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Im Gespräch

„Das Phänomen Tür hat an gestalterischer Bedeutung verloren“

Arno Ritter, Hermann Czech
Erschienen in
Zuschnitt 68: Holztür
Dezember 2017, Seite 14f.
MAK-Café in Wien mit geschlossener ...
... und offener Tür. (1993)

Hermann Czech und Arno Ritter diskutieren über die Tür, ihre Funktion, Gestaltung und Bedeutung in der Architektur

Arno Ritter: Im Zuge der Vorbereitung auf unser Gespräch habe ich im Internet nur Technisches, Funktionales und Normatives über die Tür gefunden, über die Bedeutung der Tür in der Architektur, ihre Symbolik und Proportion im Bezug zum Gebäude aber gar nichts. Die Tür wird scheinbar nur mehr technisch und normativ gedacht. Oder siehst du das anders, Hermann?

Hermann Czech: Ich sehe eine Verarmung im Einsatz von Türen. Man darf zum Beispiel keine Türen mehr unter 80 Zentimetern Breite machen, das heißt, dass auch alle Klotüren 80 Zentimeter breit sein müssen. 

Arno Ritter: Ritter Du hast ja relativ viele Türen in deinem Büro, warum eigentlich?

Hermann Czech: Wenig Platz, aber viele Türen.

Arno Ritter: Weil jede Tür eine unterschiedliche Funktion oder Bedeutung hat?

Hermann Czech: Ich würde das nicht mit Bedeutung aufladen. Es sind sehr enge Räume, in die gerade ein großer Tisch hineingeht und rundum Sessel. Wenn 
einer hinaus- oder hineingehen will, dann muss er sich nicht hinter irgendeinem Sessel vorbeizwängen, weil ja in dem Raum vier Türen sind, manche viel kleiner, 50/180cm zum Beispiel. Man kann überall zumindest aus einer Tür hinaus.

(Die Eingangstür zum Büro von Hermann Czech wird geöffnet. Es knarrt.)

Arno Ritter: Deine Türen knarren, ihr solltet sie einmal ölen!

Hermann Czech: Das lassen wir mit Absicht. Damit wir auch im hinteren Arbeitsraum hören, wenn jemand reinkommt. Wenn wir diese Tür schmieren, dann müssen wir eine Klingel einbauen.

Arno Ritter: Beim ehemaligen Lokal vom mak hast du eine eigenwillige Tür geplant. Warum?

Hermann Czech: Das Problem dort war, dass das Tor, hätte man es ganz aufgemacht, bei der Stiege nicht ganz vorbeigegangen wäre. Deswegen habe ich unten am Tor an der äußersten Ecke eine Klappe gemacht, die separat zu öffnen war. 
So ging das Tor am Stiegenantritt vorbei. Die Klappe ist noch immer da, aber sie wird nicht mehr geöffnet, auch die Stiege ist jetzt anders. Ursprünglich war die Tür zum Restaurant vom MAK am Montag, wenn das Lokal geschlossen war, zu. Da stand nichts drauf. Das heißt, wo vorher ein riesiger Eingang war mit einer Stiege, fand man, wenn man sich dort für Montag verabredet hatte, kein Lokal. Es war weg.

Ist für Sie, Herr Czech, die Tür denn eher ein funktionales oder ein Gestaltungselement?

Hermann Czech: Das ist nicht trennbar. Das Funktionale, also wie die Tür funktioniert, ist ja ein Gestaltungselement. Einige Architekten wollen noch immer aus jeder Tür eine Tapetentür machen, das heißt, die Tür schließt bündig an und niemand weiß mehr, wie die Tür aufgeht. In einer Wohnung lernt man es mit der Zeit, aber in öffentlichen Gebäuden, in die viele fremde Leute zum ersten Mal kommen, probiert die Hälfte von ihnen, die Tür verkehrt aufzumachen.

Diese Unsicherheit, in welche Richtung eine Tür aufgeht, kann man oft beobachten.

Hermann Czech: Das ist der Fall, wenn ich zwischen einer Gestaltungsidee und einer Nutzungsidee trenne.

Arno Ritter: Früher wusste man nicht selten schon vor der Tür, was hinter ihr ist. Heute gibt es in der Regel nur mehr einen Typus von Tür, egal, was dahinter vorhanden ist – ob es das Putzkammerl oder das Schlafzimmer ist. Das Phänomen Tür hat eine gewisse gestalterische Bedeutung verloren, denn früher gab es öfter eine symbolische Dramaturgie von Türen.

Hermann Czech: Es spielt auch eine Rolle, was ich durch die Türe sehe, wenn sie offen steht. Josef Frank argumentierte, dass eine Schlafzimmertür nicht so aufgehen sollte, dass man gleich das ganze Zimmer überblicken kann. Wenn einer beim Schlafzimmer nicht anklopft und die Türe nur einen Spalt aufmacht, sieht er sofort aufs Bett; das muss ja nicht sein. Das heißt, die Türe sollte in die andere Richtung aufgehen, damit die Person im Bett zumindest eine Weile geschützt ist.

Arno Ritter: Da sind wir beim Anschlag der Tür: rechts oder links, nach innen oder nach außen aufgehend. 

