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Die Sehnsucht nach dem Handwerk

in Zeiten digitaler Omnipräsenz

Michael Hausenblas
Erschienen in
Zuschnitt 60: 25 Jahre (pro) Holz
Dezember 2015, Seite 26f.

Handwerk hat goldenen Boden, heißt es. Wer glaubt, der Spruch habe an Gültigkeit verloren, der irrt, und zwar gewaltig. Gerade in dieser bis in den letzten Winkel durchglobalisierten Internetwelt mit automatisierten Produktionsstraßen, Apps und immer gleichen Shoppingmalls sowie inflationärer Massenware wächst das Verlangen nach Individualität, nach einer eigenen Handschrift, nach Qualität, Zuordenbarkeit, also nach Handwerk. Handwerk stillt den Wunsch nach Menschlichem ebenso wie das Bedürfnis nach Ablesbarkeit von Herkunft. Das gilt für die Arbeit des Tischlers, für seine Hobel, Bohrer und Dübel ebenso wie für das Werken des Goldschmieds oder Glasbläsers. In Zeiten digitaler Omnipräsenz gedeiht die Sehnsucht nach dem Handwerk prächtig. Das freut den Tischler ebenso wie die Erzeuger von Luxus-Accessoires, Designer und Ausstellungskuratoren.

Fragt man den Möbelfachmann des Wiener Museums für angewandte Kunst, Sebastian Hackenschmidt, wie er den Stand der Handwerksdinge sieht, bestätigt er die immer stärker werdende Wertschätzung gegenüber dem Handwerk: »In einer immer komplexer werdenden Welt drohen wir mehr und mehr den Überblick zu verlieren. Beispielsweise wissen wir kaum noch, woher die Gegenstände unseres Alltagslebens stammen: Es sind überwiegend Dinge aus industrieller Massenfertigung, deren Produktionsprozesse wir weder nachvollziehen noch begreifen können – und die deshalb beliebig und austauschbar bleiben. Genau daher rührt wohl die vermehrte Nachfrage nach handwerklich hergestellten Gegenständen: Sie geben unserer Sehnsucht nach den einfachen und verständlichen Dingen Ausdruck und vermitteln uns ein authentisches, traditionsverbundenes und behagliches Lebensgefühl.«

Robert Rüf, ein aus dem Bregenzerwald stammender Designer, meint: »Ich denke, das wachsende Bedürfnis nach Handwerklichem hat mit einer Suche nach einer bewussteren Beziehung zu Dingen des Alltags zu tun. Die Objekte werden nahbarer, wenn man die Geschichten und Menschen, die hinter ihnen stehen, kennenlernt«.

Beäugt man die reduzierten und doch eleganten Entwürfe des Designers, bei denen ein gutes Stück weit traditionelles Formgefühl der Bregenzerwälder mitschwingt, wird einmal mehr klar, dass vor allem dem Werkstoff Holz eine tragende Rolle in der Welt des Handwerks zukommt. Robert Rüf dazu: »Holz ist ein sehr intuitives Material, es wächst ‚einfach so‘. Nach dem Stein war es vermutlich spätestens das zweite Material, das von Menschenhand überhaupt in Form gebracht wurde, es steht also ziemlich am Anfang der Handwerksgeschichte. Egal ob do it yourself oder serielle Produktion, Holz behält seinen spezifischen Charakter – kein Stück ist exakt gleich wie das andere.«

Sebastian Hackenschmidt fällt an dieser Stelle der italienische Schriftsteller Primo Levi ein, der der Meinung war: »Jeder, der die Gelegenheit hat, mit Holz umzugehen, sei es beim Ausüben eines Handwerks oder einfach zum Spaß, der begreift, dass 
es sich um ein ganz außergewöhnliches Material handelt, an das die modernen Kunststoffe nicht im Entferntesten heranreichen. Das hat sich auch in den letzten 25 Jahren nicht geändert.«

Bei all dem Digitalen, das uns mittlerweile umgibt, ist man also gut beraten, auf dem Boden zu bleiben. Der bleibt golden, solange auch Hände am Werk sind. Menschen suchen Identität in der Tradition, und zu dieser gehört das Handwerk, auch und vor allem, wenn es das Zeug dazu hat, moderne Wege zu beschreiten. Dabei darf ein Detail, wenn es Sinn ergibt, ruhig von einem 3D-Drucker ausgespuckt werden. Es muss nicht alles mundgebissen sein.

Abschließend hat auch die Kulturmanagerin und Kuratorin Tina Zickler etwas zu sagen. Im kommenden Mai wird sie gemeinsam mit Rainald Franz eine große Ausstellung zum Thema Handwerk im Wiener mak eröffnen. »Handwerkliches Wissen und Können wurde über Jahrtausende hinweg erworben und weitergegeben. Arbeit mit den Händen steckt gewissermaßen in unserer dns. Nach der industriellen Revolution hat die digitale Revolution eine zweite fundamentale Krise im Handwerk ausgelöst. Einerseits schreitet die Erosion tradierten handwerklichen Wissens voran und andererseits ist ‚Handwerk‘ in vielen Bereichen ein Synonym für Qualität. Es ist Zeit, eine Bestandsaufnahme zu wagen, Zeit, innezuhalten und das nachhaltige, ressourcenschonende Potenzial des Handwerks zu reflektieren, Zeit, sich zu besinnen, denn mit den Händen ‚erfassen‘ und ‚begreifen‘ wir die Welt.«

Woodbox on tour: www.wooddays.eu

Fotos

© Darko Todorovic

Text

Michael Hausenblas
Mitarbeiter der Tageszeitung Der Standard