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»Wir brauchen andere Fertigungstechniken«

Der Holztechnologe Alfred Teischinger im Gespräch

Anne Isopp
Erschienen in
Zuschnitt 60: 25 Jahre (pro) Holz
Dezember 2015, Seite 24
Als Holzbauten gelten hier alle Gebäude, deren tragende Konstruktion zu mehr als 50 Prozent aus Holz oder Holzwerkstoffen besteht. Quelle: Studie »Holzbauanteil in Österreich«, Institut für Holztechnologie und Nachwachsende Rohstoffe, BOKU Wien und proHolz Austria

Zuschnitt: Herr Prof. Teischinger, Sie haben Anfang der neunziger Jahre begonnen, Holztechnologie zu unterrichten – erst an der htl Mödling und heute an der boku. Was hat sich seitdem in der Holztechnologie verändert?

Alfred Teischinger: In den letzten 25 Jahren hat es einen Paradigmenwechsel gegeben von einer eher untergeordneten, dienenden Holzverwendung zu einem Holzbau, der in vielen Kategorien von Einfamilien- und Mehrfamilienhäusern bis hin zum Ingenieurholzbau Einzug gehalten hat und extrem zugenommen hat.

Was war der Anlass für diesen Paradigmenwechsel? Gab es so etwas wie eine Initialzündung?

Es war weniger eine Initialzündung als vielmehr das komplexe Zusammenwirken von vielem: neue Fertigungstechniken, Weiterentwicklung des Brettschichtholzes, Entwicklung des Brettsperrholzes, neue Sortierrichtlinien in der Sägeindustrie und so weiter. Es hat Unternehmen gegeben, die in ihre Leimbinderwerke investiert haben und mit den Märkten mitgewachsen sind. Hinzu kam die Rolle von proHolz – nicht nur als Werbe-, sondern als Holzinformation. proHolz hat die Informationen über den Holzbau an Architekten, Bauingenieure und Bauträger herangetragen. 
Drittens hat die Forschung die Entwicklung begleitet. Es war ein glücklicher Zufall, dass in diesem System alle ihre richtigen Rollen gefunden haben.

Diese Entwicklung spiegelt sich ja auch in der jüngsten Erhebung zum Holzbauanteil in Österreich wider, die Sie am Institut für Holztechnologie und Nachwachsende Rohstoffe an der boku durchgeführt haben.

Das ist doch eine Erfolgsstory! Aber schauen Sie sich auch die Entwicklungskurve von Brettsperrholz und Brettschichtholz an. Die Brettsperrholzproduktion gibt es seit 1998. Bis heute ist sie weltweit von Null auf über 600.000 m3 gewachsen. Österreichische Firmen haben mit über 60 Prozent einen großen Anteil daran.

Wie geht es weiter? Gibt es Trends, die Sie erkennen können, zum Beispiel im Hinblick auf neue Materialentwicklungen?

Das Thema des Ressourcenverbrauchs ist entscheidend. Nehmen wir als Beispiel die Spanplatte: Früher gingen 30 Prozent der Sägespäne in die Spanplatte. Jetzt geht viel in die Energie, zur Herstellung von Pellets. Was machen die Spanplattenproduzenten? Sie haben nicht genug Holz, deshalb machen sie die Spanplatten leichter. Relativ neu ist, dass die Spanplatte 25 Prozent Recyclingholz enthält. Die Rohstoffeinsparung und das dazugehörige Materialengineering werden sicherlich zunehmen.

Was gibt es noch?

In der Fertigungstechnik wird sich viel verändern. Wir fertigen immer noch relativ primitiv und nicht ressourceneffizient. Wir lassen in der Fertigungstechnik zu viel Geld liegen. Schauen Sie sich an, wie heute ein Fertighaus erzeugt oder ein Fenster produziert wird. Das ist furchtbar.

Können Sie mir ein Beispiel nennen?

Wir produzieren nicht ressourceneffizient. Wenn Sie aus einem Baum Schnittholz machen, haben sie nur eine Ausbeute von 55 Prozent. Der Rest sind Koppelprodukte. Man müsste ganz andere Fertigungsmethoden anwenden. Wir müssen uns von anderen Industrien inspirieren lassen – Stichwort »Industrie 4.0«. Wenn Sie heute eine Fensterproduktionsanlage anschauen, dann haben die Maschinen nur eine Verfügbarkeit von nicht einmal 50 Prozent. Bei einer chemischen Fabrik liegt die Verfügbarkeit bei 95 Prozent.

Es wird in Zukunft mehr Laubholz, weniger Nadelholz geben. Was heißt das für Sie als Holztechnologe?

Ja, leider. Nadelhölzer sind viel produktiver als Laubhölzer. 
Man könnte die Nadelhölzer weiter im Forst halten, man muss nur andere Typen nehmen. Es gibt ja Getreidesorten, die sind für die Wüste geeignet, und es gibt Getreidesorten, die sind für Norwegen geeignet. Wir könnten das in der Forstwirtschaft genauso machen. Das Laubholz hat ja keine Mehrleistung auf dem Hektar. Sicher ist es schön anzusehen und gesellschaftlich relevant; da ist auch die Frage, was die Gesellschaft will.

Da braucht es eine politische Entscheidung.

Ich bin nicht unbedingt gegen die naturnahe Forstwirtschaft. Wenn wir es uns leisten können, habe ich kein Problem damit. Die Gesellschaft sagt, der Wald soll natürlich sein, der Erzberg kann unnatürlich sein und die Rohölplattform auch. Am Bau kommen dann alle Materialien zusammen. Die einen haben erhöhte Produktionskosten, weil sie für die Gesellschaft etwas leisten, die anderen kosten die Gesellschaft etwas. Dann kann das Holzprodukt am Ende keinen konkurrenzfähigen Preis gegenüber Zement, Stahl, Aluminium und Kunststoffen haben. Mir als Technologe ist es egal, mit welcher Holzart ich mich beschäftige. Ich kann mit allen Holzarten umgehen. Aber ich will dann nicht am Bau hören: Ihr seid zu teuer.

Text

Anne Isopp
leitende Redakteurin der Zeitschrift Zuschnitt

redaktion@zuschnitt.at