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»Der Holzbau ist längst kein Orchideenfach mehr«

25 Jahre Bauen mit Holz. Ein Gespräch.

Anne Isopp, Karin Tschavgova
Erschienen in
Zuschnitt 60: 25 Jahre (pro) Holz
Dezember 2015, Seite 5f.

Im Gespräch: Otto Kapfinger, Walter Bohatsch, Karin Tschavgova, Roland Winkler (v. li. n. re.)

Karin Tschavgova Beginnen wir mit Otto Kapfinger. Du, der die Architekturentwicklung der Bundesländer in Architekturführern festgehalten hat, hast wohl die größte Übersicht über die Entwicklung des Holzbaus in den letzten 25 Jahren. Wie siehst du seine Entwicklung und – gleich eine zweite Frage – wie seine Akzeptanz in der Öffentlichkeit? Ist sie in den Jahren gestiegen?

Otto Kapfinger Das ist nicht einfach. Soweit ich sehe, ist der Holzbau jedenfalls längst kein Orchideenfach mehr. Holz wird heute als industrielles Produkt gesehen, das durch den Faktor Ökologie richtiger-weise in allen Bundesländern in den Vordergrund gerückt ist. In den achtziger Jahren hat man das Holz noch nicht so gesehen. Wir haben heute ein anderes Niveau, was das Forstwesen, die ganze Waldbewirtschaftung, aber auch die Ausbildung betrifft. Also war da innerhalb von kurzer Zeit ein Riesensprung. Das spiegelt sich alles in der Zeitschrift Zuschnitt, die sogar vieles vorweggenommen hat, finde ich. Von Anfang an war der Zuschnitt, das publizistische Sprachrohr von proHolz, nicht als Kammerzeitung für die Holznische aufgesetzt, sondern immer mit einem weiten Horizont – diese ganze Bandbreite von der Werkbank bis hin zur künstlerischen Seite und auch zum internationalen Blickwinkel.

Karin Tschavgova Zu der Zeit, als der Zuschnitt begonnen hat, mussten wir alle nach Vorarlberg schauen und vor allem in die Schweiz, weil dort die Vorbilder waren, nicht nur für den Holzbau, sondern auch dafür, wie er präsentiert wurde. Die Steirer waren im Holz für Geschosswohnbau Vorreiter mit Hubert Rieß. Es war aber eine vergebene Chance, weil die Steiermark daran nicht weitergearbeitet hat. Da hätte die Steiermark sich profilieren können. Dann kam Wien mit dem Geschosswohnbau. Eine zweite Beobachtung, die ich gemacht habe in den Jahren, auch jetzt, wo ich nicht mehr Redakteurin des Zuschnitts bin, ist, dass wir anfangs die Vorzüge des Holzbaus anders definiert haben. Früher war es einerseits die Vorfertigung in der Werkstatt, die ein sauberes, gutes Arbeiten dort und eine schnelle Montage auf der Baustelle möglich gemacht hat. Andererseits waren es die Spannweiten, bei denen es auch um das Ausreizen der Kapazität des Holzes gegangen ist. Heute, finde ich, hat Holz in der öffentlichen Wahrnehmung auch andere Vorzüge, Nachhaltigkeit zum Beispiel. Die konstruktiven Spitzenleistungen sind schöne Ausnahmefälle, der Holzbau ist mehr in das allgemeine Bauen eingeflossen.

Walter Bohatsch Ich glaube, dass man Holz nicht außerhalb der Entwicklung von anderen Werkstoffen sehen kann. Wie hat sich der Werkstoff etabliert? Was bietet er im Vergleich zu anderen und auch in Kombination mit anderen Werkstoffen. Das frage ich jetzt nicht als Leser des Zuschnitts, sondern auch aus meiner Erfahrung in der Zusammenarbeit und dem Diskurs mit Architekten und als jemand, der in die Rolle des Bauherrn gerutscht ist. Was ich aber am Zuschnitt diesbezüglich sehr interessant finde, ist, aus der Sicht des Gestalters, dass Themen sehr offen angegangen werden, dass der Leser immer wieder neue Aspekte sieht, wie über Holz nachgedacht wird und mit Holz umgegangen werden kann. Es gibt also keine strenge Eingrenzung auf Holz und dadurch, glaube ich, ist die Zeitschrift für den Leser immer wieder interessant. Und die stringente Form, über Jahre hinweg – das ist wirklich gut gelungen. Was ich auch sehr wichtig finde, ist, dass man sich nicht auf Österreich beschränkt, sondern sich immer wieder ins Ausland hinausbewegt.

