Chen: »Das ist genauso wie bei uns Menschen: Wer wohnt schon gerne dort, wo täglich hunderttausend Autos vorbeidonnern?«

Diese Belastung hat sich durch die Modernisierung stetig verstärkt. Das gestiegene Verkehrsaufkommen belastet die Pflanzen durch vermehrte Abgase und erschwert Neupflanzungen in bestehenden Stadtteilen: Dass Wien noch grüner werden soll, stößt nämlich nicht immer auf die Zustimmung der Bewohner. Mit jedem Baum mehr gibt es schließlich eine Parkmöglichkeit weniger. Daher gehört nicht nur das Pflegen und Pflanzen zur Arbeit der Stadtgärtner, sondern ebenso der Dialog mit der Bevölkerung. Die infrastrukturellen Zwänge, die sich aus dem Stadtverkehr ergeben, machen den Bäumen auch anderweitig zu schaffen: Noch vor vierzig Jahren wurden Straßen meist gepflastert. Die Wurzeln konnten sich weiter ausbreiten und wurden manchmal sogar zusätzlich von undichten Wasserleitun­gen versorgt. In unserer zubetonierten Gegenwart ist es damit vorbei: Ein herkömmlicher Straßenaufbau beläuft sich auf 80 bis 90 cm, die Baumscheibe hat hier nur eine Fläche von wenigen Quadrat­metern. »Vom Größenverhältnis her entspricht das einem bescheidenen Blumentopf. Aber der Baum muss darin alles vorfinden, was er für sein Wachstum braucht«, gibt Chen zu bedenken.

Die Stadtgärtner greifen gerade jungen Bäumen anfangs mit zusätzlicher Bewässerung unter die ­Arme. Irgendwann sind die Pflanzen jedoch auf sich allein gestellt. Schafft der Baum das nicht, geht es mit ihm schnell zu Ende. Ein typisches Symptom der Überstrapazierung ist dann der verfrühte Laubfall: Wenn schon im August die Blätter zu Boden segeln, fehlen in der Ernährung wichtige Monate, die gerade der geplagte Stadtbaum dringend benötigt. Angesichts der wachsenden Belastungen nutzen Chen und seine Kollegen für Neupflanzungen inzwischen ein ausgesuchtes Sortiment bestimmter Baumsorten wie Hainbuche, Scheinzypresse, verschiedene Eschen und andere. Diese Arten haben sich als robust genug bewährt und haben im Idealfall im urbanen Umfeld eine Lebenserwartung von 35 bis 40 Jahren. Damit verändert sich das ­Gesicht der Metropole: Die traditionsreiche Kastanie etwa, die über zwei Jahrhunderte viele Wiener ­Alleen schmückte, verschwindet von den Straßen und weicht robusteren, aber weniger schmucken Arten.

Vor diesem Haus in der Flachgasse in Wien stehen zwei 14m hohe Lederhülsenbäume, geplanzt 1972.

Wiener Baumkataster

Zu welcher Art gehört der Baum vor meinem Fenster? Wann wurde er gepflanzt? Wie viele Bäume gibt es überhaupt in der Stadt Wien und welcher Baum ist der älteste? Die Bäume der Stadt Wien sind genauestens dokumentiert, und alle Informationen dazu können online abgefragt werden: www.wien.gv.at/umweltgut/public/

Text

Johannes Lau
geboren 1986 in Neumünster, Schleswig-Holstein, Studium der Vergleichenden Literaturwissenschaft in Wien und Aix-en-Provence, lebt und arbeitet als freier Journalist in Wien.

Aufstockung Massivbauweise, Flachgasse Wien

Standort

Flachgasse 35 – 37, Wien/A

Fertigstellung

2007

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