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Essay

Hülle und Holz. Zu einer anderen theory of clothing

Manfred Russo
Erschienen in
Zuschnitt 63: Fassaden aus Holz
September 2016, Seite 4 - 5

In raumphilosophischen Basics ausgedrückt, müsste es heißen: Die Hülle verhüllt und errichtet eine Grenze zwischen außen und innen. Sie umgibt das Innen in lockerer Form, um es gegen das Außen zu schützen. Das Wort selbst entstammt der Begriffswelt des Organischen und entspricht von seinem Charakter her eher einer Haut denn einem starren Panzer. Sie soll aber auch nach außen mitteilen, dass sie nur die Hülle und nicht die Substanz des Innen ist, man soll an der Hülle auch erkennen, dass etwas dahintersteckt. Etymologisch kommt das Wort Hülle im Althochdeutschen von hulla, englisch hylla, und bedeutet soviel wie Mantel oder Kopftuch. Kreuzworträtsel fragen nach einem verhüllenden Tuch und erwarten den Schleier als Antwort.

Damit kommen wir der Sache des Holzes, der wir uns in dieser Zeitschrift anzunähern gewohnt sind, noch erheblich näher, und zwar diesmal in seiner Eigenschaft als Hülle des Hauses. Holz als Hülle verschleiert und entschleiert zugleich. Als schützende Hülle und Verschleierung ergänzt sie die konstruktive Dimension des gebauten Raumes, indem sie ihn gegen das Außen abschließt. Als Träger symbolischer Bedeutung führt sie weitere Bedeutungsebenen ins Baugeschehen ein, indem sie einen breiten Schleier an Assoziationen zum Wesen des Holzes eröffnet, der wiederum neue gedankliche Spielräume erschließt. Diese symbolischen ­Eigenschaften des Holzes verbinden sich mit jenen der Hülle und erzeugen so eine breite Fläche des Sinns – man könnte sagen, für einen Sinn, wie wir mit Holz leben wollen – oder sogar im Holz leben wollen, ohne aber jener Gattung der vermes anzugehören, die darin ihr bevorzugtes Revier einrichten.

Wer Architektur als Umgang und Gestaltung von Baukörpern sieht und nicht gleich den abstrakten Raum ins Zentrum seiner Überlegungen stellt, kann sich auch mit der Bekleidungstheorie anfreunden, weil die Hülle hier als Verkleidung Geltung und künstlerischen Rang erlangt. Adolf Loos stellte schon lakonisch fest: »Im anfange war die bekleidung«, und rekurrierte damit auf Gottfried Semper, dem die Theorie der Bekleidung als Ausgangspunkt des architektonischen Schaffens galt. Hier steht nicht der Raum am Anfang, sondern das Verhältnis von architektonischem Kern und Hülle, von Ornament und Struktur. Die umhüllende Oberfläche konstituiert den Raum, die Hülle hat Vorrang vor dem konstruktiven Kern, auch der Ursprung der Mauer liegt in ihrer textilen Vergangenheit.

Es scheint so, als würde die aktuelle Entwicklung in der Verwendung des Holzes beim Hausbau diese alte, anthropologisch fundierte Theorie der Bekleidung bestätigen und die abstrakten, neueren, funktionalistisch orientierten Ansätze in den Hintergrund verweisen. Diese Behauptung beruht weniger auf der Beobachtung aktueller architektonischer Planungsideen, sondern auf der Wahrnehmung des täglichen Umganges mit Holz im Hausbau durch Laien und Semi-Profis. Denn hier steht die Betonung zahlreicher aus dem Prinzip der Bekleidung stammender Elemente deutlich im Vordergrund, während der Ausdruck konstruktiver ­Architektursprache in der breiteren Schicht der Konsumenten ­weniger Anklang findet, vermutlich auch aufgrund mangelnder Sprachkenntnisse in dieser Sache.

Mit der Idee der Hülle und Bekleidung kommt nämlich auch eine neue, andere Dimension ins Spiel, die der Atmosphäre. Die Holzfassade ermöglicht eine Immersion ins Organische, in die Natur. Sie vermittelt eine Geborgenheit unter der schützenden Hülle, die einem tagträumerischen Eintauchen in das Milieu des Waldes gleichkommt und somit Chancen auf einen harmlosen Eskapismus von den Zwängen moderner Technik eröffnet. Zugleich kann es eine Steigerung des Lebensgefühls bewirken, wenn man damit auch nach außen, zur Öffentlichkeit hin, Botschaften mit expressiven Motiven lanciert. So ließen sich nach der Art der Holz­behandlung komplexe kulturelle Zusammenhänge erschließen. Die Frage etwa: Wie hältst du es mit der Zeit, oder noch eindringlicher – mit hyperbolischer Überhöhung – mit dem Tod? Wird die natürliche Alterung des Holzes durch Verwitterung hingenommen oder bevorzugt man eher einen lasierenden oder gar farbig deckenden Anstrich, der dem Charakter der Alterung ­Einhalt gebietet? Oder zählt man gar zu jenen, die die Alterung des Holzes nicht abwarten wollen und mit grauen Lasuren technisch nachhelfen, so wie wir heute die Jeans schon künstlich ­gealtert kaufen? Die subtilen Botschaften der Bekleidung folgen auch einer Logik der Mode, die im Zeichen von Wandel oder ­Beharrung steht. Es geht um Motive der Ausschmückung und Auszeichnung des Hauses, die durchaus denen des eigenen ­Körpers ähneln. Hier spielen auch die Wiedererkennung und in weiterer Folge Rivalität und Wettbewerb eine gravierende Rolle. Eine Holzfassade fällt in unseren Breiten, wenn man von den ­alpinen Gegenden absieht, wo sie seit je zum canon of reputability zählte, immer noch auf und kann auch ein Merkmal der ­Distinktion sein. Vielleicht kommt noch eine Zeit, in der es heißt: Zeige mir deine Holzfassade und ich sage dir, wer du bist.

Text

Manfred Russo
Kultursoziologe und Stadtforscher. Er war zuletzt Professor an der Bauhaus-Universität Weimar. Langjährige Lehrtätigkeit an der Universität Wien und anderen Hochschulen, im Vorstand der ÖGFA, Sprecher Sektion Stadtforschung der österreichischen Gesellschaft für Soziologie, zahlreiche Studien und Ver­öffentlichungen zum Thema Stadt, zuletzt: Projekt Stadt. Eine Geschichte der Urbanität, 2016 bei Birkhäuser.