Karin Tschavgova Ich würde gerne noch ein wenig beim Holzbau bleiben. Aus meiner Sicht ist er heute viel weniger ideologisch. Ist es heute noch ein Thema, ob einer ein reiner Holzbauer ist als Architekt oder ob man ein Gebäude nur in Holz macht? Das Ideologische am Holzbau ist perdu, glaube ich. Wir könnten nun darüber diskutieren, ob wir das gut finden oder nicht.

Roland Winkler Nur in Holz zu bauen, kann auch andere vernünftige Gründe haben, ohne Ideologie sozusagen. Ich komme aus Kärnten, vor 25 Jahren schlitterten meine Eltern, die eine Tischlerei hatten, in eine Krise. Meine Eltern waren so energisch und tüchtig, sich von dort wieder herauszuarbeiten. Zu der Zeit war das in Kärnten kein ungewöhnliches Ereignis. Warum war das so? Da ist etwas in den Tischlereien passiert, was meiner Meinung nach den Zimmereien erst jetzt blüht. Es war immer ein Problem gewesen, dass das Holz als Stab die Hauptfunktion der Raumhülle nicht erfüllte. Plötzlich hat jemand das Holz einfach zerstückelt und all seiner Eigenschaften beraubt. Zusammengeleimt entstand so die Spanplatte, ein isotropes Material, das man schneiden kann, wie man will. So wurde das Material dann plötzlich wirtschaftlich. Die Tischlereien waren eigentlich für Holzarbeit ausgerüstet, und die wurde ihnen von der Industrie einfach weggenommen. Sie hatten plötzlich mit dieser industriellen Produktion zu kämpfen.

Karin Tschavgova Einige haben sich spezialisiert.

Roland Winkler Aber da kommt etwas, was jetzt die Zimmerer betreffen wird oder betrifft. Auch die haben vor 25 Jahren die Idee gehabt, jetzt machen wir eine Platte. Gott sei Dank haben die das Holz aber nicht so klein zerhackt, dass es praktisch nichts mehr ist – nur noch Staub und all seiner Fähigkeiten beraubt. Die haben einfach Bretter verleimt oder gestapelt und haben ein Produkt erzeugt, das etwas kann und zugleich noch Holz ist. Und ich glaube, das ist mit der Grund, warum sie jetzt auf der Überholspur sind. Sie haben die Masse und Fläche hineingebracht, und das ist etwas, was dem Holz im Vergleich zu anderen Baustoffen bis dahin sehr abgegangen ist.

Karin Tschavgova Du hast am Anfang gesagt, die Zimmereien sind jetzt gefährdet. Warum?

Roland Winkler Das Tragische ist, dass Wissen und Können verloren gehen. Die Informationsgesellschaft bildet ja keine Leute mehr aus.

Karin Tschavgova Gibt es keine qualitative Weiterentwicklung?

Roland Winkler Nicht in dem Sinn. Es ist eine Industrialisierung zugange und die Branche versucht, Marktanteile zu gewinnen. Das geht nur über die Masse. Und die Masse geht nur mit weniger Qualität. Aber es gibt einen Hoffnungsschimmer, deswegen komme ich jetzt wirklich auf das Holz zurück. Man muss das Holz als Balken übereinanderstapeln – aber mit der heutigen Technologie. Klar, wir können nicht mehr schnitzen. Aber wir haben stattdessen Geräte entwickelt, mit denen wir tatsächlich wieder das Massivholz ins Spiel bringen können – auf die beste Art und Weise.

