Inhalt

Das Opake und 
der Möglichkeitshorizont

Walter M. Chramosta
Erschienen in
Zuschnitt 60: 25 Jahre (pro) Holz
Dezember 2015, Seite 3

Opak erscheint der Zuschnitt auf dem Schreibtisch. Auch nach sechzig Ausgaben bietet er immer wieder ein Differenzerlebnis. Im Durchscheinen des rot-weiß-schwarzen Heftkörpers hinter dem milchig-weißen Papierumschlag offenbart sich ein größeres Phänomen: die (Nicht-)Verfügbarkeit von technischem Wissen im gesellschaftlichen Verblendungszusammenhang. 
Der rationale Einsatz von Baustoffen und Fügungstechniken bedarf für vordenkende Entwerfer und Planer einer ständigen Reflexion auf den Menschen – heute ein schwieriges Konzentrationsproblem. Theodor Adornos Reflexionsmodell, die Negative Dialektik, bediente sich des Opaken, des Trüben, um komplexe Sachverhalte zu charakterisieren, die sich als gedanklich unangreifbar herausstellten. Opazität sprach Adorno gesellschaftlichen Sachverhalten zu, die der Kritik widerstanden, an denen das Neue abprallte. Das Opake ist noch immer die Oberfläche der Macht. Architektur und die ihr dienenden Bautechniken sind Ausdruck von Machtverhältnissen in der Disziplin und in der Gesellschaft. Dem Zuschnitt ist rückblickend eine Verdrängung des Opaken in hintere Gegenden des konstruktiven Bewusstseins zu verdanken. Der Zuschnitt ist zuerst opak wahrzunehmen, dann entpackt in seinem aufklärerischen Gestus: Das Holz ist diskursiv in die Welt gestellt. Dass es das Organ der Holzwirtschaft ist, tritt angesichts des Objektivitätsgehalts in den Hintergrund. Der Unterschied zwischen interessenzentrierter Verbandszeitschrift und erkenntniszentrierter Fachzeitschrift hat sich aufgelöst. Im Vergleich dazu zeigen »Zement + Beton« oder »Stahlbau aktuell« eine kulturelle Gefangenheit in überkommener Technokratie.

Holz als Werkstoff ist durch den Zuschnitt in einem rationaleren Licht zu sehen als vor 15 Jahren. Bauen mit Holz hat über die Zuschnitt-Kampagne nicht mehr nur die abstrakte Nachhaltigkeit als Argument: Holz steht technisch und ästhetisch nobilitiert da, es ist jetzt ökologisch und sozial als zukunftsfähig etabliert, es transportiert einen populären Fortschrittsmythos. Wie die Erzählung vom Holz weitergeschrieben werden kann, ist nur in Bezug auf die hohen medialen Dynamiken zu entscheiden. Die Unterstützung der Fachmedien durch fachlich relevante Mitteilungen in populären Medien nimmt jedenfalls ab. Sogar in den sogenannten Qualitätszeitungen verschwinden Architektur- und Städtebaukritik. Reflexives Schreiben über Bauen, Baukultur und Bautechnik hatte sowieso kaum eine Tradition in den Medien, die sich an das Bildungsbürgertum wandten.

Das jüngste Handbuch »Qualität der Medien – Schweiz« der Universität Zürich zeigt, wohin die kollektive Reise auch in Österreich geht: der Informationsjournalismus wird von den Medienunternehmern weggespart, die jungen Erwachsenen bedienen sich zunehmend sozialer Netzwerke als primärer Informationsquelle und suchen kaum mehr Information, sondern Unterhaltung. Das ist nicht nur demokratiepolitisch besorgniserregend, sondern auch fachdisziplinär. Die professionelle Medienpraxis der Architekten und Ingenieure und die Sichtweisen ihrer Auftraggeber haben sich in der Flut digitaler Informationsangebote radikal verändert. Der analoge Zuschnitt wird als Leitmedium der Holzaufklärung gerade deshalb weiter seine Rolle haben. Der Mythos vom Holz muss hier weitergeschrieben werden, so wie es die proHolz-Akteure vor 15 Jahren angedacht haben. Denn die »Wiederherstellung des reinen und unbesetzten Möglichkeitshorizonts«, wie Hans Blumenberg das in seiner »Arbeit am Mythos«, auf Adornos Negativität anspielend, ausdrückte, ist dem Zuschnitt für das Holz kultur- und bautechnisch hervorragend gelungen.

Text

Walter M. Chramosta

geboren 1956 in Wien, Studium der Kunstgeschichte, der Architektur und des Bauingenieurwesens, freischaffender Stadtplaner, Architekturwissenschaftler, Verfahrensbetreuer, Händler mit Planungsrechten, Berater öffentlicher Körperschaften und privater Bauherren zu baukulturellen Standards