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Ist das modulare Bauen ein Ausweg aus der Wohnungskrise?

Oliver Lowenstein, Anne Isopp
Erschienen in
Zuschnitt 67: Raumstapel
September 2017, Seite 18f.

Oliver Lowenstein

In Großbritannien

Der Trend, Wohnbauten in vorgefertigter modularer Bauweise zu errichten, ist vor dem Hintergrund der aktuellen Wohnungskrise zu sehen. Laut einer Wohnbauprognose von 2016 werden bis 2039 210.000 neue Wohnungen pro Jahr in Großbritannien benötigt. Dieses Ziel wurde in den letzten dreißig Jahren nie erreicht. Deshalb beläuft sich der Bedarf an neuen Wohnungen in Großbritannien aktuell auf 2,3 Millionen, wie Paul Cheshire von der London School of Economics betont.1 Es ist daher wenig überraschend, dass die Thematik zu einem zunehmend heiß diskutierten politischen Thema geworden ist. Das Grundsatzprogramm der Konservativen Partei aus dem Jahr 2015 hat sich den Bau von 1 Million neuer Wohnungen zwischen 2015 und 2020 und weiterer 500.000 bis 2022 zum Ziel gesetzt.

Auch von Architekten, Bauträgern und anderen Akteuren der Bauszene wird das Bauen mit vorgefertigten Elementen als ein Ausweg aus der Wohnungskrise gesehen. Während der letzten fünf Jahre wurde eine ganze Reihe von Fertigbau-, »Off-site« und Vorfertigungsinitiativen gestartet. Ein weiterer Grund für das zunehmende Interesse an der modularen Vorfertigung ist das geringe Qualifikationsniveau innerhalb des Bausektors, das weit unter dem europäischen Durchschnitt liegt. Derzeit gibt es drei Initiativen, die in großem Maßstab mit Brettsperrholz Fertighäuser herstellen werden.

L&G Homes will 3.000 Häuser pro Jahr produzieren. Dazu haben sie in ein 550.000 m2 großes, mit neuester Technologie ausgestattetes Werk investiert, das in Sherburn-in-Elmet, North Yorkshire, 15 Meilen östlich von Leeds liegt. Dabei werden erprobte Vorfertigungsansätze und -erfahrungen aus der Schweiz, Deutschland, Österreich und den skandinavischen Ländern übernommen und angewendet. L&G Homes zufolge will man sich zunehmend von aus Österreich importierten, fertig zugeschnittenen Brettsperrholz-Produkten wegbewegen und diese am Werkstandort selbst zuschneiden, bis hin zur möglichen Herstellung von Brettsperrholz im eigenen Werk.

Für die Swan Housing Association, eine in Essex, East London und der Region östlich davon tätige regionale Wohnbaugesellschaft, richtet L&G Homes zur Zeit ein eigenes Werk in Basildon ein, um die Baustelle Beechwood Village mit 600 Häusern in Fertigbauweise zu beliefern. Das Werk wird voraussichtlich im Dezember vollkommen in Betrieb genommen.

B & K Structures war bis 2006 in der Stahlindustrie tätig, bevor sie ein Brettschichtholz entwickelte und anschließend einen Brettsperrholz-Zweig gründete. Sie arbeitet mit einigen österreichischen Firmen zusammen und ist auch für die Lieferung von Brettsperrholz bei hochkarätigen Londoner Projekten zuständig. Es überrascht daher wenig, dass auch B & K Structures eine modulare Werkniederlassung plant.

1 Liam Halligan: Radical reform is the only solution to Britain’s housing crisis, The Spectator, 5.11.2016.

Anne Isopp

In Deutschland

Auch in Deutschland ist der Druck auf dem Wohnungsmarkt groß. Man erhofft sich nun mithilfe einer seriellen Bauweise, schneller und kostengünstiger Wohnungen errichten zu können. Das Bundesbauministerium und die Deutsche Wohnungswirtschaft haben deshalb gemeinsam ein europaweites Ausschreibungsverfahren gestartet mit dem Ziel, eine Rahmenvereinbarung über den Neubau von mehrgeschossigen Wohngebäuden in serieller und modularer Bauweise mit mehreren Bietergemeinschaften aus Planung und Ausführung abzuschließen. Dies bietet insbesondere öffentlichen Wohnungsunternehmen die Möglichkeit, ohne weitere Verfahren Angebote aus der Rahmenvereinbarung lokal angepasst direkt zu realisieren und damit die Vorlaufzeiten für Bauvorhaben wesentlich zu verkürzen. Laut Axel Gedaschko, Präsident des Bundesverbands deutscher Wohnungs- und Immobilienunternehmen, werden pro Jahr insgesamt 80.000 zusätzliche Mietwohnungen im geförderten Bereich und rund 60.000 Mietwohnungen im bezahlbaren Segment benötigt. Durch die Ausschreibung hofft er, innovative Baukonzepte zu finden, die vier Dinge vereinen sollen: Zeitersparnis beim Bau, reduzierte Baukosten, eine hohe architektonische und städtebauliche Qualität sowie die Berücksichtigung baukultureller Belange.
www.bmub.bund.de/buendnis-wohnen

Entwicklung eines Systembaukastens

An der Technischen Universität München läuft bis Ende des Jahres ein Forschungsprojekt mit dem Ziel, einen Baukasten zu entwickeln, mit dessen Hilfe Wohnbau in serieller Bauweise schnell und günstig errichtet werden kann.
www.bauen-mit-weitblick.tum.de

In Österreich

Das Land Vorarlberg bat die gemeinnützigen Bauträger um Lösungen für kostengünstigen und schnell zu errichtenden Wohnbau. Die Vogewosi baute daraufhin gemeinsam mit Architekt Johannes Kaufmann in Mäder zwei dreigeschossige Wohnbauten mit jeweils zehn Wohnungen in Raummodulbauweise, die diese Kriterien erfüllen: Nur sechs Monate dauerte es von Planung bis Fertigstellung, und die 65 m2 großen Wohnungen werden für Euro 500,– inkl. Betriebskosten vermietet. Die Errichtungskosten konnten so gering gehalten werden, weil die Wohnbauten quadratisch und damit sehr kompakt sind, die Wohnungen alle identisch konzipiert sind (Minimierung des Planungsaufwandes) und auf eine Unterkellerung, eine Tiefgarage und einen Lift verzichtet wurde. Jede Wohnung besteht aus drei Raummodulen. Das Treppenhaus aus Betonfertigteilen wurde zwischen die Raummodule eingehängt. Die Ausführungsqualität ist hoch, die Wohnungen sind gut geschnitten, die Erschließungszonen einfach und zugleich freundlich gestaltet. Das System hat sich bewährt, sodass das Architekturbüro bereits an zwei direkten Folgeaufträgen 
und an weiteren Projekten arbeitet.

Text

Oliver Lowenstein

ist Chefredakteur von Fourth Door Review, einem britischen Kultur- und Öko­logiemagazin. www.fourthdoor.co.uk

Anne Isopp
leitende Redakteurin der Zeitschrift Zuschnitt

redaktion@zuschnitt.at