Hermann Czech: In Restaurants gibt es oft zur Küche hin eine Pendeltüre mit einer Öffnung, damit man sehen kann, ob jemand kommt. Die Öffnung ist normalerweise in Augenhöhe eines Erwachsenen, meist kreisrund. Wenn aber ein Kind vor der Türe steht, sieht man es nicht. Im Restaurant im Palais Schwarzenberg haben wir Servicetüren zwischen Gasträumen mit Öffnungen gleich neben dem Griff gemacht. 
Man sieht nicht, wer kommt, sondern bloß, ob jemand von der anderen Seite andrückt. Auch dabei sind Funktions- und Gestaltungsüberlegung nicht voneinander zu trennen.

Arno Ritter: Hermann, du sagst, der irreführendste Begriff in der Architekturtheorie ist die Funktion. Wie meinst du das?

Hermann Czech: Mit dem Begriff Funktion verbindet man die Idee, dass die Funktion schon vorher da ist und man ihr folgen muss. Die Funktion ist aber vorher nicht da, genauso wenig wie die Konstruktion oder das Licht. Die Funktion ist erst mit dem ausgeführten Entwurf da. Sie wird erst durch den Entwurf geschaffen.

Arno Ritter: Bruno Taut hat eine unglaubliche farbige Vielfalt bei den Haustüren seiner Wohnbauten geschaffen. Dahinter steckt, vermute ich, der Versuch der Individualisierung des Eingangs.

Hermann Czech: Das ist sicher ein Weg. Mich interessiert aber noch ein anderer Aspekt der Farbe in der Architektur, nämlich dass sie verschwindet. Es gibt ja Farben, die man nicht mehr als Farbe registriert. Am einfachsten kann man sich das bei einer Materialfarbe vorstellen, wie beim Holz. Aber auch eine deckende Pigmentfarbe kann eine so gewohnte Erscheinung sein, dass sie nicht mehr bewusst wahrgenommen wird. Bei Fenstersprossen zum Beispiel gibt es Farben, die über Jahrzehnte üblich waren, so dass man sie als Farbe nicht mehr sieht.

Arno, was muss eine Tür denn für dich als Nutzer können?

Arno Ritter: Ursprünglich hatte ich das Gefühl, dass ein Zuschnitt über Türen nicht viel hergibt. Dann erzählte uns beim Editorialboard Peter Schober von der Holzforschung sehr viel über Türen. In der Diskussion sind wir dann von der Psychologie über die Signaletik bis hin zu den Proportionen, zur technischen Ausstattung und zu Zielkonflikten in den Funktionen gekommen. Und plötzlich hat sich diese einfache Tür zu einem komplexen Phänomen entwickelt. Vorher hatte ich nicht viel über die Tür nachgedacht. Dann sind mir sehr viele Redewendungen eingefallen, in denen die Tür als Bestandteil der Alltagssprache vorkommt. Es gibt eine sprachliche Vielfalt rund um die symbolische Bedeutung und die Metaphorik der Tür. Wenn ich mir aber heute die Architektur anschaue, sehe ich relativ pragmatische, einfache Systemlösungen, die hauptsächlich technischer Natur sind, aber keine Lösungen, die etwas Poetisches oder Signaletisches haben. Die Türen müssen funktionieren, that’s it. In meiner Wahrnehmung ist das ein Verlust in der Auseinandersetzung darüber, was eine Tür ist, was eine Tür leisten kann – auch im Zusammenhang mit dem Raum und seiner Dramaturgie.

Hermann Czech: Um wieder zu dem zu kommen, was deiner Meinung nach fehlt, nämlich eine Bedeutung, muss man wieder darauf eingehen, wie man die Tür benützt. Das ist zu spezifizieren. Es geht nicht darum, verschiedene Formen zu suchen, sondern die konkrete Ausbildung entsteht aus konkreten Überlegungen heraus. 
In welche Richtung geht sie auf? Wie hoch ist sie und wie breit? Soll ich durchschauen können oder nicht? Ist sie versperrbar oder nicht? Das sind Überlegungen, die mit dem jeweiligen Lebenszusammenhang zu tun haben. Durch das Eingehen auf diese Fragen unterscheidet sich eine bestimmte Tür von selbst von anderen. Wenn sich dann eine konkrete räumliche oder formale Assoziation anbietet, kann man sie verfolgen, betonen – oder auch vermeiden. Man kann aber, so wie ich es sehe, nicht mit dieser Ebene beginnen. Sie zu vernachlässigen oder auszuschließen, wäre freilich eine Verarmung.

Arno Ritter: Deswegen bist du mir auch als Gesprächspartner zum Phänomen Tür eingefallen. Ich finde, dass du mit Türen sehr bewusst umgehst. Für dich ist die Tür nicht nur eine Tür.

Fotos

© Atelier Hermann Czech (oben links)
© Harald Schönfellinger (oben rechts)
© Gabriele Kaiser (unten)

Interview

Anne Isopp

Text

Arno Ritter
Leiter des aut. architektur und tirol, Kurator, Ausstellungsmacher und freier Kulturpublizist
Hermann Czech
Architekt in Wien, ungleichartiges architektonisches und planerisches Werk, zahlreiche kritische und theoretische Publikationen zur Architektur.
Eine Tür im Atelier von Hermann Czech schließt jeweils einen der Besprechungsräume und gibt den anderen zum Durchgang frei. Erfunden hat das Marcel Duchamp.