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Essay

Über die Dichte der Stadt

Manfred Russo
Erschienen in
Zuschnitt 66: Dichter in Holz
Juni 2017, Seite 4

Dichte scheint ein merkwürdig harmloser Begriff zu sein, weil er prima vista auf keine Eigenschaften hinweist, die sich durch besondere energetische oder andere spektakuläre Qualitäten auszeichnen. Er ist eher abstrakt und zunächst am ehesten in seiner physikalischen Dimension erfassbar, indem er ganz einfach das metrische Verhältnis von Körpern zueinander innerhalb eines bestimmten Raumes beschreibt. In dieser simplen Charakterisierung steckt allerdings bereits ein physikalisches Universum, dessen fundamentale Auswirkungen auf die Stadt wir kurz zu kommentieren suchen. Wenn wir Dichte exakter denken, haben wir es nun mit Mengen zu tun, mit Zahlen von Körpern pro Raumeinheit und mit Impuls- und Kontaktfrequenzen, die sich daraus ergeben und wiederum komplexe Verhaltensschemata hervorrufen. Ganz all­gemein gesprochen, beruht höhere Dichte auf geringerer Distanz zwischen den Körpern, die nun aufeinander reagieren und unterschiedlich koagieren. Man weiß aus den Erfahrun­gen mit den Städten des 19. Jahrhunderts, die mit rapiden Bevölkerungszuwächsen konfrontiert waren, dass die damit einhergehende Wohnungsnot unerfreuliche Phänomene wie Ausbeutung und Kon­kurrenz zeitigte, aber auch neue Formen der Kooperation durch Differenzierung hervorbrachte. In der jüngeren Geschichte der Stadt war es insbesondere die Chicago School of Urban Sociology, die sich diesem Sachverhalt widmete. Louis Wirth ist ein Klassiker, der mit seinem Aufsatz „Urbanism as a Way of Life“ drei ­wesentliche Kriterien zur Analyse der Sozialbeziehungen in der Stadt hervorhob, Populationsgröße, Dichte und, daraus folgernd, Heterogenität. Physikalische Dichte ist ­Voraussetzung für soziale Dichte, diese schafft eine hohe Zahl sozialer Kontakte, die allerdings – wie Wirth immer wieder betont – keineswegs solidarischen Zielen dienen. Dichte erzeugt aber auch eine höhere Zahl an Diversität und entsprechende Aktivitäten, die die Komplexität der sozialen Struktur erhöhen. Die Befunde der Chicago School führten zu einer etwas vereinfachten Interpretation, die eine Übertragung des Dichteverhältnisses auf die Stadtplanung und den Wohnungsbau nach folgendem Schema forcierte: Eine Erhöhung der städtebaulichen Dichte sollte Urbanität, eine Verringerung hingegen Senkung devianten Verhaltens erzeugen.

Im Städtebau wird die bauliche Dichte zunächst durch die Rela­tion von bebauter zu unbebauter Fläche und deren Nutzung ­ermittelt. Bei der Einwohnerdichte denken wir an die Einwohnerzahl pro Hektar, bei der Wohndichte an die Einwohnerzahl je Bauland und bei der Belegungsdichte an die Bewohner pro Wohn­raum oder die verfügbaren Quadratmeter. Insbesondere in diesem letzten Falle sei auf die Erhöhung der indivi­duellen Wohn­fläche vom Nachkriegsniveau von ca. 15 m2 auf derzeit 35 bis 40 m2 pro Person hingewiesen, die sich in Wien im Verlauf der vergangenen Jahrzehnte ereignete. Zugleich nahm die Haushaltsgröße kontinuierlich ab. Der enorme Anstieg der individuellen Wohnfläche und die schrumpfenden Haushalte haben aber bei jahrzehntelangem Wachstum zu einer personellen Entdichtung der Stadt bei gleichzeitiger flächenmäßiger Ausdehnung und Erweiterung geführt, der man wiederum mit Verdichtungsmaßnahmen wie Aufzonung und Dachbodenausbau in den Innenbezirken entgegenzuwirken versuchte. Der kontinuierliche Wohnbau hat sich ­abschwächend auf die Einwohnderdichte, jedoch verstärkend auf die Dichte des verbauten Raumes aus­gewirkt und damit auch – zumindest in den Bezirken der Innenstadt – zu einem gefühlten Rückgang der Freiflächen geführt. Auch die Quoten der einpendelnden Beschäftigten und in manchen Bereichen die der Touristen können für eine spürbare hohe temporäre Dichte sorgen. Dies ändert allerdings nichts am Prozess einer konti­nuierlichen Entdichtung der Stadt, der sich in den letzten Jahrzehnten vollzog und zu neuen ökologischen Verwerfungen führt. Denn grundsätzlich gilt in diesem Zusammenhang, dass der Verbrauch von Ressourcen wie Grund und Boden zunimmt, neue Infrastrukturen wie Wasserleitungen, Abwasser­kanäle, Müllabfuhr eingerichtet werden müssen und auch der Bedarf an weiteren öffentlichen Leistungen steigt. Durch die wachsenden Distanzen zwischen Wohn- und ­Arbeitsorten wird mehr öffentlicher Verkehr erforderlich, aber auch die private ­Kilometerleistung für das Auto nimmt zu.

Aus ökologischer Sicht müsste die Dichte der Stadt größer werden, aber der Umsetzung steht nicht zuletzt eine menschliche Eigenschaft im Weg, die Schopenhauer in seinen Schriften „Parerga und Paralipomena“ beschrieb. Darin verglich er die sozialen Verhältnisse der Menschen untereinander mit denen der Stachelschweine, die zwar die Nähe der anderen suchten, aber beim Zusammenrücken durch die Stacheln bald wieder abgestoßen wurden.

Text

Manfred Russo
Kultursoziologe und Stadtforscher. Er war zuletzt Professor an der Bauhaus-Universität Weimar. Langjährige Lehrtätigkeit an der Universität Wien und anderen Hochschulen, im Vorstand der ÖGFA, Sprecher Sektion Stadtforschung der österreichischen Gesellschaft für Soziologie, zahlreiche Studien und Ver­öffentlichungen zum Thema Stadt, zuletzt: Projekt Stadt. Eine Geschichte der Urbanität, 2016 bei Birkhäuser.