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Wohnanlage am Mühlweg in Wien, Bauteil A

Lärche, unbehandelt

Anne Isopp
Erschienen in
Zuschnitt 63: Fassaden aus Holz
September 2016, Seite 8, 9
Wohnanalage am Mühlweg in Wien, Bauteil A
Wohnanlage am Mühlweg in Wien, 2015

Ich erinnere mich noch gut an die Führung durch die Wohnan­lage am Mühlweg kurz nach dessen Fertigstellung 2006. Der von den ­Architekten Johannes Kaufmann und Hermann Kaufmann errichtete Bauteil A war von den drei Bauteilen der am konsequentesten in Holz durchkomponierte. Hier kam Holz nicht nur als tragen­des ­Bau­material, sondern auch großflächig an der ­Fassade zum Einsatz. Lediglich die Farbkombination aus hellem Lärchenholz und den ­orange-, grau- und braunfarbigen Schiebeläden konnte mich damals nicht recht überzeugen.

Zehn Jahre später stehe ich wieder vor dem Wohnbau und bin begeistert: Die Vertikalverschalung aus profilierten und unbehandelten Lärchenbrettern ist schön gealtert. Das nun dunkle Holz ­ergibt mit den farbigen Läden ein fröhliches und stimmiges ­Farbenspiel. Lärche sei damals ein beliebtes Fassadenholz ge­wesen, sagt ­Architekt Johannes Kaufmann. Heute ver­wende er eher Fichte. Viel entscheidender für die Haltbarkeit der ­Fassade als die Holzart sei aber die Holzqualität: „Die Bretter müssen engjährig sein mit ­stehenden Jahrringen. Man darf keine schnell gewachsenen Hölzer verwenden.“

Das Besondere an der Holzfassade am Mühlweg ist auch, dass es die erste in Wien war, die bei einem viergeschossigen Wohnbau zur An­wendung kam. Johannes Kaufmann erinnert sich: „Damals waren laut Gesetzeslage für viergeschossige Gebäude nur Hölzer der Brennbarkeitsklasse B1, also Eiche, zulässig. Mithilfe aktueller Erkenntnisse aus Brandversuchen konnten wir die Baubehörde jedoch davon überzeugen, dass bei einer geschossweisen Abschottung dasselbe Schutzziel auch mit Holz der Brennbarkeitsklasse B2 erreicht werden kann, womit Lärche (und auch Fichte bzw. Tanne) und damit die wirtschaftliche ­Umsetzung einer Holz­fassade möglich wurde.“1 Der geforderte Brandschutz wurde mit Brandschotts erreicht: Geschossweise verhindern horizontale Bretter, die 15 cm auskragen und mit einem Blech abgedeckt sind, die Brandweiterleitung und dienen zugleich der Aufhängung und Führung der Schiebeläden.

Architekten wie Johannes Kaufmann wissen aus Erfahrung: Viele Bauherren mögen nicht, dass die Fassade ungleichmäßig vergraut. Auch am Mühlweg ist die Fassade nach zehn Jahren an bewitterten und unbewitterten Stellen unterschiedlich gealtert –

über den Brand­schutzschotts hat das Spritzwasser die Fassade schneller dunkeln ­lassen. Doch jedes Geschoss hat so eine vergleichbare ungleichmäßige Vergrauung erhalten. ­Johannes Kaufmann nennt dies eine „heterogene Ungleichheit“. Wer sein Handwerk versteht, weiß mit der natürlichen Vergrauung auch spielerisch umzugehen. ­Diese Fassade hat den Zeittest bestanden, an ihr können sich Architek­ten und Bauherren orientieren.

Wohnanlage am Mühlweg in Wien, 2006

Brandschutz

Gerade bei vorgehängten Fassaden ist das Thema Brandweiterleitung von besonderer Bedeutung, und das nicht nur, wenn als Fassadenmaterial Holz eingesetzt wird. Daher ist bei mehrgeschossigen Fassaden ab Gebäudeklasse 4 – also üblicherweise ab dem vierten Geschoss – eine geschossweise Abschottung der Hinterlüftungsebene erforderlich, um im Brandfall ein Übergreifen der Flammen auf das nächste Geschoss wirksam zu ­verhindern. Je nach Fassadenausbildung muss die Brandabschottung mindestens 10 oder 20 cm vor die Fassadenfläche auskragen. Die Flammen werden dadurch von der Fassaden­oberfläche abgelenkt und es kommt zu einer Frischluftbeimengung. Gleich­zeitig wird der Kamineffekt der Hinterlüftung unterbrochen und so die vertikale Brandausbreitung verhindert bzw. verzögert.

Holzfassaden sind gemäß oib-Richtlinie 2 bei bis zu sechsgeschossigen Gebäuden zulässig, sofern die allfällige Dämmung des Fassadensystems die Brand­klasse A2 aufweist und oben beschriebene geschossweise Brandschutzabschottungen gemäß önorm b 2332 eingebaut sind. Text: Holzforschung Austria/Claudia Koch

zuschnitt63_Fassaden Schnitt_Poppenweiler

Vertikalschalung Lärche 24 mm
Lattung horizontal 30 mm
Windbremse
Gipsfaserplatte 15 mm
Holzständerkonstruktion, dazw. Wärmedämmung 200 mm
Gipsfaserplatte 15 mm
Dampfbremse
Wärmedämmung 50 mm
Gipskarton 12,5 mm
Sockelzone
Vertikalschalung Lärche 24 mm
Lattung horizontal 30 mm
Winddichtung
Wärmedämmung 140 mm
Stahlbeton 200 mm

Text

Anne Isopp
leitende Redakteurin der Zeitschrift Zuschnitt

redaktion@zuschnitt.at

Wohnanlage Mühlweg

Standort

Mühlweg, Wien/A

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Bauherr

BWS Gemeinnützige Allgemeine Bau-, Wohn- und Siedlungsgenossenschaft, Wien www.bwsg.at

Architektur

arge Architekten Hermann Kaufmann, Schwarzach⁄ A, www.hermann-kaufmann.at
und Johannes Kaufmann Architektur, Dornbirn⁄ A, www.jkarch.at

Statik

merz kley partner, Dornbirn⁄ A, www.mkp-ing.com

Holzbau

i+R Holzbau GmbH, Lauterach⁄ A, www.ir-holzbau.at

Fertigstellung

2006