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Die Zukunft ist grün

Der welt­weite Klimawandel lässt sich nur durch grüne Städte stoppen

Philipp Rode, Dimitri Zenghelis
Erschienen in
Zuschnitt 59: In Zukunft Stadt
September 2015, Seite 23

Städte haben bei der Entstehung des anthropogenen Klima­wandels zweifellos eine große Rolle gespielt, und sie werden ein ­zentraler Bestandteil der Lösung des Problems sein. Zwar sind weniger als 2 Prozent der Erdoberfläche von Städten bedeckt, doch auf dieser Fläche lebt die Hälfte aller Erdbewohner, und diese produzieren 70 Prozent des globalen Bruttoinlandsprodukts. Prognosen besagen, dass der Anteil der Stadtbevölkerung bis 2050 mehr als 70 Prozent der Weltbevölkerung ausmachen wird. Zwischen CO2-Emissionen und Einkommen besteht ein ­direkter Zusammenhang. Das Pro-Kopf-Einkommen ist in Städten generell höher als in ländlichen Gebieten und bewirkt eine ­höhere Pro-Kopf-Nachfrage bei den großen Emissionsquellen. Doch nicht ­alle Städte sind gleich. Es gibt riesige Emissionsunterschiede in Städten mit ähnlichem Pro-Kopf-Einkommen – Resultat der bei ihnen herrschenden klimatischen Gegebenheiten, ihres Energiemixes, ihrer unterschiedlichen Industrien und nicht zuletzt ihrer exportierten Emissionen. Die meisten Städte der industrialisierten Weltregionen stehen auf dem Papier deutlich besser da, als es ihrer tatsächlichen Lage entspricht, weil Emissionen, die aus ihrem materiellen Konsum anderswo entstehen, nicht mit eingerechnet werden.

Energieeffiziente Metropolen

CO2-Emissionen haben aber auch mit Unterschieden in den Siedlungsstrukturen zu tun: Insgesamt ist der Pro-Kopf-Ausstoß in dichteren und kompakteren Städten niedriger. Zwar sind Städte keine autarken Einheiten und sollten Verantwortung für ihre ­CO2-intensiven Aktivitäten außerhalb ihrer Stadtgrenzen übernehmen. Doch einige Weltmetropolen scheinen vergleichsweise CO2- und energieeffizient zu sein, ob man es nun an der Gesamtmenge des jeweiligen Ausstoßes oder pro Kopf misst. Paris, São Paulo, London, Dhaka, Hongkong und Tokio gehören zu den Städten mit dem weltweit niedrigsten Grad an Energieintensität. Städte mit begrenzter Ausdehnung haben meist einen niedrigen Pro-Kopf-Ausstoß an CO2. Ihre relative Effizienz verdanken sie ­geringeren Distanzen und einem höheren Anteil an grünen Transportmitteln, größerer Heizungs- und Kühlenergieeffizienz in ­Gebäuden dank des günstigeren Oberfläche-zu-Volumen-Verhältnisses von kompakten Gebäudearten und einem geringeren Verbrauch von gebundener Energie für städtische Infrastruktur, weil diese intensiver genutzt wird. Kompakte Städte wie Wien oder Madrid haben eine weitaus ­höhere Bevölkerungsdichte und eine bessere Auslastung von ­öffentlichen Verkehrsmitteln als ausgedehnte Städte wie Atlanta oder Houston, mit entsprechend niedrigerem Pro-Kopf-Ausstoß an CO2 und einem sehr hohen Grad an Lebensqualität.

Vorteile hoher Dichte

Mit kürzeren Transportwegen und einer weniger weitläufigen Strominfrastruktur sparen Städte mit höherer Dichte Betriebs­kosten, die im Jahr für den Durchschnittshaushalt Tausende ­Dollar betragen können. Die mit Urbanisierung einhergehenden Skalenökonomien bedeuten, dass sich für Städte grüne Investi­tionen lohnen: in ein integriertes öffentliches Verkehrssystem, in Wasser- und Abwassersysteme, in intelligente Stromnetze oder dezentralisierte Energienetzwerke. Darüber hinaus zeitigt Klimapolitik auf kommunaler Ebene zusätzliche Nutzeffekte. Reduziert man die Abfallmengen, führt das zu einem attraktiveren Umfeld (weil beispielsweise Mülldeponien wegfallen); verzichtet man auf importierte Energie und Rohstoffe, schafft man Energie­sicherheit; verbessert man die Vegetation und erhöht die Zahl von Grünflächen, senkt man den Wärmeinseleffekt.

Widersprüchliche Anreize

Wenn es schon Anzeichen dafür gibt, dass reichere Städte auch grünere Städte sein können, warum wird dann nicht mehr in ­klimafreundliches Wachstum investiert? Erstens zahlen sich ­Investitionen in Energieeffizienz nicht unmittelbar aus. Liquiditätsengpässe und begrenzter Kapitalzugang schließen deshalb vielleicht so manche langfristig profitable Investition von vorneherein aus. Zweitens sind die Gewinne aus der Energieeffizienz noch nicht vollends verstanden worden. In dem Maße, in dem fossile Energieträger und andere knappe Ressourcen teurer ­werden und in dem die Politik stärker gegen Verschwendung durchgreift, dürfte sich dies ändern. Es gibt keine Patentlösung für alle, doch Städte haben einen gewissen Spielraum, um ihre Effizienz zu steigern, mehr erneuerbare Ressourcen einzusetzen und das Umfeld für Innovationen zu verbessern – mit großem ökonomischem und ökologischem Gewinn. Von den Investitionen und strategischen Entscheidungen der nächsten Jahre hängt ab, wo auf dem Weg in eine nachhaltige Zukunft die Gewinner und Verlierer zu Hause sind.

Dieser Beitrag ist eine Kurzfassung des Artikels »Das Kommunale ist global«, der in IP – Die Zeitschrift, Juli/August 2012, publiziert wurde: zeitschrift-ip.dgap.org

Transport macht etwa 22 Prozent der weltweiten energiebezogenen Treibhausgasemissionen aus. Von etwa 10 Mrd. Fahrten, die jeden Tag in urbanen Ballungszentren auf der ganzen Welt gemacht ­werden, geht ein großer und wachsender Anteil auf das Konto der CO2- und energieintensiven ­Privatfahrzeuge.

Die Strom- und Heizwärmeproduktion trägt 37  Prozent zu den globalen energiebezogenen Emissionen bei. Einige Städte haben verstärkt in saubere Strom- und Heizwärmeproduktion investiert, zum Beispiel in Photovoltaik-Anlagen auf Dächern, an Gebäudefassaden oder auf speziell dazu vor­gesehenen Flächen.

25 Prozent der globalen energiebezogenen CO2-Emissionen stammen von Gebäuden. Strengere Bauauflagen und verpflichtende Energiezertifikate sowie Steueranreize und Darlehen hatten bereits einen messbar positiven Effekt auf den Energie­verbrauch in einer Reihe europäischer und amerikanischer Städte.

Text

Philipp Rode
ist Executive Director und Senior Research Fellow des LSE Cities Institutes der London School of Economics.
Dimitri Zenghelis
ist Principal Research Fellow des Grantham Research Institutes der London School of Economics.

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