Otto Kapfinger Interessant. Du hast also einen neuen Werkstoff, der nicht nur industriell eingesetzt werden kann, sondern auch ästhetisch und tektonisch neu gedacht werden muss. Wie kannst du Know-how entwickeln? Um in die Breite zu kommen, muss man doch Standards entwickeln.

Karin Tschavgova Genau, keine Exklusivität, die wieder nur in ein Nischendasein führt. Ich plädiere für einen höheren Qualitätsanspruch. Ein Material nur durch das andere zu ersetzen, das geht für mich nicht, ebenso wenig, das Holz beidseitig zu verkapseln, sodass seine Vorzüge weder haptisch noch visuell erfassbar sind.

Roland Winkler Es liegt auf der Hand und ist auch ein Zeichen der Zeit, dass wir Holz aus ökologischen Gründen nehmen müssen. Über den Weg des Ökologischen, der Nachhaltigkeit, wird plötzlich das Ganze interessanterweise auch ökonomischer.

Otto Kapfinger Das, worauf du, glaube ich, immer hinaus willst, aus eigener Erfahrung, ist, dass zu viel vom modernen Holzbau verlangt wird, an thermischen Werten, an Schallschutz, an Statik und so weiter. Um alle diese Normen zu erfüllen, braucht man ein Top-Handwerk, damit dann nicht am Ende irgendetwas Zusammengeschustertes herauskommt. Wir haben jede Menge Standardwerte, die heute gefordert und zum Teil auch gefördert werden, die aber oft nicht kompatibel sind mit dem Können, das die Leute, die das machen, wirklich haben.

Karin Tschavgova Die Auflagen werden immer strenger.

Otto Kapfinger Und da stellt sich die Frage, ob man nicht wieder zurückrudern müsste. Das ist ein wichtiger Punkt: Wie soll sich Holz in Zukunft geben? Was ist wichtig am Holzbau? Tempo oder Schnelligkeit plus kleine, regionale Kreisläufe und Standardisierung? Und wie soll man umgehen mit der normativen Überlastung?

Roland Winkler Ich glaube, das spricht wieder für den Massivholzbau. Das Material ist nicht nur tragfähig, sondern auch salonfähig. Wenn man ohne die Schichtentaktik bauen könnte, dann hätte man einen Baustoff, der schnell, günstig, hoch qualitativ und technisch in der Bearbeitung und Ausführung ist. Diese Verkleidungswut kommt ja nicht nur von den Normen her. Holz altert, und das will man nicht. Also zieht man es an. Man will keine Nacktheit haben, die an die Alterung der Haut und des Menschen erinnert. Den meisten ist das nicht sympathisch. 
Wenn man das nicht hinkriegt, dass die Gesellschaft diesen Prozess der Alterung akzeptieren lernt, ...

Otto Kapfinger Ja, das ist eigenartig, so eingefräst in den Köpfen ...

Walter Bohatsch Das heißt also, wenn ich das Bewusstsein schaffen kann, dass Holz etwas ist, mit dem ich mich in hohem Grad identifizieren kann, weil ich es pflege und es dadurch Wert behält oder sogar noch gewinnt, bin ich bei einer sehr persönlichen Sache – die mir die Entscheidung für Holz erleichtert.



Walter Bohatsch
freier Gestalter in Wien, www.bohatschundpartner.at

Otto Kapfinger
seit 1972 freiberuflicher Architekturforscher und -publizist, zahlreiche Buchveröffentlichungen und Ausstellungskonzeptionen zur modernen Baukunst in Österreich

Karin Tschavgova
studierte Architektur in Graz, seit langem freie Fachjournalistin und Architekturvermittlerin, Lehrtätigkeiten an der TU Graz

Roland Winkler
Architekt mit eigenem Büro in Klagenfurt, www.winkler-ruck.com

Fotos

© Christina Simmel

Text

Anne Isopp
leitende Redakteurin der Zeitschrift Zuschnitt

redaktion@zuschnitt.at

Karin Tschavgova
studierte Architektur in Graz, seit langem freie Fachjournalistin und Architekturvermittlerin, Lehrtätigkeiten an der TU Graz