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»Holz kann sehr viel«

Gespräch mit Reinhard Wiederkehr

Anne Isopp
Erschienen in
Zuschnitt 59: In Zukunft Stadt
September 2015, Seite 16

Seit Beginn des Jahres kann man in der Schweiz mit Holz wie mit jedem anderen Material bis zur Hochhausgrenze bauen – ohne Zusatzauflagen erfüllen zu müssen. Wir sprachen mit Reinhard ­Wiederkehr, Holzbauingenieur und Brand­schutz­ex­perte aus der Schweiz, darüber, wie sich das Bauen mit Holz im Laufe der Jahrhunderte ver­ändert hat.

Die Bilder von den Stadtbränden im Mittelalter und die Angst davor scheinen immer noch in unseren Köpfen vorhanden zu sein. Damals hat man das Bauen mit Holz verboten. Heute kann man genau das Gegenteil beobachten: Man baut wieder vermehrt mit Holz in der Stadt. Braucht man heute keine Angst mehr davor zu haben, in einer Stadt mit Holzbauten zu leben?

Wir haben heute eine hoch technologisierte Feuerwehr ­sowie funktionierende Wasserversorgungs-, Alarm- und Verkehrssysteme. Der Schritt vom kleinen Brand bis zu dem Zeitpunkt, an dem die Feuerwehr vor Ort einsatzfähig ist, ist ein ganz anderer als vor 500 Jahren.

Heutzutage kommt die Feuerwehr zwar schneller als früher, aber die Gefahr, dass ein Holzhaus brennt, ist ja noch immer die gleiche, oder?

Holz brennt heute noch genau gleich wie vor 500 Jahren. Nur waren die Holzgebäude vor 500 Jahren einfache Konstruktionen, bei denen ein kleines Feuer gleich zu einem Vollbrand des Gebäudes führen konnte. Heute konstruieren wir aufgrund der Bauphysik- und Schallschutzanforderungen kompakter, massiver und dichter. Das heißt, ein Brand bleibt relativ lange im Zimmer oder in der Wohnung. Diese Zeit reicht aus, bis die Feuerwehr vor Ort ist und den Brand in der Wohnung löscht.

Und doch hat die Erfahrung das Image dieses Baustoffs geprägt und ist in die Bandschutzvorschriften eingeflossen.

Hinzu kommt noch, dass die Bilder, die Deutschland, Österreich und wahrscheinlich auch England prägen, Bilder aus dem Zwei­ten Weltkrieg sind. Ganze Städte ­wurden niedergebombt, das Einzige, was stehen blieb, waren die massiven, nicht brennbaren Mauern. Das prägt aus meiner Sicht die Bauordnungen bis heute. Wir haben in der Schweiz 200 Jahre lang keinen Krieg mit entsprechenden Stadt- oder Dorfbränden gehabt. Diese Katastrophenszenarien ­kennen wir nicht mehr.

War es in der Schweiz deshalb einfacher als in anderen Ländern, eine liberale Brandschutzordnung, wie es sie seit Anfang 2015 gibt, zu etablieren?

Es ist einfacher, das Heute in das Morgen zu übertragen, weil das Gestern uns nicht mehr so intensiv belastet.

Trotzdem musste ja auch in der Schweiz Überzeugungsarbeit geleistet werden. Man musste beweisen, dass man mit Holz auch höhere Häuser bauen kann, und den Menschen die Ängste nehmen. Das geht ja nicht von heute auf morgen.

Tatsache ist, dass die Brandschäden in der Schweiz nicht zunehmen. Die Schäden, die wir haben, sind immer in den Altbausubstanzen. Deswegen hat man auf Druck von Politik und Wirtschaft überlegt, wie die Brandschutzbestimmungen liberalisiert werden können. Man hat sich gefragt: ­Wäre es volkswirtschaftlich nicht interessanter, weniger Auflagen zu haben und damit günstiger bauen zu können, dafür aber etwas mehr Schäden zu akzeptieren? – Sachwertschäden, die wir bezahlen ­können. Das Risiko ist ja nicht mehr der Stadtbrand, sondern der Verlust von zwei ­Wohnungen in einem Gebäude.

Der Personenschutz muss aber gewähr­leistet sein.

Der Personenschutz ist gewährleistet. Die Signale von politischer Seite waren: Beim Sachwertschutz akzeptieren wir durchaus größere Schäden, Personenschutz bleibt bestehen. Da konnten wir aufzeigen, dass der Holzbau überhaupt nichts mit dem Personenschutz zu tun hat. Es gibt keine Toten in Holzgebäuden, nur weil das Gebäude in Holz gebaut ist. 80 Prozent der Brandtoten sterben im Schlaf, nicht weil das Gebäude betoniert ist oder aus Holz, sondern weil die Möbel oder Bücher brennen. Erst wenn die Wohnung in Vollbrand steht, kann das Betongebäude besser sein als das Holzgebäude, dann hat das Holzgebäude eventuell den größeren Schaden.

Aber warum sollte man einen höheren Sachwertschaden akzeptieren?

Wir haben in den meisten Kantonen kantonale Gebäudeversicherungsmonopole, zu denen auch die Brandschutzbehörde gehört. Diese Monopolversicherungen ­versichern nicht nur Brand-, sondern auch Elementarschäden durch Sturm, ­Wasser, Schneedruck und Ähnliches. Diese Schadenskurven sind bei uns in den letzten Jahrzehnten exponentiell nach oben ­gegangen. Es gibt eben einen gewissen Zusammenhang zwischen den Elementarschäden und dem Klimawandel. Eine ­gesunde Waldwirtschaft hilft dem CO2-Haushalt ebenso wie dem Wasserhaushalt und verringert so die Elementarschäden. Eine gesunde Waldwirtschaft heißt, ich muss mit Holz Geld verdienen können. Und da ich die meiste Wertschöpfung mit Holz im Holzbau habe, ergibt es Sinn, ­diesen zu fördern. Die Versicherung akzeptiert also ein bisschen größere Brand­schäden, erwartet sich aber in ­einer langfristigen Perspektive einen Rückgang der Umweltschäden.

Was können die Nachbarländer wie Österreich und Deutschland von den Schweizern lernen beziehungsweise übernehmen?

Die Brandschutzvorschriften sind in vielen Ländern über Jahrhunderte gewachsene Vorschriften. Es gibt darin viele Altlasten. In der Schweiz hat man versucht, diese aus­zumisten. Wir haben zwanzig Jahre daran gearbeitet.

Reinhard Wiederkehr ist Holzbauingenieur und Brandschutzexperte im Büro Makiol Wiederkehr AG in Beinwil am See. Er ist im Vorstand der Lignum und war als Mitglied des Fachausschusses Brandschutz im Holzbau in die Überarbeitung der Brandschutzvorschriften involviert.

Text

Anne Isopp
leitende Redakteurin der Zeitschrift Zuschnitt

redaktion@zuschnitt.at

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