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Der feine Unterschied

Türen im Kindergarten

Hubertus Adam
Erschienen in
Zuschnitt 68: Holztür
Dezember 2017, Seite 22f.

Ein Holzbau inmitten von Lugano? Das mag auf den ersten Blick fragwürdig erscheinen. Denn Lugano, und das betrifft auch den östlich der Innenstadt gelegenen Stadtteil Cassarate, wird geprägt durch Apartmentbauten der 1950er- bis 1990er-Jahre, und der Investorendruck hat sich in der jüngsten Zeit eher noch verstärkt. Insofern mutet der Kindergarten, den das Architekturbüro Bruno Fioretti Marquez 2015 nahe dem Luganersee realisiert hat, auf den ersten Blick fast absurd an: eingeschossig, wo in der Nachbarschaft alles in die Höhe strebt, und aus Holz, obwohl in der Um-gebung Beton oder Backstein das Bauen dominieren.

Doch der Holzbau fügt sich auf überzeugende Weise in die bestehende urbane Struktur ein: Er franst nicht pavillonartig aus, sondern gibt sich als klare Setzung zu erkennen. Basis ist ein trapezoides Grundmodul mit schrägem Dach, und dieses wird so repetiert und kombiniert, dass ein Geviert von sieben mal acht dieser Elemente entsteht. Nach außen, also zur Stadt hin, zeigt sich das Geviert geschlossen, obwohl die Fassade mal vor- und mal zurücktritt, mal sich in die Höhe entwickelt und dann wieder herablässt, sodass sich der vage Eindruck von kleinteiligen Giebelstrukturen einstellt.

Das Gebäude, das die Architekten zu Recht als »Stadt in der Stadt« verstehen und das von außen fast hermetisch wirkt, entwickelt im Inneren eine ungeahnte Vielgestaltigkeit. Von den potenziell 56 Modulen bleiben 21 ausgespart. Sie fungieren als zentraler Erschließungsbereich und als Innenhöfe, um die sich die fünf Kindergarteneinheiten und der Verwaltungsbereich gruppieren. Dieser kann wahlweise als öffentliche Durchwegung oder als gemeinsamer Spielhof fungieren.

Ein Betonsockel bildet die Grundlage für die aus Brettsperrholz gefertigten Module. Diese sind innen lasiert und außen sowie zu den inneren Durchgängen und Höfen hin mit Platten aus wärmebehandeltem und mit feinen vertikalen Profilen versehenem Espenholz verkleidet. Entscheidend für die gesamte Logik des Gebäudes ist eine Fuge, die auf einer Höhe von etwas mehr als zwei Metern das gesamte Bauwerk bestimmt: Sie trennt die oberen und unteren Wandelemente und definiert eine Höhenlinie, in die sich alle Ein- und Ausbauelemente einfügen – nicht zuletzt die für dieses Gebäude entscheidenden Türen. Schiebetüren im Inneren erlauben es, die einzelnen Kindergärten zusammenzuschalten, Türen zu den Höfen oder in den zentralen Erschließungs- und Spielbereich ermöglichen Zu- oder Ausgänge. Diese Türen fügen sich nahtlos in die Wände ein, sind mitunter gar nicht als solche zu erkennen: Lediglich Schließzylinder verweisen auf sie, und wo Kinder in der Nähe sein können, befinden sich die Klinken auf Schulterhöhe der Erwachsenen.

Text

Hubertus Adam
ist freier Architekturkritiker, Architekturhistoriker und Kurator. Nach Jahren als Redakteur für Bauwelt in Berlin und archithese in Zürich leitete er von 2010 bis 2015 das S AM Schweizerisches Architekturmuseum in Basel. Er veröffentlichte zahlreiche Bücher und ist für diverse Medien im In- und Ausland tätig.

Stadt in der Stadt

Standort

Via Concordia 7, Lugano/CH

Bauherr

Città di Lugano, Lugano/CH, www.lugano.ch

Planung

Bruno Fioretti Marquez Architekten, Lugano/CH, Berlin/D, www.bfm.berlin

Statik

Borlini & Zanini SA, Lugano/CH, www.borlini-zanini.ch

Holzbau/Außentüren

Veragouth AG, Bedano/CH, www.veragouth.com

Innentüren

RWD Schlatter AG, Roggwil/CH, www.rwdschlatter.ch

Fertigstellung

2014

Außentür in geschützter Lage

Funktion

Eingangstür

Öffnungsart

Drehflügeltür

Flügelanzahl

Einflügelig

Durchgangslichte

92 x 212cm

Türblattdicke

81mm, mit Fassade 150mm

Falzquerschnitt

Zweifach gefälzt

Türblattkonstruktion

Vollbautür

Oberfläche

Thermoholz Espe (außen), Dreischichtplatte, lasiert (innen)

Türzarge

Pfostenstock Massivholz

Wärmedämmung

Ud = 0,9 W/mK

Sonstige Funktionen

Fluchttür mit Panik-Beschlag