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Carl Andre

Stefan Tasch
Erschienen in
Zuschnitt 67: Raumstapel
September 2017, Seite 28

Carl Andre zählt zu den wichtigsten Vertretern der Minimal-Art, die sich Anfang der 1960er Jahren in den USA als Gegenbewegung zur gestischen Malerei des Abstrakten Expressionismus formierte. Er erhielt Kunstunterricht an der renommierten Phillips Academy in Andover, Massachusetts, die auch Frank Stella besuchte. Ab 1957 war er in Stellas Atelier in New York tätig. Aus Geldmangel begann er 1960 bei der Pennsylvania Railroad in New Jersey zu arbeiten. Als Verschieber auf einem Güterbahnhof entdeckte er sein Interesse an der Ästhetik von Industriematerialien wie Metall oder gestapelten Holzbalken.

Anfang der 1960er Jahre entstanden die ersten »Pyramids«, Skulpturen aus Kanthölzern, die das Motiv der Pyramide in gegenläufiger Doppelung thematisieren. Alle aus Tannenholz gefertigten Originale wurden allerdings zerstört und – so wie andere Werke – erst später für Ausstellungen rekonstruiert. Beispiele dafür zeigt die Ausstellungsansicht einer großen Retrospektive im Solomon R. Guggenheim Museum in New York 1970: Zwischen den »Pyramids« ist die vertikale Skulptur »Well« zu sehen und davor »Lever«, eine auf dem Boden liegende Arbeit aus Ziegelsteinen. »Well« besteht aus 28 Holzbalken identischer Abmessungen, wobei die Stirn- und Längsseiten wie in einem Mauerverband von Lage zu Lage wechseln. Die Höhe der Skulptur von über 2 Metern macht es dabei unmöglich, das leere Innere der Konstruktion zu sehen. Die einzelnen Holzelemente sind weder verleimt noch durch Holzverbindungen zusammengehalten, sondern stabilisieren sich einzig durch die Schwerkraft und die Form der Module. Beinahe exemplarisch verhandeln diese Arbeiten die Entwicklung der Bildhauerei insgesamt bzw. die Metapher, die Andre dafür seit den 1960er Jahren verwendete: Anhand der Freiheitsstatue verdeutlichte er, dass sich Künstler anfangs für plastische Qualitäten interessierten, bis die Konstruktion bzw. deren Offenlegung in den Fokus rückten. Dafür nannte Andre den Eiffelturm als Beispiel. Die nächste und vorerst letzte Entwicklungsstufe der Bildhauerei sei das Interesse für den Ort. Alle Arbeiten Carl Andres wurden immer für einen bestimmten Ort konzipiert. Dabei spielte auch die Ökonomie der Mittel eine bedeutende Rolle. Nicht die bearbeitete Oberfläche sollte in den Fokus treten, sondern die Unmittelbarkeit des Materials. »Ich wünsche nicht, Kunst zu machen, die dich zerdrückt oder dir ins Auge schießt. Ich habe Arbeiten gerne, mit denen man in einem Raum ist und die man jederzeit ignorieren kann.« (Carl Andre, 1981)

Skulpturen von Carl Andre im Guggenheim Museum in New York, 1970, fotografiert von Gianfranco Gorgoni

Carl Andre
geboren 1935 in Quincy/US
lebt und arbeitet in New York

Einzelausstellungen (Auswahl)

  • 2017 Small Sculptures and Short Words, Paula Cooper Gallery, New York
  • 2016 Sculpture as Place, 1958 – 2010, Hamburger Bahnhof – Museum für Gegenwart, Berlin Konrad Fischer Galerie, Berlin
  • 2015 In His Time, Mnuchin Gallery, New York
  • 2014/15 A Friendship: Carl Andre’s Works on Paper from the LeWitt Collection, The Dan Flavin Art Institute, Bridgehampton, New York
  • 2014 Poems 1958 – 1969, Museum zu Allerheiligen, Schaffhausen/CH

Gruppenausstellungen (Auswahl)

  • 2017 Primary Structures: Meisterwerke der Minimal Art, MMK 2, Frankfurt
  • 2016 Can I step on it?, Galleria Franco Noero, Turin
  • 2015 America Is Hard to See, Whitney Museum of American Art, New York
  • 2014 Texte in der Kunst, Georg Kargl Fine Arts, Wien
  • 2013 Il Palazzo Enciclopedico, 55. Biennale von Venedig, Venedig

Foto

© Bildrecht, Wien/Gianfranco Gorgoni

Text

Stefan Tasch
Studium der Kunstgeschichte in Wien und Edinburgh, Arbeit in verschiedenen Museen und Galerien