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Studentenwohnen auf Zeit in Wien

Schnell einsetzbare Module aus Holz

Maik Novotny
Erschienen in
Zuschnitt 62: Schneller wohnen
Juni 2016, Seite 19

Hoher Siedlungsdruck, steigende Grundstückspreise und sinkende Grundstücksverfügbarkeit, das waren die Gründe für ein Programm des temporären Bauens: das Studentenwohnheim auf Zeit.
Dessen Ziel: Für Grundstücke im Nahbereich der Stadt Wien, die frühestens in fünf Jahren bebaut werden, schon jetzt eine Zwischennutzung zu finden und günstigen Wohnraum zu schaffen. »Es sollen explizit keine hässlichen Container sein«, sagt Christoph Chorherr, Planungssprecher der Wiener Grünen, der 2013 die Idee ins Rollen brachte. »Wir wollen zeigen, dass auch mit hoher Qualität schnell und kostengünstig gebaut werden kann. «Die Voraussetzungen für die Architektur auf Zeit: Sie soll bis zu sieben Mal auf- und abgebaut werden und sich an verschiedene Grundstückszuschnitte anpassen können, zumindest Niedrigenergiestandard aufweisenund nicht mehr als Euro 35.000,–pro Wohnheimplatz kosten.

Im Dezember 2013 startete ein offener Wettbewerb; angesprochen waren Teams aus Architekten und der Bauwirtschaft. Die Materialität war freigestellt, doch angesichts der modularen Leichtbauweise fanden sich unter den 45 eingereichten Projekten naheliegenderweise vor allem Stahl- und Holzbausysteme. Als erstes der vier Siegerprojekte kam das des oberösterreichischen Teams GreenFlex-Studios bestehend aus Architekt, Holzbauer, Generalunternehmer und Haustechniker, in der Seestadt Aspern zum Zug. Es entstanden 40 Wohnheimplätze, die Übergabe erfolgte im September 2015.
Fünf Jahre wird das Studentenwohnheim hier residieren, 2020 wandert es an den nächsten Standort, ebenfalls in der Seestadt. Die anderen drei Projekte sollen noch umgesetzt werden. Der Entwurf von GreenFlex Studios basiert auf dem bereits vom selben Team entwickelten Entwurf einer mobilen Gebäudeeinheit, die schon mehrmals für Wohn- und Gewerbezwecke zum Einsatz kam und 2007 mit dem Oberösterreichischen Holzbaupreis ausgezeichnet wurde.

In Aspern wurden die Boxen mit einer Abmessung von circa 5,5 x 17 Metern zweigeschossig um ein zentrales Atrium angeordnet. In jeder Box finden vier Wohnheimzimmer Platz. Konstruktiv sind diese in Holzriegelbauweise mit mineralischer Dämmung und hinterlüfteter Außenfassade ausgeführt, sie erfüllen Niedrigstenergiestandard und wurden inklusive Sanitärinstallation, Lüftung und Möblierung im Werk komplett vorgefertigt. »Unsere Box ist deutlich breiter als gängige Holzboxsysteme, damit eine komfortablere Wohn- oder Büronutzung möglich ist«, erklärt Hans-Christian Obermayr von Obermayr Holzkonstruktionen. Der dadurch etwas aufwendigere Transport wurde im Juryprotokoll zwar mahnend angemerkt, erfolgte dann aber problemlos innerhalb eines Tages. Lediglich die vor Ort errichtete Überdachung des Atriums verlängerte die Montagezeit um wenige Wochen.

Initiator Christoph Chorherr zieht heute eine positive Bilanz: »Das Projekt zeigt, dass wir in Österreich einen hervorragenden Holzbau haben, mit Modulen, die schnell einsetzbar sind und fern jeglicher billiger ‚Hühnerstall-Optik‘ liegen.« Auch im Hinblick auf den Bedarf an Flüchtlingsunterkünften, der durch die Wiener Bauordnungsnovelle 2016 leichter gedeckt werden soll, sieht Chorherr Einsatzmöglichkeiten und kann sich auch eine Mischung von Studenten und Flüchtlingen vorstellen. Funktional sei das kein Problem, stimmt auch Hans-Christian Obermayr zu, allerdings sei das Holzbau-Wohnheimin Aspern für diesen Zweck zu kostenintensiv: »Um mit den Systemen zu konkurrieren, die in diesem Bereich entwickelt wurden, müssten wir abspecken, vor allem, was die Dimension der Boxen und den Standard der Ausstattung betrifft. «Die Systeme sind startklar, und der Bedarf am schnellen Leichtbau wird in den nächsten Jahren sicherlich nicht weniger.

Fotos

 © Daniel Hawelka

Text

Maik Novotny
Architekt und Stadtplaner in Wien und Niederösterreich, schreibt regelmäßig für die Tageszeitung Der Standard, die Wochenzeitung Falter sowie für Fachmedien über Architektur, Stadtentwicklung und Design.
www.maiknovotny.com

Studentenwohnungen auf Zeit in der Seestadt Aspern

Standort

Sonnenallee 28, Seestadt Aspern, Wien/A

[auf Google Maps anzeigen]

Bauherr

wbv-gpa Wohnbauvereinigung für Privatangestellte, Wien/A, www.wbv-gpa.at
OeAD WohnraumverwaltungsGmbH, Wien/A, www.housing.oead.at
home4students Österreichische Studentenförderungsstiftung, Wien/A, www.home4students.at

Planung

F2 Architekten, Schwanenstadt/A, www.f2-architekten.at

Holzbau und Statik

Obermayr Holzkonstruktionen GmbH, Schwanenstadt/A, www.obermayr.at

Fertigstellung

2015

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