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»Die Klimaveränderung ist für uns die Kernfrage schlechthin«

Nachgefragt beim Ministerium für Land- und Forstwirtschaft und den Österreichischen Bundesforsten

Erschienen in
Zuschnitt 60: 25 Jahre (pro) Holz
Dezember 2015, Seite 8f.

Wie ist es um den Wald und den Rohstoff Holz bestellt? 
Welchen Herausforderungen müssen Forstpolitik und Waldbesitzer sich heute stellen? Wir sprachen mit Gerhard Mannsberger, Sektionschef der Forstwirtschaft im Ministerium für ein lebenswertes Österreich, sowie mit Rudolf Freidhager, Vorstandssprecher der Österreichischen Bundesforste (ÖBf).

Was hat sich in den letzten 25 Jahren verändert, im Wald und in der Waldbewirtschaftung?

Gerhard Mannsberger
Wir sind mit dem Klimawandel konfrontiert, der verschiedene Veränderungen schleichend, aber doch merkbar mit sich gebracht hat, insbesondere in der Zusammensetzung von Laub- und Nadelbäumen im Wald. Die zweite Veränderung ist eine gesellschaftspolitische, die von der Arbeitsplatzfrage über die Anforderungen der Gesellschaft an den Wald bis zur Bewirtschaftung der Wälder reicht. Wir sind in einer Zwickmühle: Wie können wir den Wald bewirtschaften, um einerseits den Ansprüchen des Umweltschutzes gerecht zu werden? Der Druck des Umweltschutzes nimmt zu, dem werden wir auf Dauer nicht standhalten. Und wie können wir andererseits der Industrie den Rohstoff zur Verfügung stellen, den sie braucht? 
Da setzen wir auf eine Alternativbaumart zur Fichte, beispielsweise die Douglasie.

Rudolf Freidhager
Die Stürme und die Trockenperioden haben zugenommen. In den letzten zehn, zwölf Jahren sind wir diesen nur hinterhergelaufen: Kaum waren die Schäden des einen Sturms aufgearbeitet, ist der nächste gekommen. Von einer planmäßigen, waldbaulich positiv betriebenen Forstwirtschaft waren wir weit entfernt. Wir hoffen, dass wir jetzt eine Verschnaufpause kriegen und wieder in eine geordnete Forstwirtschaft übergehen können. Sie dürfen mir glauben, dass das, was sich hier im Wald abspielt – angetrieben durch das Klima –, für uns die Kernfrage schlechthin ist: 
eine Herausforderung, die wir meistern müssen. Wir gehen von einer Erhöhung der Durchschnittstemperatur um 2 °C aus. Werden es 4 °C, dann werden wir an die Grenzen des Machbaren stoßen, wenn wir die Waldbestände, wie wir sie heute kennen, erhalten wollen.

Wofür werden wir unser Holz in Zukunft einsetzen? Der Holzverbrauch hat generell zugenommen – in diesem Zusammenhang wird vor allem die stoffliche versus die energetische Verwertung diskutiert.

Gerhard Mannsberger
Da ist einmal die Frage des Rohholzaufkommens, aber auch die der Stoffflüsse. 
Insbesondere die Diskussion »energetische gegenüber stoffliche Verwendung« haben wir intensiv geführt. Die energetische Schiene wird nicht weniger werden, eher mehr – allein aus politischen Gründen. Wir werden unsere Klimaschutzziele nicht erreichen, wenn von der Holzindustrie nicht ein wesentlicher Beitrag geleistet wird. Ich glaube aber, dass dieser Konflikt mit der energetischen Nutzung nur von einer gewissen Dauer ist. Eine dritte Frage ist die der Ressourceneffizienz. Wir müssen noch mehr aus der 
zur Verfügung stehenden Ressource Rohholz machen.

