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»Nachverdichtung ist keine technische, sondern eine soziale Herausforderung«

Thomas Madreiter, Planungsdirektor der Stadt Wien, im Gespräch

Anne Isopp
Erschienen in
Zuschnitt 66: Dichter in Holz
Juni 2017, Seite 15

Wien wächst und muss neue Wohnungen bereitstellen. Neben den Stadterweiterungsgebieten wird es auch darum gehen, bestehende Siedlungsstrukturen nachzuverdichten. Welche Strategie verfolgt die Stadt Wien hier?

Wir beschäftigen uns mit der Nachverdichtung der Stadt, weil Dichte und Diversität Voraussetzungen dafür sind, dass sich städtische Qualitäten herausbilden können. Über das Ausmaß dieser Dichte kann man streiten. Wir in der Stadtplanung werden nicht einfach Quartier für Quartier auf ­einen fiktiven Regeldichtewert anheben. Es gibt städtebauliche Strukturen, die per se nicht für eine Verdichtung geeignet sind, und andere, bei denen das leichter geht. Und dann ist es vorrangig keine technische Herausforderung, sondern eine soziale. Da wohnen und arbeiten ja derzeit Menschen. Wie schaffe ich es, die Bewohnerschicht, die jetzt schon da ist, dort zu halten, zu durchmischen, gegebenenfalls zu verdichten, aber vor allem den Ort qualitativ zu verbessern?

Laut step 2025, dem Stadtentwicklungsplan der Stadt Wien, entstehen bis 2025 doch immerhin 27 Prozent der Wohnungen durch Weiterentwicklung des Gebäudebestandes. Welcher Gebäudebestand wird hier weiterentwickelt?

Das kann vom Dachgeschossausbau bis zur Auswechslung von Gebäuden reichen. Neue Gebäude ermöglichen aufgrund geringerer Raumhöhen eine höhere Intensität. Es können aber auch Umnutzungen sein. Wenn die Gebäude nicht ausschließlich nur einem Zweck genügen, also wenn aus einem Bürogebäude ein Wohngebäude werden kann und umgekehrt, zeigt sich im Idealfall die Stadt als reaktionsfähiges System. Das schafft derzeit in nennenswertem Umfang Wohnraum in der Stadt. Im Bestand passiert noch mehr, als wir vermutet haben. Wir nähern uns in den Gründerzeitbezirken schön langsam wieder dem Niveau der Bewohnerzahl, die wir in den 70er Jahren hatten.

Welche Stadtareale vertragen denn mehr Dichte?

Nehmen Sie eine Wohnanlage der 50er Jahre, die aus drei diagonal zur Straße liegenden Scheiben besteht. Wenn ich diese zur Straße hin mit einer neuen Bebauung schließe, dann habe ich neue Nutzfläche geschaffen. Die verbleibende Grünfläche ist nur geringfügig kleiner geworden und auf einmal besser nutzbar, weil von der Straße abgeschirmt. Es gibt natürlich Siedlungskompositionen, wo das nicht geht.

Diese Wohnsiedlungen aus den 50er bis 80er Jahren sind ja prädestiniert für Nachverdichtung, sowohl für Aufstockungen als auch für Zubauten.

Genau. Das Institut für Städtebau der TU Wien ist im Rahmen einer Studie, die es im Auftrag der ma 50, der Wiener Wohnbauforschung, durchgeführt hat, zu denselben Ergebnissen gekommen, die ich Ihnen gerade erzählt habe. Gemeinsam mit Wiener Wohnen und mit unterschiedlichen Bauträgern schauen wir uns gerade einige ­Flächen an. Doch möchte ich da nicht vorgreifen, weil es verständlicherweise heikel ist, zu welchem Zeitpunkt Mieterinnen und ­Mieter einbezogen werden.

Eine Wohnsiedlung nachzuverdichten, ist sicherlich unpopulär.

Eine intelligente Lösung ist, es so zu gestalten, dass für die Bewohnerinnen und Bewohner eine Nutzungsperspektive entsteht. Wenn ich ihnen ein fertiges Konzept vor den Latz knalle, dann wird es weniger gut funktionieren, als wenn ich versuche, sie in geeigneter Form in den Gestaltungsprozess einzubeziehen.

Es geht also darum, einen Mehrwert für die bereits dort Wohnenden zu schaffen?

In den meisten Fällen ist der Begriff Nachverdichtung negativ konnotiert. Darüber sollte man auch fachlich und gesellschaftspolitisch reden. Dann müsste ja konsequenterweise die perfekte Stadt die entdichtete sein. Los Angeles ist super. Das ist natürlich Schwachsinn. Vielleicht ist der Begriff Intensität besser. Im Endeffekt ist Dichte eine notwendige Voraussetzung für Urbanität, aber keine hinreichende. Das heißt, es kann dicht sein und trotzdem furchtbar, wenn es eine schlechte Qualität hat.

Laut der Bevölkerungsprognose der Statistik Austria soll der siebte Gemeindebezirk bis 2060 27 Prozent mehr Menschen aufnehmen. Das kann man sich in diesem dicht gebauten Gebiet gar nicht vorstellen.

Dazu muss man wissen, wie solche Prognosen entstehen. Die Bevölkerungszahl wird aufgrund demografischer Parameter hochgerechnet, dann wird ein Teil auf die Stadterweiterungsgebiete und der Rest gleichmäßig über die Stadt verteilt. Diese statistischen Projektionen nehmen dabei in untergeordnetem Ausmaß auf baustrukturelle Limitierungen Bezug und stellen keine politischen Ziele dar. Im siebten ­Bezirk wird es noch eine Feinjustierung geben. Da gibt es auch Dachgeschosse, die nicht ausgebaut sind. Aber ein großmaßstäbiger Bevölkerungszuwachs wird und kann hier nicht stattfinden.

Durch Neubau und Weitentwicklung des Gedäudebestands kann die Stadt Wien 120.000 Wohnungen bereitstellen (2014 – 2025).
Quelle: step 2025, www.step.wien.at

Text

Anne Isopp
leitende Redakteurin der Zeitschrift Zuschnitt

redaktion@zuschnitt.at