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Editorial

Anne Isopp
Erschienen in
Zuschnitt 62: Schneller wohnen
Juni 2016, Seite 3

Vor allem in großen Städten wie Wien, Berlin oder München fehlt es an Wohnungen, an leistbaren Wohnungen. Schon vor der großen Flüchtlingsbewegung im vergangenen Herbst war die Nachfrage größer als das Angebot, durch die Migranten hat sich die Zahl der Wohnungssuchenden noch weiter erhöht und der Mangel an leistbaren Wohnungen ist endlich zum Thema geworden. Aus der Flüchtlingskrise ist eine Wohnbaukrise geworden. Landauf, landab müssen mehr neue Wohnbauten entstehen als geplant – temporäre Wohnheime für Flüchtlinge ebenso wie kostengünstige Wohnbauten für alle. Leider – das zeigen aktuelle Beispiele – kommt bei schnellen Lösungen die Architektur oft zu kurz. Wir dürfen aber keine neuen Baracken, keine neuen Wohnbauten dritter Klasse errichten, das führt nur zu neuen sozialen Problemen, wir brauchen Low-Cost-Wohnbauten mit Qualität. Aber wie sehen diese Wohnbauten aus, die nicht nur für Flüchtlinge, sondern für alle Bürger sein können, in denen die Menschen auch in zehn Jahren noch gerne -wohnen wollen?

Wir haben uns umgehört und umgeschaut. Wir haben Wohnlösungen aus Holz gefunden, die von klein- bis großvolumig, von temporär bis dauerhaft, vom ländlichen Standort bis zur städtischen Nachverdichtung eine große Bandbreite abdecken. Herausgekommen ist ein Zuschnitt mit konkreten architektonischen Lösungen sowie mit Systemlösungen, die an diversen Standorten umgesetzt werden können. Die Architektur und der Städtebau leisten immer einen wesentlichen Beitrag zur Akzeptanz der Bauten und zur Integration der darin wohnenden Menschen. Dass auch die Wahl des Holzbausystems ein integrativer Faktor sein kann, darauf hat uns Architekt Andreas Postner aufmerksam gemacht.


Gemeinsam mit Hermann Kaufmann und Konrad Duelli hat er das Projekt Transfer Wohnraum Vorarlberg entwickelt – ein Wohnbaumodell zur Integration von Flüchtlingen in Gemeinden. Dazu schreibt er: »Das Prinzip unserer Planung ist, dass sie überall von ortsansässigen Zimmereien realisiert werden kann. Das ist ein uns wichtiger, -wesentlicher Unterschied zu großindustriellen Herstellungen. Es geht hier zentral auch um die regionale, lokale Wertschöpfung: Forst, Sägerei, Holzbaubetrieb. Integration bedeutet für uns auch möglichst hohe lokale und regionale Beteiligung.«

Das Projekt der Vorarlberger ist aber auch in anderer Hinsicht symptomatisch für das Thema dieses Zuschnitts: Es ist noch in Planung. So wie dieses sind uns viele vielversprechende Projekte, Systeme und Antworten auf die dringende Wohnungsfrage untergekommen, die noch auf ihre Realisierung warten. Viel österreichisches Know-how, ob von Firmen oder Architekten, ist gefragt und zu einem Exportschlager geworden. Die Resultate sind derzeit vor allem in Deutschland und weniger in Österreich zu sehen.

Die große Nachfrage nach schnellen Wohnbaulösungen ist nicht nur für den Wohnbau, sondern auch für den Holzbau eine Chance. Wenn es darum geht, schnell und qualitätvoll zu bauen, dann überzeugt der Holzbau mit seinen Eigenschaften: Mit ihm lässt es sich flexibel, modular und kostengünstig bauen, er ermöglicht schnelle Bauzeiten, bietet Atmosphäre und eine hohe Lebensqualität. Dies sind alles Gebote der Stunde. Holz ist ein intelligentes Material, es braucht aber auch intelligente Anwender, dann kann es mit seinen Vorteilen einen wertvollen und zukunftsweisenden Beitrag zur aktuellen Wohnungsnot leisten.

Text

Anne Isopp
leitende Redakteurin der Zeitschrift Zuschnitt

redaktion@zuschnitt.at