Rudolf Freidhager
Wir sind natürlich Verfechter der thermischen Verwertung, einfach aus dem Grund heraus, dass wir speziell in dem Segment der niederqualitativen Holzsortimente eine gesunde polypolistische Gruppenstruktur wollen, das heißt, dass es viele Abnehmer gibt – kleine, mittlere, große –, und nicht nur ein paar große. Natürlich freut es mich, wenn die Produkte, die wir aus Holz erzeugen, höherwertig sind. Ich möchte für den Rohstoff nur einen auskömmlichen Preis bezahlt bekommen.

Es heißt, der Fichtenanteil in unseren Wäldern nimmt ab. Dabei wird die Fichte ja als Brotbaum bezeichnet – als wichtigste Holzart der Holzindustrie. Welche Holzarten werden wir in Zukunft zur Verfügung haben?

Gerhard Mannsberger
Um der Industrie nach wie vor den Rohstoff zur Verfügung stellen zu können, den sie braucht, müssen wir auf Alternativbaumarten zur Fichte, 
beispielsweise die Douglasie, setzen. Die Douglasie jedoch wurde als sogenannte poten-ziell invasive Baumart kategorisiert – für mich eine Kategorie, die für Unsicherheit sorgt und gestrichen gehört. Es ist nicht nur eine ökologische, sondern auch eine wirtschaftliche Frage, wie ich das Mischungsverhältnis der Baumarten im Wald ansetze. Ich muss auch das Betriebsrisiko der Waldbesitzer gering halten.

Rudolf Freidhager
Wir werden in Zukunft wahrscheinlich weniger Fichte zur Verfügung haben. Zugleich müssen wir versuchen, dem Rechnung zu tragen, was unsere Kunden von uns wollen. Es gibt hier sicherlich Alternativen. Wir pflanzen bereits mehr Lärche als früher. 
Wenn die Rede vom Waldumbau im Zuge des Klimawandels ist, spricht man fast immer von mehr Laubholz. Für mich heißt Waldumbau aber, trockenheitsresistentere und hitzebeständigere Wälder zu schaffen. Das muss nicht zwingend nur Laubholz sein. Auch Douglasie ist eine gute Alternative – am richtigen Standort und mit genetisch passendem Saatgut. Waldumbau in reine Laubholzbestände ist jedenfalls keine Alternative. Wir passen sehr auf, dass wir am Ende Waldbestände haben, die die Holzindustrie auch brauchen kann.

Was wird Politiker und Waldbesitzer in Bezug auf die Holzwirtschaft in den nächsten Jahren beschäftigen?

Gerhard Mannsberger
Ich bin bei uns im Ministerium der Focal Point für Bioökonomie. Die Bioökonomie ist eine Strategie, Industrien wie die Forst- und Holzwirtschaft, die auf nachwachsenden, natürlichen Rohstoffen beruht, zu fördern. Wenn wir geschickt sind und diese auch hier in Österreich etablieren, dann stehen uns große Forschungstöpfe von Seiten der EU zur Verfügung. In der Bioökonomie geht es um Fragen der Rohstoffverfügbarkeit, Rohstoffproduktion, Produktionsprozesse, Ressourceneffizienz, Energieeffizienz, Kunden, Marketing und so weiter.

Rudolf Freidhager
Der nachwachsende Rohstoff ist das Thema des 21. Jahrhunderts. Der Raubbau, den wir an der Erde betreiben, insbesondere was die fossilen Energieträger betrifft, wird so nicht weitergehen können. Deswegen bin ich ein Überzeugungstäter beim Thema Holz und Holzbau. Man muss weitere Möglichkeiten der Holzverwendung andenken, zum Beispiel, wie man Holz chemisch aufschließen und wieder neu zusammensetzen kann. Durch Forschung ist in der Holzindustrie in den letzten zwanzig Jahren schon viel erreicht worden. Ein Beispiel dafür ist, dass die Errichtung des 24-geschossigen Holzbaus in der Seestadt Aspern behördlich genehmigt wurde. Wir, die Österreichischen Bundesforste, arbeiten in einem viergeschossigen Holzgebäude in Niederösterreich, weil es für ein Gebäude wie dieses Ende der 1990er Jahre in Wien keine Baugenehmigung gegeben hat.