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Essay

Christian Kühn
Erschienen in
Zuschnitt 62: Schneller wohnen
Juni 2016, Seite 3

Im Dezember 2015 wurde der Begriff »Willkommenskultur« in Österreich zum Wort des Jahres gewählt. Das ist lange her: Diesen Begriff wagt heute kaum mehr ein Politiker in den Mund zu nehmen. Kommen kann, wer will, aber am besten nur bis zum Grenzzaun und von dort per Expressverfahren zurück in ein wie auch immer sicheres Drittland.

Dem Mainstream der öffentlichen Meinung folgend, hat die Bundesregierung zuerst versucht, sich mit Anstand und einigen Verrenkungen durch die Situation zu lavieren, um schließlich doch Grenzen zu setzen, die trügerische Sicherheit versprechen. Kurzfristig gibt es in diesem Spiel nichts zu gewinnen. Auf längere Sicht könnten die Nationen Europas und die Europäische Union aus dieser Krise aber gestärkt hervorgehen, wenn es gelingt, die Bereiche Asylpolitik,  Außenpolitik, Entwicklungspolitik und Einwanderungspolitik zu synchronisieren.

Vieles hängt dabei von Fragen ab, die mit Architektur und Raumplanung verbunden sind. Das beginnt beim Design temporärer Strukturen für die Notaufnahme von Geflüchteten und reicht vom leistbaren Wohnraum über Fragen der Siedlungsentwicklung unter den Bedingungen einer zunehmend heterogenen Gesellschaft bis zum (Wieder-)Aufbau von Städten in den Ursprungsländern der Flucht. Die Flüchtlingskrise wird dabei zum Katalysator von Problemen, die es auch ohne sie gegeben hätte, etwa im Bereich der Bildungs- und Sozialsysteme.

Erste Nebenwirkungen sind in der Architektur spürbar, wo der Ruf nach einfachen Lösungen, kleineren Grundflächen und niedrigeren Standards laut wird. Das ist per se nichts Schlechtes: Intelligente Reduktion, die bei der Definition der Aufgabenstellung ansetzt und bis zu den Details reicht, sollte zur Kernkompetenz guter Architektinnen und Architekten gehören. Die »einfachen und kostengünstigen Lösungen«, wie sie von manchen Seiten vorgeschlagen wurden, sind aber nicht einfach, sondern primitiv, von der städtebaulichen Positionierung über die Grundrisstypologie bis zu den Details, und sie sind auch nicht kostengünstig: Als »Armenhäuser« von morgen produzieren sie soziale Kosten, die kaum abschätzbar sind. Unreflektiert dem Aufruf zu folgen, wieder schlichtere Häuser zubauen, könnte für die Architektur als Disziplin gefährliche Konsequenzen haben.

Die letzten vierzig Jahre haben einen enormen Zuwachs an Architekturwissen mit sich gebracht: neue Materialien und Materialkombinationen, neue Fertigungstechnologien, neue Planungsmethoden und nicht zuletzt ein vielfältiges Vokabular an miteinander konkurrierenden Ausdrucksformen. Es wäre fatal, hinter dieses Wissen zurückzufallen. Ein zentraler Aspekt dieses Wissens ist, im Entwurf über die Grenzen des einzelnen architektonischen Objekts in Richtung eines systemischen Denkens hinauszugehen.

Es geht immer auch um die Stadt und den öffentlichen Raum, es geht um lokale Lebenswelten unter den Bedingungen globaler Vernetzung, es geht um die kunstvolle Gestaltung der zahlreichen Membranen, die diese Lebenswelten voneinander abgrenzen und miteinander verbinden, und es geht um die Infrastrukturen, die statischen, energetischen und informationstechnischen Systeme im Hintergrund, die zur Konditionierung dieser Lebenswelten nötig sind.Die heute oft geforderte Reduktion auf das Wesentliche darf nicht bedeuten, die Komplexität der aktuellen Probleme zu verdrängen, bis die Lösungen einfach erscheinen.

Es steht außer Frage, dass wir schnelle Lösungen brauchen, weshalb die Hinwendung der Architekturszene zu kleinen, spontanen, partizipativen und temporären Interventionen durchaus ihre Berechtigung hat. Was wir aber nicht brauchen, sind Notlösungen, die resignierend in Kauf genommen werden, weil Zeit und Geld nicht reichen.

Italo Calvino hat in seinen 1985 verfassten »Six Memos for the Next Millennium« einen Hinweis darauf gegeben, welche Kombination von Qualitäten das neue Jahrtausend benötigt. Sie lassen sich gut von der Literatur auf die Architektur übertragen, also von der Konstruktion von Romanen auf die Konstruktion von Gebäuden.»Lightness« und »Quickness« sind die beiden ersten Forderungen: Weg von den schwergewichtigen und unflexiblen Strukturen hin zu schnellen Wechseln der Perspektive, zu einer leichten und reaktionsfähigen Sprache. Als dritte Qualität nennt Calvino »Exactitude«, die exakte Linienführung und punktgenaue Formulierung, die nicht mit »Perfektion« als Angleichung anein vorher bestimmtes Ideal zu verwechseln ist. Es geht um die Eleganz der Lösung, die mit höchster Präzision umzusetzen ist, auch wenn sie alles andere als dauerhaft und monumental ist. Die beiden weiteren Qualitäten, »Visibility« und »Multiplicity«, beziehen sich auf die Kraft der visuellen Imagination und auf die Idee, dass jedes Kunstwerk ein ausgedehntes, vielleicht unerschöpfliches Netz von Bedeutungen impliziert. Calvino starb, bevorer das Kapitel über die sechste Qualität, »Consistency«, in Angriff nehmen konnte. Man darf vermuten, dass es hier um das Gegengewicht zur »Multiplicity« gegangen wäre, um klare Konturen, die plötzlich im Netz der Bedeutungen aufleuchten.

Architektur ist eine soziale Kunst. Mit jeder Produktion von Architektur hat die Gesellschaft die Chance, sich neu zu interpretieren. Sie kann sich entscheiden, Armenhäuser zu bauen. Sie kann sich aber auch für soziale Innovation entscheiden und Architektur mit Qualitäten hervorbringen, wie sie Italo Calvinoin seinen Memos für das neue Jahrtausend skizziert hat.

Text

Christian Kühn
geboren 1962 in Wien, Studium an der TU Wien und Dissertation an der ETH Zürich, unterrichtet an der TU Wien seit 1989, Habilitation in Gebäudelehre, Professor an der TU Wien, Studiendekan für die Studienrichtungen Architektur und Building Science an der TU Wien, Vorsitzender der Architekturstiftung Österreich, Vorsitzender des Beirats für Baukultur im Bundeskanzleramt, Kommissär für den österreichischen Beitrag zur Architekturbiennale Venedig 2014