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Funktionsmischling

Wohnen über Parkplätzen

Anne Isopp
Erschienen in
Zuschnitt 66: Dichter in Holz
Juni 2017, Seite 25

Der Druck auf dem Münchner Wohnungsmarkt ist enorm. So schwierig es ist, eine erschwingliche Mietwohnung in München zu finden, so rar sind auch die freien Grundstücke. Da kam die Idee des Bad Aiblinger Unternehmers Ernst Böhm dem Münchner Oberbürgermeister Dieter Reiter genau zur rechten Zeit: Man könne doch Wohnraum über vorhandenen Parkplätzen errichten, eine bereits versiegelte Fläche einfach doppelt nutzen. Gesagt, getan: Innerhalb eines Jahres wurden von der städtischen Wohnungsbaugesellschaft Gewofag hundert Wohnungen über einem Parkplatz errichtet. Eine kluge Planung, die Vorteile des Holzbaus und dessen Vorfertigung sowie die Rückendeckung durch den Oberbürgermeister haben dies ermöglicht. „So schnell wie hier wurde in München noch nie gebaut“, schreibt die Süddeutsche Zeitung. „Hier kamen die Prinzipien Einfachheit und Wieder­holung von vorgefertigten Elementen voll zur Geltung.“ Das Ergebnis kann sich sehen lassen: Über dem Parkplatz am Dantebad erhebt sich, von einem Betontisch getragen, ein viergeschossiger reiner Holzbau, der mit seinen abgerundeten Ecken jede Kurve des Grundstücks mitnimmt und einem Dampfer ­ähnelt. Wie Handtücher an Deck reihen sich in jedem Geschoss schmale Wohnungen, maximal 3,5 Meter breit, aneinander. Der Laubengang im Osten erweitert sich vor den Wohnungseingängen, der eine oder andere Bewohner hat hier schon einen Tisch oder Stuhl hingestellt. Auch der Dachgarten wird, sobald er fertiggestellt ist, allen Bewohnern zugänglich sein.

Grundrissgestaltung, Konstruktion – alles ist rationalisiert, optimiert und zugleich von architektonischer Raffinesse. Decken und Innenwände sind aus Brettsperrholz, die Außenwände vorgefertigte Holzrahmenelemente. Auch das Bad wurde komplett vorgefertigt und als Trockenbauelement in den Rohbau hineingestellt. „Nur der Holzbau ermöglichte es, das Haus in einem Jahr zu errichten“, sagt der für die Planung verantwortliche Architekt Florian Nagler. Ein Blick auf das Jahr 2016 zeigt, wie schnell alles ging: Im Januar wurde Nagler beauftragt, im Februar erfolgte die Ausschreibung des Generalunternehmers, im Juni die Erteilung der Baugenehmigung und der Beginn der Erdarbeiten, im August die Montage der Holzbauelemente und im Dezember der Einzug der ersten Mieter. Die Wohnungen werden durch das Sozialreferat zur Hälfte an anerkannte Flüchtlinge und an andere Geringverdiener vergeben. Ein paar Parkplätze mussten der Erschließung, dem Müllraum und dem Fahrradabstellplatz weichen. Durch eine Neuorganisation der Parkflächen rechts und links der Straße und des doppelten Parkstreifens in Fahrbahnmitte gingen im End­effekt aber nur ein paar wenige Stellplätze verloren, zwanzig sind für die Bewohner des Hauses reserviert. Die Überbauung des Parkplatzes war nur deshalb so einfach möglich, weil dieser im Besitz der Stadt ist. Nicht nur die Stadt München verfolgt die Idee weiter – sie ist derzeit im Gespräch mit privaten Eigentümern – sondern auch der Bauunternehmer Ernst Böhm und der Architekt Florian Nagler. Die beiden interessieren sich für das Prinzip der seriellen Planung und der Optimierung in Grundriss und Konstruktion, das sie bald in einem Folgeprojekt in Bad Aibling umsetzen werden – auch dieses über einem Parkplatz.

Fotos

© Stefan Müller-Naumann

Text

Anne Isopp
leitende Redakteurin der Zeitschrift Zuschnitt

redaktion@zuschnitt.at

Wohnen über Parkplätzen

Standort

Postillonstraße 17, München/D

Bauherr

gewofag Wohnen GmbH, München/D, www.gewofag.de

Planung

Florian Nagler Architekten, München/D, www.nagler-architekten.de

Statik

Franz Mitter-Mang Ingenieurbüro, Waldkraiburg/D

Holzbau

Huber & Sohn GmbH & Co. kg, Bachmehring/D, www.huber-sohn.de

Fertigstellung

2016