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Christian Philipp Müller

Stefan Tasch
Erschienen in
Zuschnitt 60: 25 Jahre (pro) Holz
Dezember 2015, Seite 28

1993 kuratierte Peter Weibel erstmals den österreichischen Pavillon für die 45. Biennale von Venedig. Er lud neben dem österreichischen Künstler Gerwald Rockenschaub auch die amerikanische Künstlerin Andrea Fraser sowie den Schweizer Christian Philipp Müller ein, den Hoffmann’schen Pavillon zu bespielen. Das kuratorische Konzept Weibels, auch »ausländische« Künstler und Künstlerinnen in die Ausstellung mit einzubeziehen, brach erstmals mit der Tradition des rein nationalen Wettstreits zwischen den teilnehmenden Ländern und führte im Vorfeld zu Verstimmung und Kritik in der österreichischen Presse. Das Ende des Kalten Krieges, der Niedergang des Ostblocks und der Fall der Berliner Mauer sorgten nicht nur für Euphorie und Aufbruchsstimmung, sondern erzeugten auch Skepsis, Angst vor den »neuen« Nachbarn und erste Anzeichen einer Renationalisierung, die schließlich zum politischen Zerfall und zu den Jugoslawienkriegen führte.

Mit nationalen Territorien und den Grenzziehungen zwischen West- und Osteuropa setzte sich auch der Beitrag von Christian Philipp Müller auseinander. Unter dem Titel »Grüne Grenze« präsentierte Müller Fotografien, die ihn bei den Grenzübertritten von Österreich aus in die angrenzenden Länder Italien, Schweiz, Fürstentum Liechtenstein, Deutschland, Tschechien, Slowakei, Ungarn und Slowenien zeigten. Als Wanderer verkleidet, wählte Müller waldreiche Gegenden, um unbemerkt in die Nachbarländer zu gelangen und die Durchlässigkeit der österreichischen Staatsgrenzen zu dokumentieren. Müller thematisierte damit auch die historischen Verschiebungen von Grenzen sowie den Wandel territorialer Identitätsstiftung. In einer weiteren Arbeit reagierte er spezifisch auf den österreichischen Pavillon, indem er die Mauer, die den Hinterhof des Gebäudes begrenzt, über eine Länge von etwa 4 Metern öffnete. Müller legte den Blick frei auf eine offene Grenze, ein Stück Niemandsland zwischen dem österreichischen Areal und der Begrenzungsmauer des Biennalegeländes. Die hier abgebildete Arbeit »Gartentisch«, die der Künstler im Hinterhof des Pavillons installierte, hat ebenfalls einen Durchmesser von 4 Metern. Sie wurde zur Präsentation von Objekten von Rockenschaub, Fraser und Müller genutzt. Zusammengesetzt aus 
13 der in Österreich am häufigsten vorkommenden Holzarten (etwa Fichte, Buche oder Weißkiefer), umgibt der Tisch kreisförmig einen Baum, der zwar juristisch auf österreichischem Boden wurzelt, de facto aber seit Jahrzehnten auf italienischem Boden wächst.

Ergänzend zeigte Müller im linken Flügel des Pavillons u. a. acht Bäume, die stellvertretend für die Landschaftsbilder jener Grenzregionen ausgewählt wurden, die er durchwandert hatte, und von denen auch die anfangs erwähnten Fotografien stammen. Selbst nach über zwanzig Jahren und internationalen Übereinkommen zur Abschaffung der stationären Grenzkontrollen innerhalb Europas, hat die Thematik des freien Personenverkehrs an Aktualität nichts verloren. Mittlerweile suchen hunderttausende Kriegsflüchtlinge den Weg durch Europa und stehen erneut vor Grenzzäunen, die ein Weiterkommen verhindern und Ausweichrouten erzwingen.

Ein Tisch – zusammengesetzt aus den in Österreich heimischen Holzarten – auf der 54. Kunstbiennale in Venedig, 1993

Christian Philipp Müller
geboren 1957 in Biel
lebt und arbeitet in Berlin

Einzelausstellungen (Auswahl)

    • 2014 Umsetzungen, Galerie Nagel Draxler, Berlin
    • 2012/13 Histories in Conflict: Haus der Kunst and the Ideological Uses of Art, 1937–1955, 
Haus der Kunst, München
    • 2011 Im Wohnatelier, Verein zur Förderung von Kunst und Kultur am Rosa-Luxemburg-Platz, Berlin
      31 in Chelsea, Murray Guy, New York
    • 2010 Ach wie gut dass niemand weiss, Artelier Contemporary, Graz
    • 2008 resolutions, Galerie Christian Nagel, Berlin
      cookie-cutter, 47 Orchard, New York
    • 2007 Basics, Museum für Gegenwartskunst und Basler Papiermühle, Basel

      Gruppenausstellungen (Auswahl)

      • 2015 to expose, to show, to demonstrate, to inform, to offer – Künstlerische Praktiken um 1990, mumok, Wien
        Ärger im Paradies, Bundeskunsthalle, Bonn
        Peter Weibel’s »Kontext Kunst« (1993), Yvonne Lambert, Berlin
      • 2014 A Place Like This, Kunsthaus Glarus, Glarus
      • 2013 NYC 1993: Experimental Jet Set, Trash and No Star, New Museum, New York
      • 2012 Swiss Chard Ferry (The Russians aren’t going to make it across the Fulda anymore), documenta (13), Kassel
      • 2011 Schöne Aussichten!, Belvedere, Wien

        Foto

        © pro litteris Zürich/Petra Wunderlich

        Text

        Stefan Tasch
        Studium der Kunstgeschichte in Wien und Edinburgh, Arbeit in verschiedenen Museen und Galerien 

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