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Baustellenlogistik

Darauf ist beim Bauen in der Stadt zu achten

Peter Krabbe
Erschienen in
Zuschnitt 66: Dichter in Holz
Juni 2017, Seite 24

Wir haben uns darauf spezialisiert, Dachgeschosse von Gründerzeithäusern auszubauen. Unsere Aufbauten errichten wir in Holz-Stahl-Hybridbauweise und machen uns dabei die bauphysikali­schen und ökologischen Vorteile von Holz und seine statischen Eigenschaften zunutze. Dadurch gelingt es, den Anteil an Stahl niedrig zu halten und im Aufbau möglichst leicht und schlank zu bleiben. Einige Elemente wie Stiegen und Feuermauern werden ergänzend mit Betonfertigteilen errichtet. Wir verlagern die ­Arbeit von der Baustelle in eine Produktionshalle, weil sie dort effizienter und kostengünstiger geleistet werden kann. Auch wenn die Vorfertigung für Dachgeschossaufbauten nicht ganz so systematisierbar ist wie im Fertighausbereich, ist sie dennoch lohnend. Die Bauteile müssen an die oft sehr komplizierten Geometrien, die sich aus dem Bauen am Bestand und der strengen Wiener Bauordnung ergeben, und zugleich an die Größe der Lkws, die in der Stadt fahren dürfen, angepasst werden. Voraussetzung für die Vorfertigung ist, dass man das Bestandsgebäude sehr genau kennt und sehr präzise plant. Wir untersuchen die Gebäudesubstanz und vermessen sie exakt. Noch während das alte Dach oben ist, bringen wir eine Holzbetonverbunddecke mit den Anschlusspunkten für das Tragwerk ein. Unsere Werkplaner planen die Holz-, Stahl- und Betonteile millimetergenau, dann werden die Teile in Werkshallen hergestellt, von uns noch einmal geprüft und nach einem genauen Verladeplan auf Lkws gepackt und auf die Baustelle in der Stadt geliefert. Erst kurz bevor die Lkws dort ankommen, räumen wir das alte Dach ab. Die vorgefertigten Elemente werden nach einem exakten Terminlieferplan – plus minus eine halbe Stunde – in der festgelegten Reihenfolge verhoben und von einem eingespielten Montageteam versetzt. Die Fenster werden eingebaut, der Schwarzdecker dichtet das neue Dach ein. Zwei Wochen, nachdem das alte Dach abgeräumt wurde, ist das neue wieder dicht. Dann startet der Innenausbau. Insgesamt dauert es zehn bis 14 Monate, bis das Projekt dem Bauherrn schlüsselfertig übergeben werden kann.

Projektierung der Baustelle

Das Bauen in der Stadt stellt eine Herausforderung dar, der wir mit einer genau geplanten Baustellenlogistik und einem professionellen Projektmanagement begegnen. Eine der Hauptschwierigkeiten beim Bauen ist der akute Platzmangel. Es gibt keine Flächen auf der Straße, um die großen Bauteile um- oder abzu­laden. Daher müssen wir das Aufrichten und die Lieferung der Baumaterialen exakt planen. Unsere Projektleiter müssen aber auch darauf achten, dass die Interessen der Bewohner des Gebäudes gewahrt bleiben und ihre Sicherheit garantiert ist.

Sie müssen die Baustelleneinrichtung detailliert planen und ­behördlich bewilligen lassen. Der öffentliche Verkehr muss, auch wenn der Mobilkran im Einsatz ist, ungestört fließen können. Ganz wichtig ist auch die Arbeitssicherheit unserer Baumannschaft. Nachbarn müssen informiert, Einwilligungen rechtzeitig eingeholt werden und vieles mehr. Werden diese Faktoren nicht beachtet oder unterschätzt, kann das den Erfolg eines ­Bau­projekts gefährden. Die sogenannten Umfeldrisiken für ein innerstädtisches Projekt müssen gut und vorausschauend ­ge­managt werden. Dachgeschosswohnungen sind mit ihrer zen­tralen Lage, den Terrassen und den hellen Räumen attraktiver Wohnraum. Diese zusätzlichen Qualitäten rechtfertigen die ­höheren Errichtungskosten, die sich durch das Bauen am Bestand und im städtischen Umfeld ergeben.




Peter Krabbe
ist geschäftsführender Gesellschafter von Obenauf, einer Firma, die er gemeinsam mit Rainer Scheidle im Jahr 2009 gründete. Er ist Zimmerer, Baumeister und Architekt. Nach einer Zimmererlehre in Vorarlberg und dem Besuch der htl für Holztechnik in Mödling studierte er Architektur an der TU Wien.
Er leitete das Forschungsprojekt 8+, das sich mit dem Hochhausbau in Holzbau­weise befasste.