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Essay

Offene oder geschlossene Systeme?

Renate Breuß
Erschienen in
Zuschnitt 67: Raumstapel
September 2017, Seite 4f

Zum Bild von der Urhütte gehört der Baum. Im Baum erkennt der Mensch ein Muster, aus seiner Verzweigung entwickelt er Genealogien und Stammbäume, konstruiert Bauweisen, baut Hütten und Boote. Körperliche und geistige Arbeit gehören in dieser frühhandwerklichen Zeit zusammen, ästhetische Funktionen sind von den nützlichen nicht getrennt. Vielmehr bilden Schönheit und Nutzen eine Einheit, eindrücklich belegt in pfeilschnellen Booten und kühnen Dachstühlen, in weit gespannten Brücken, repräsentativen Wohnhäusern, profanen Scheunen. Die Konstruktion ist Bestandteil der Gestaltung, die hohe Kunst des Fügens das Metier des Zimmerers, des obersten aller Handwerker. Wo etwas gefügt wird, da muss es auch passen, genaues Ausführen ist die Voraussetzung. In vormetrischer Zeit ist dieser Anspruch auffällig oft in handwerklichen Vorgängen, im Zusammenhang mit der Tätigkeit des Zimmerers oder Baumeisters beschrieben.1 Nicht nur die Zimmerleute, auch die mittelalterlichen Köche folgen den Prämissen des ständigen Aufpassens, verbinden die einzelnen Teile zu einem neuen Ganzen mit kontrollierter und maßvoller Hand. Diese Aussagen sind bemerkenswerter, als sie scheinen mögen. Zum Wortschatz der Zimmerer gehören sie noch heute. 
In einem Gespräch mit dem Unternehmer und Zimmerer Michael Kaufmann aus Reuthe sagt er zur Vorfertigung von Raummodulen aus Holz: »Die Kunst an der ganzen Geschichte ist das genaue Zusammenfügen, dass es überall Schattenfugen gibt, dass die Details über und neben dem Fenster stimmen, dass überall eine schöne Fuge ist. Das muss passen.« Zu bedenken ist, dass im Raummodulbau, wenn große Werkstoffplatten im Einsatz sind, nicht mehr das kunstvolle Fügen von Stäben die Tektonik bestimmt, diesen Part übernehmen heute die großformatigen Platten. Das wiederum öffnet neue Möglichkeiten in der Gestaltung der Räume und Fassaden, wie dies mit neuen Materialien und Produktionsweisen stets der Fall ist. Für das Berufsbild des Zimmerers, seine handwerkliche Haltung scheinen die alten Prämissen aber nach wie vor ein Gradmesser zu sein, auch in der Zusammenarbeit mit anderen Gewerken. Nicht zuletzt entscheidet die Qualität dieser Kooperation über die Frage, ob der Raummodulbau nun Handwerk oder schon Industrie sei, schreibt Robert Fabach zur Ausstellung »Holzmodulbau«.2

Diese handwerkliche Kooperation stärkt auch das soziale Verhalten. An der Herstellung von Raummodulen sind verschiedenste Gewerke beteiligt, es kommen viele Leute zusammen. Sie arbeiten in kleinen Teams, jedes an einer Station, vom Holzbauer bis zum Polsterer, bis das voll ausgestattete Raummodul am Ende der Fertigungsstraße dasteht, fertig für die Montage. Bestausgebildete Handwerker bilden den Kopf dieser Teams, sie halten den Trupp zusammen, sind die Schnittstellen zwischen den Gewerken und achten auf einen guten Umgang. Kommunikationsfähigkeit und Gespür für rechtzeitiges Einschreiten oder Rückzug zeichnen diese Leute neben ihrem handwerklichen, meist branchenübergreifenden Know-how aus. Hilfsarbeiter und Lehrlinge arbeiten ihnen zu, lernen von ihnen. Lehrlinge durchlaufen bei größeren Serien alle Stationen. Bleibt einer über den gesamten Verlauf immer am selben Platz, kann die Verrichtung immer wiederkehrender Handgriffe eintönig werden. Ältere Dienstnehmer, »die oft die Nerven und die Fitness nicht mehr haben«, sehen das eher positiv. Auch die regelmäßigen Arbeitszeiten im geschützten Bereich einer Halle, mehr Zeit für Familie und Freunde, Sport und Verein, das wird heute großgeschrieben. Dass er die Leute im Raummodulbau besser nach ihren Stärken und Schwächen einsetzen und auf die Potenziale der Mitbewerber zugreifen könne, sieht Kaufmann als Chance, als Generalunternehmer ist das möglich. Seit der Fertigstellung einer zweiten Halle ist zudem ein innerbetrieblicher Austausch zwischen Raummodulbau und klassischer Zimmerei möglich. Für die Handwerker ist diese Verbindung, der Systemwechsel, ein willkommener Ausgleich. Nicht nur ist in dieser Form der Unternehmensführung die Weitergabe von Wissen und Fertigkeiten von einer Generation zur nächsten gesichert, auch der Raummodulbau profitiert, denn ohne gut ausgebildete Handwerker kommt er nicht aus. Die Risiken für das Handwerk liegen im Grad der Spezialisierung, in der Entfremdung, im Verlust der Mittelbarkeit und Identifikation mit dem Objekt. Industriell hergestellte Produkte sind bis ins Detail fixiert. Die Geschlossenheit eines industriellen Systems lässt keine Änderungen, kein Anpassen und kein Reagieren auf Unerwartetes mehr zu. Handwerk ist, wie der Kultursoziologe Richard Sennett betont, ein offenes System. Die Qualität baut sich auf im Team, in den produktiven Handlungen, im sich Einlassen auf Wider-stände. So kann neues Wissen auf implizitem Wissen aufbauen, sind dem Lernenden keine Grenzen gesetzt. Handwerk ist in -Sennetts Definition eine Haltung, unabhängig von Werkzeugen und Maschinen, übertragbar auf viele, auch digitale Bereiche. Die Griechen hatten für Meister des Improvisierens einen eigenen Namen, die »mageiroi«. So unterschieden sie die Künstlerköche von den gewöhnlichen Köchen.3 Im Auge zu behalten sind die »mageiroi« mehr als die Perfektionisten und Spezialisten.

1 Vgl. Dietrich Kurz: Akpibeia. Das Ideal der Exaktheit bei den Griechen bis Aristoteles, Göppingen 1970, S. 131.
2 Begleitheft zur Ausstellung Holzmodulbau im Werkraum Bregenzerwald, 2016, S. 5.
3 Vgl. Renate Breuß: Das Maß im Kochen. Messen und Proportionieren in Küche und Kunst, Innsbruck 1999, S. 82.

Text

Renate Breuß
freiberufliche Kunsthistorikerin, Lehrbeauftragte für Kultur, Design und Wahrnehmung an der Fachhochschule Vorarlberg. Bücher und Beiträge zur Kultur des Bauens und zum Handwerk, zur Theorie des Kochens. Bis 2016 Geschäftsführerin Werkraum Bregenzerwald.